Ausgabe 
24.11.1902
 
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Vielleicht hegte sie neben ihrem Entschluß auch Den heim­lichen Wunsch diesen Beamten der Kriminalbehörde mit seiner wirklich unvergleichlichen Geschicklichkeit persönlich kennen zu lernen. So also erhielt dieser Tag seine volle Ergänzurig: des Morgens hatte sie dadurch daß sie die Farkas an der Flucht gehindert, das Wild aufgehalten, und des Abends machte sie die Bekanntschaft des Jägers in Person.

Sobald Müller in dem Atelier war, begann er, ohne Um irgend eine Auskunft zu bitten, erst die Mauern zu untersuchen, indem er mit dem Finger auf die die Wände überziehenden Tapeten klopfte. Als er vor den Winkel kam, worin sich Julie versteckt hatte, rief er:

Ta ist ein Hohlraum."

Jawohl", erwiderte die Gräfin, die sich keine seiner Bewegungen entgehen ließ,diese Tapete verbirgt ein Kabinett."

Tas ich früher einmal genau kannte, als es noch zur Wohnung Querzewskis gehörte; ich hatte es aber damals nur oberflächlich untersucht. Dars ich es jetzt gründlicher durchstöbern?"

Ganz wie Sie wünschen."

Er hob den Gobelin in die Höhe, steckte ihn hoch und trat ein.

Nach einigen Sekunden flüchtiger Prüfung des Raumes bemerkte er, daß in einer Ecke das Tapetenpapier abge­rissen war. Ter Riß schien ihm noch ganz frisch zu sein.

Gut", sagte er sich,eben hatte Julie ihr kleines Ge­schäft begonnen, als sie darin unterbrochen wurde." Er setzte seine Untersuchung fort, pochte an die bloßgelegten Zregel und bemerkte, daß einige nicht ganz fest faßen. Er zwängte ein Stemmeisen zwischen zwei Ziegel, und es ge­lang ihm, den einen herauszubrechen. Tie beiden andern wurden noch leichter entfernt, als der erste und alsbald kamen vier in Papier eingewickelte Pakete zum Vorschein.

Er nahm eines heraus und öffnete es. Ein mächtiger Stoß vollkommen erhaltener Banknoten lag darin. Tie drei anderen tvaren ebenso dick und mußten demnach Wohl dieselbe Anzahl von Banknoten enthalten: jedes zwei- hundertfünfzig Stück.

Sein erster Gedanke ivar:Wieviel unfruchtbares Kapital!" Ter Gedanke, daß niemand außer Querzewski die Anzahl dieser Banknoten kannte, und daß nur ein Paket von diesen, selbst nur dessen Hälfte, für den Entdecker dieses Schatzes ein Vermögen ausmachen würde, kain ihm einmal in den Sinn. Tenn er allein hatte ihn doch ohne die Hilfe eines Menschen, bloß basierend auf Logik und ans Nachdenken, geleitet von seinem Scharfsinn, entdeckt.

Mit diesen Paketen beladen und sie an die Brust drückend, trat er m das Atelier zurück und sagte in seiner schlichten Weise zur Gräfin Toroukoff und zu Georg Ra- kenius:

Ta ist die Million."

Wirklich! Bei Gott, das ist zu wunderbar!" rief die Gräfin aus, die ihre Bewunderung nicht länger zurückhalten konnte.Und Ihnen ist es gelungen, diesen Fund zu thun"

Ganz einfach, Frau Gräfin, indem ich mir sagte, daß bei dem Charakter einer Julie Farkas, wie ich ihn an ihr kenne, sie gute Gründe gehabt haben mußte, in dieses Hans ivieder zurückzukehren und sich in dem Kabinett zu verstecken."

Sie fütb wirklich von einer unfaßbaren Geschicklich^- keit, mein Herr, und ich mache Ihnen mein Kompliment. Aber was sollen wir mit dem Gelbe anfangen? Es gehört nicht mir. Es gehört dem früheren Eigentümer des Palais, dem Prinzen Tschigorin."

Wollen Sie die Güte haben, Durchlaucht, es wenig­stens für den Augenblick auszubewahren und mir Zeit zu lassen, meine Meldung zu erstatten. Ich würde mich fürchten, eine so große Summe aufzuheben."

O, man könnte sie Ihnen unbesorgt ant) er trauen. Man weiß wirklich nicht, was man an Ihnen mehr bewundern soll: Ihre Geschicklichkeit oder Ihre Ehrlichkeit."

Meinen Geist und Verstand, Durchlaucht. Ich habe mir !yn tnpige von Hebung und langjähriger Praxis er­worben. Tie andere Eigenschaft, von der Sie sprechen, ist ja ganz natürlich und man muß mir dafür keinen Tunk wissen."

Nach diesen Worten, die ihm wohl erlaubt waren, zog

er sich zurück. Er war stets mehr Mann der That als des Wortes.

