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48. Kapitel.
Hesekiel befolgte getreulich alle Vorschriften, die ihm sein Chef erteilt hatte, nur mit kleinen Aenderungen in den Details, die er für unerläßlich nötig erachtete. Nachdem er aus Herrn Sanftlebens Kasse die zu seinem Feldzug nötigen Gelder empfangen hatte, ging er nach Haus, in die Adalbertstraße, und teilte seinem Portier mit, daß er auf einige Tage verreise, kletterte auf sein Zimmer, und suchte einen alten, mit allen möglichen Eisenbahnetiketten beklebten Koffer hervor, den er im Vorjahre auf seiner Reise aus seiner Heimat nach Berlin benutzt hatte. In diesen packte er nun alles, was er an Kleidern und Wäsche besaß, trug ihn mit Hilfe eines Nachbarn hinab, nahm einen Wagen und ließ sich auf den Friedrich- straßen-Bahnhof fahren, wo er seinen Koffer in der Gepäckaufgabe abgab. Tann schickte er den Wagen weg, und ging zu Fuß in die Augsburger Straße 174.
„Ich komme eben aus der Provinz an", sagte er zu der Portierfrau, „um den Rest des Winters in Berlin zu verleben, möchte aber nicht im Hotel leben. Jemand hier nebenan hat mich hierhergewiesen und gesagt, Sie hätten noch eine kleine möblierte Wohnung zu vermieten. Wie teuer ist sie?"
„Zweihundertfünfzig Mark fürs Quartal, mein Herr, das ist beinahe geschenkt. Dasselbe würden Sie auch für ein Hotelzimmer zahlen, und hier haben Sie dafür eine komplete Wohnung, sehr schön möbliert, sehr gemütlich und sehr riuhig. Wollen Sie vielleicht die Wohnung ansehen?"
„Ja, ganz gern."
Sie stiegen hinauf und besahen sich die Räume; Hese- lielt behauptete, sie wären nach seinem Geschmack, nur wäre ihm die Miete zu hoch. Man handelte dann noch eine Weile, und einigte sich schließlich auf zweihundert Mark für das Quartal.
„Man sieht wohl, daß Sie aus der Provinz kommen", meinte sie lachend. „In Berlin handeln so schöne Herren wie Sie nicht so lange wegen ein paar lumpige Mark."
„Ter Grund liegt darin, liebe Frau", sagte Hefekiel, „daß Sie hierbei nicht an jene Person dachten, die sich die Mühe gegeben hat, mir die Wohnung zu zeigen und dieselbe zu vermieten. Ich habe dabei nicht für mich gehandelt. Hier haben Sie dreihundert Mark", fügte er hinzu und zog seine Brieftasche heraus. „Behalten Sie nur die ganze Summe. Da wir den Preis zu zweihundert Mark vereinbart haben, bleiben die anderen fünf Goldfüchse für Sie."
Tie Portierfrau war begeistert und fand sofort, daß die Herren aus der Provinz die Berliner weit überträfen.
„Und wer wird Ihre Bedienung übernehmen?" fragte sie.
„Mein Dienstmädchen. Sie kommt morgen früh mit dem Personenzug. Sie begreifen wohl, daß sie nicht mit dem Expreß zu fahren braucht wie rch. Tas kommt dies zu hoch."
„Ja, ja — ich verstehe, aber — —"
„Was?"
„Ich meinte bloß man — ich habe eigentlich darauf gerechnet. Ihnen die Wirtschaft zu führen."
„Wieviel hätten Sie dafür gefordert?"
„Zwanzig Mark im Monat. Tas ist fo, was ich für 'gewöhnlich bekomme."
Hesekiel trat ein, und karn auf einen Wink seines Chefs weiter nach vorn.
„Also ist dort, wo ich Ihnen gesagt habe, ein Zimmer zu vermieten?"
„Nein, Herr Direktor. Wer die eine Partei, die eine der beiden kleinen Wohnungen fünf Treppen bewohnt hatte, ist gestern nach dem Süden verzogen, und hat die Portiersfrau beauftragt, ihre Wohnung, möbliert wie sie ist, auf drei Monate zu vermieten."
„Sie sprechen von dem Hause in der Augsburger Straße?" fragte Georg.
„Jawohl", antwortete Sanftleben. „Sie iverden mir zugeben, daß es von unerläßlicher Wichtigkeit ist, um Minna, die unter Krankheitsvorwand niemals ausgeht, zu überwachen, daß unser Mann in ihrer Nähe, sechs Treppen, irgendwo in einem Dienerzimmer wohnte."
„Es ist aber keines frei", sagte Hesekiel.
„Sie täuschen sich. Es muß eins frei sein", bemerkte Georg, „und zwar das, welches zu der Wohnung in der fünften Etage, die ja vermietet werden soll, gehört. Warum mieten Sie dann also nicht diese Wohnung?"
