(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-
(Fortsetzung.)
76. Kapitel.
Müller hatte Julien keineswegs etwas vorgelogen, als er ichr sagte, daß er hoffte, Querzewski wiederzufinden. Plötzlich kam ihm ein Gedanke, den er sofort ausführen wollte. Er begab sich schleunigst zu Georg Rakenius, teilte ihm die neue Verhaftung mit und sagte:
„Ich möchte gern erfahren, wie es der Farkas gelungen ist, bei der Gräfin als Kammermädchen einzutreten, wer sie empfohlen und wer für sie gutgestanden hat."
„Ihre Frage setzt mich nicht in Verwunderung", entgegnete Georg, „und ich habe bereits dieselbe Frage an die Gräfin gerichtet. Sie hatte eingewilligt, dies Mädchen aufzunehmen, weil sie ihr der Haushofmeister, ein alter, treuer Diener, anempfohlen hatte."
„Woher kannte er sie denn?"
„Tas allerdings kann ich Ihnen nicht sagen?"
„Könnte ich ihn vielleicht sofort persönlich sprechen?"
„Nichts einfacher als das. Begleiten Sie mich in das Palais Toroukoff."
Auf die Fragen, die dem Haushofmeister eine halbe Stunde nachher gestellt wurden, antwortete dieser offen und ehrlich:
„Ich hatte seit einigen Monaten die Bekanntschaft eines höchst ehrenwerten Mannes gemacht, der mir einige Gefälligkeiten erwiesen hatte. Als Gegenleistung hatte er mich ersucht, eine gewissenhafte Person, die er protegierte, in einem guten Hause unterzubringen. Und so habe ich sie hier bei uns eintreten lassen."
„Wo haben Sie die Bekanntschaft dieses bewußten ehrenwerten Herrn gemacht?"
„Am Wilhelmsplatz, wo wir uns täglich trafen."
„Wissen Sie seine Adresse?"
„Ja, mein Herr, Zimmerstraße.---Ich hatte ihm
früher mehrere Besuche gemacht. Ich komme soeben von ihm."
„Wie? Was sagen Sie?"
„Gewiß. Als ich erfuhr, daß sich die Gräfin über das Müdchen zu beklagen hatte, so werden Sie wohl einsehen, daß mir die Sache sehr unangenehm war. Und so ging ich denn sofort zu ihrem Protektor und machte ihm die heftigsten Borwürfe."
„Na, da können Sie wenigstens das Bewußtsein mit sich nehmen, da etwas Hochgeistreiches gemacht zu haben!" schrie fetzt Müller, total wütend geworden.
Er schickte den Haushofmeister weg, und mit Georg allein geblieben, sagte er M diesem:
Nr. 175.
1902
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„Sie haben begriffen, nicht wahr? Dieser Mensch war unbedingt Paul Querzewski. Ohne den Besuch dieses Dummkopfes hätten wir jetzt unseren Burschen. Jetzt natürlich läuft er schon zum Teufel. Wer weiß, ob wir ihn je wieder finden!"
Plötzlich aber hielt er inne und schloß weiter:
„dtun denn, nein! Er kann uns nicht entwischen! EI ist schon zum zweiten Male, daß mich diese Idee frappiert, und sie kann nicht grundlos sein. Lassen Sie uns überlegen. Warum hat er seine Geliebte, die Farkas, hier in den Dienst treten lassen? Bloß'um sie den Nachforschungen zu entziehen? Ta wäre sie bei ihm in der Zimmerstraße genau so gut verborgen gewesen. Er mußte somit einen anderen Zweck, einen seit langem gefaßten Plan verfolgen, der sich an eine andere Geschichte anschließt. — Als ich vor zwei Jahren beide hier verhaftet habe, wollte ich sein Zimmer, das er bewohnte, von unten bis oben durchstöbern. Ter Prinz Tschigorin nämlich war bestohlen. Sein Sekretär, der frühere Geldfälscher Querzewski, hatte an des Prinzen Stelle mittels gefälschter Wechsel eine Million erhoben, die in verschiedenen großen Bankhäusern von Berlin deponiert war. — Was ist aus dem Gelbe geworden? Ter Prinz hatte aus gewissen Gründen, um einem Skandal aus dem Wege zu gehen, keine Anzeige erstattet. Querzewski aber hatte ich erst als Flüchtling und entsprungenen Zuchthäusler zu verhaften gehabt. Somit hatte ich weder etwas zu sagen, noch etwas zu thun. Aber es wäre heute wichtig, zu erfahren, ob sich das gestohlene Geld noch innerhalb des Palais befindet. Sie werden gleich begreifen, weshalb. — Ich glaube, Sie habe» mir gesagt, daß sich die Farkas im Atelier der Gräfin versteckt hatte?"
„Ja."
„In welcher Etage befindet sich das Atelier?"
„In der zweiten."
„Ganz recht. Es war auch die zweite Etage, in welcher der Sekretär des Prinzen Tschigorin gewohnt hatte. Sonach mußte wahrscheinlich auch dessen Zimmer herhalten, um das Atelier auszubauen?"
„Sehr wahrscheinlich."
„Nun", rief Müller aus, „dann wollte ich wetten, daß man dort oben, wenn man genau nachsucht, einen Schatz entdecken würde. Ich möchte gerne im Interesse unserer Sache Gewißheit darüber haben. Wenn die Million wirklich noch im Palais ist, werden wir auch Querzewski hier im Palais wbfangen. Wird mir die Gräfin die Erlaubnis geben, ihr Atelier genau zu untersuchen?"
„Ich will sie fragen gehen. Erwarten Sie mich hierin
77. Kapitel.
Tie Gräfin erteilte eiligst die Erlaubnis, um welche Müller gebeten. Sie war selbst begierig, zu erfahren, ob sie thatsächlich als unwissentliche Hüterin dieses Schatzes mehrere Jahre bei sich eine Million beherbergt hatte. Sie wollte selbst bei den Nachsuchungen anwesend sein, undi