Tie Entdeckung, die er gemacht hatte, so wichtig sie auch an sich war, freute ihn wirklich nur aus dem einen Grunde, da er sich sagte:Jetzt bin ich sicher, meinen Querzewski wieder zu erwischen. Er wird und muß zu seiner Million zurückkehren!" Auch in diesem Punkte täuschte er sich nicht. Seine Erfahrung und Menschen­kenntnis bei gewissen Personen unterstützten und halfen ihm darin.

Seit mehreren Jahren lebte in dem Verbrecher nur mehr der einzige Gedanke, seine Million wiederzuerlangen und sich durch diese alle erdenklichen Genüsse zu bereiten. Tiefe fixe Idee hatte ihm, wie er seiner Geliebten stets versichert hatte, das Elend eines Zuchthauses ertragen helfen und hatte ihn die Gefahren einer kühnen Flucht überstehen lassen. Wäre der Vergleich nicht ziu gewagt, könnte man ihn mit jenen frommen Schwärmern vergleichen, die sich allen Schmerzen und jedem Opfer unterwerfen, die Augen gen Himmel erhoben, bloß in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Aus ein solches besseres Leben zu verzichten, aller­dings ein Leben auf dieser Welt, voll von materiellen Genüssen, die er sich schon so lange erträumt hatte, war Paul Querzewski, Der entlassene Sträfling, nicht der Mann hierzu? Wozu auch sollte er verzichten? Weshalb auf halbem Wege stehen bleiben? Weil er jetzt großen Ge­fahren entgegenlief? Er sah diese Gefahren nicht. Tas Einzige, was er durch den Haushofmeister der Gräfin To­roukoff wußte, war, daß Julie aus dem Hause gejagt wor­den war, weil man sie auf einer Neugierde ertappt hatte. Weiter nichts. Von ihrer Verhaftung wußte er nichts. Er tpar überzeugt, daß sie ihn jetzt suchte. Und wenn sie ihn noch nicht gefunden hatte, so lag der Grund darin, daß er aus übertriebener Vorsicht aus der Zimmerstraße verzogen war und auch diesen seinen lebten Zufluchtsort verändert

4^ 144.4. V.

Er wußte auch, daß er auf Julien nicht mehr rechnen durfte, daß der Plan von dieser Seite mißglückt war. Wer schon seit langem hatte er den Fall vorausgesehen und alles vorbereitet, selbst ^u handeln, falls der .Handstreich feiner Geliebten nicht glücken würde.

Nachdem er drei Tage verschwunden ivar und im Osten von Berlin zugebracht hatte, kehrte er zurück, um in der Umgegend des Palais herumzustreichen und stellte sich end­lich unter das Portal jenes Hauses, in dem Müller vor einigen Tagen das Erscheinen Juliens abgeivartet hatte. Tort sollte er um eine gewisse Stunde einen Kammerdiener der Toroukoff treffen, einen großen Kartenfrennd und Schürzenjäger, der auch zur Trunkenheit neigte und leicht trunken zu machen war, mit dem er sich seit einiger Zeit befreundet hatte. Es handelte sich jetzt darum, ihn eines Abends in eine dazu hergerichtete Wohnung zu locken, ihn dort nach Lust spielen, essen und trinken zu lassen und dann, wenn er vollkommen trunken und besinnungslos war, dessen Livree anzuzieheu, seine Bewegungen nachzu­ahmen, seine Stimme anzunehmen und an seiner Stelle in das Palais der Toroukoff zurückzukehren. Dieser Plan war verwegen, die Ausführung voller Gefahr aber Quer­zewski, den seine fixe Idee leitete, die ihm keine Ruhe mehr ließ, besonders, da er keine Ahnung von der Rückkehr Müllers, von seinen Entdeckungen und Schritten hatte, war entschlossen, endlich einmal ein Ende zu machen und

zu handeln.

(Schluß folgt.)

Eine Jugettbsteundschast Kaiser Friedrichs in.

Im Novemberheft derDeutschen Rundschau" (Berlin, Gebr. Pätel) macht Frau Emma Ribbeck, geb. Baeyer, ans Grund von Briefen und eigenen Erinnerungen höchst fesselnde Mitteilungen über eine Jugendfreundschaft Kaiser Fried­richs III. aus den Jahren 181648. .

Als znni Umgang für den damals etwa 15jährigen Prinzen geeignet vom Direktor des Friedrich-Wilhelm- Gymnasinms 'vorgeschlagen, erfreute sich Eduard Baeyer, Sohn des damaligen Oberstleutnants, späteren Präsidenten des Geodätischen Bureaus, Baeyer, bald des innigsten Freundschaftsverhältnisses mit dem gleichaltrigen Prinzen. Beide machten gemeinsame Kahnfahrten auf der Havel, Spazierritte bei Potsdam, Reisen ins Gebirge und an die See, liefen zusammen Schlittschuh, spielten Theater »sw.