„Gut, wenn Sie die Auslagen nicht scheuen —"
,^Jch habe Ihnen bereits gesagt, daß mich keine Ausgabe schreckt. Wer sagen Sie einmal, heißt dieser Mieter, der jetzt verreist ist, nicht etwa Keßler? Ist das nicht der Zeuge, der behauptet, Herrn von Sempach erkannt zu haben?"
„Nein, mein Herr", entgegnete Hesekiel. „Man hat mir einen anderen Namen genannt. 1 Man hat mir sogar noch gesagt, es fei die Wohnung neben der des Herrn Keßler."
„Gut. Abgemacht. Wir mieten also diese Wohnung. Wer aber soll darin wohnen."
„Hier, Herr Hesekiel. Er sieht gut aus, hat ein sicheres Auftreten, und kann sich leicht für einen Lebemann irgendwo aus der Provinz ausgeben, der seinen Winter in Berlin verbringen will. Die Hotels sind zu teuer und zu lärmend. Und deshalb sucht er sich eben eine kleine, ruhige, möblierte Wohnung. Er spricht mit der Portiersfrau, und nachdem er erst lange herumgehandelt hat, wie's ein richtiger Provinzler thun muß, — wird er schließlich mit ihr oder dem Wirt handelseinig. Auch der Lebemann aus der Provinz handelt. Sie wird sich natürlich anbieten, ihn zu bedienen. Das schlägt er ab. Er hat das Restaurationsleben satt, und will bei sich zu Hause essen. Er braucht eine Bedienerin und will sich deshalb in eine Ge- sindevermittelungsanstalt begeben. Trotz seiner Ordnungsliebe und Sparsamkeit zeigt er sich gegen bre Portiersfrau sehr freigebig, um bei ihr gut angeschrieben zu sein. Dann geht er weg, kauft einen beliebigen Koffer, stopft ihn voll, womit er will, giebt ihn dann bei der Paketfahrt auf irgend einem Bahnhof auf, und läßt ihn sich dann schicken. Man darf keine Vorsicht außer Acht lassen und muß selbst die Kutscher täuschen, die oft beim Kofferabladen gerne plaudern. Sie verstehen mich wohl, Herr Hesekiel?"
„Ich habe keine Silbe von dem Gesagteil verloren, Herr Direktor."
„Haben Sie dann den Koffer auf dem Wagen, lassen Sie sich nach der Augsburger Straße fahren, und ziehen dann ein. Es fehlt Ihnen dann nur noch das Dienstmädchen. Sie kennen meine Angestellten so gut wie ich selbst, Herr Hesekiel. Haben wir im Dienste ober unter den Bewerberinnen irgend eine Person, die sich für die Stelle eines solchen Dienstmädchens eignete?"
„Da wäre die Anna Kreisch, die sich , in voriger Woche zur Familienbewachung angeboten hat."
. »Ja, richtig, ich entsinne mich. Die scheint mir ganz intelligent und gerieben. Ihre Adresse müssen wir ja gebucht haben. Sie werden sich mit ihr sofort ins Ein- vernehmen setzen, damit sie sich 'gleich morgen in der Früh bei Ihnen vorstellen kommt. Sie geben ihr das Zunmer oben sechs Treppen, und geben ihr den strengsten Auftrag, jede Bewegung und Handlung Minnas zu be- obachten und Sie von den leisesten Umständen zu benach- rrchtigen. Nach dieser Zusammenstellung befände sich also Mmna zwischen zwei Feuern: dem aus der Dienerstiege und dem auf dem Herrschaftsaufgange. Sie kann somit weder ausgehen noch jemand empfangen, ohne daß Sie es wußten und sofort Ihre Maßregeln ergriffen. Selbstredend hindert Sie nichts, mit ihr näher anzuknüpfen. Sie sind hübsch — sie ist jung, und Vice versa; das sind
alles ganz natürliche Sachen. Nur verlieren Sie nicht Ihr kaltes Blut, und fangen Sie sich nicht in den eigenen Stricken. — Das wäre schlimm."
Damit wendete er sich zu Georg, der stillschweigend zugehört hatte, und fragte:
„Scheint Ihnen dieser mein Plan annehmbar, Herr Rakenius?"
„Soviel ich davon verstehe, finde ich ihn einfach famos."
Sanftleben stand auf, steckte eine würdevolle Miene auf, die eines Weltgelehrten würdig wäre, und wendete sich an seinen Untergebenen:
„Herr Hesekiel, ich betraue Sie trotz Ihrer Unerfahrenheit mit einer schwierigen Mission von höchster Wichtigkeit. Ich hoffe, Sie werden sich meines Vertrauens auch würdig zeigen. Von dem Erfolge hängt Ihre Zukunft ab."
„Und auch Ihr Vermögen", hielt Georg für geeignet hinzuzufügen, in der Ueberzeugung, daß das jedenfalls nichts schadete.


