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„Da ich eS gaüz begreiflich finde, daß Sie auch Ihren kleinen Nebenverdienst haben, und da Sie ja schuldlos daran find, daß ich bereits eine Bedienung habe, will ich Ihnen trotzdem monatlich zehn Mark geben. Sind Sie mit der Hälfte zufrieden?"
„O gewiß, gnädiger Herr, ich danke auch, vielmals. Ich werde Ihnen das schon wieder auf andere Art einbringen. Ich will gern von Zeit zu Zett Ihrem Mädchen etwas nachhelfen."
„Tas wäre sehr liebenswürdig von Ihnen, und ich sehe, daß wir uns schon vertragen werden. Ich bitte Sie, mir eine Empfangsbestätigung auf den Namen Herms aus Posen auszufertigen. Ich gehe inzwischen mein Gepäck vom Bahnhof abzuhvlen und ziehe dann in ein oder zwei Stunden ein. Za, richtig. — Tas Wesentlichste hätte ich beinahe ver- gessen. Sie haben doch noch irgendwo eine Kammer für mein Mädchen?"
„Aber nur eine ganz kleine. Sie begreifen, für die Wohnungen von der fünften Etage —"
„Wenn sie nur irgendwo unterkommt. Wählerisch ist fie nicht."
„Und dann könnte sie ja der gnädige Herr in feiner Wohnung schlafen lassen, in dem großen Kabinett, das ins Worderzimmer führt. Wenn man einmal krank wird, ist es immerhin bequem, jemand ganz dicht bei sich zu haben."
„Tas ist ein Gedanke. Ich werde ja noch sehen." r— l . (Fortsetzung folgt.)
Das Bergschlotz Ulrichstein.
Aus dem Nordabhang des Vogelsbergs, vor dem Südweststurm durch den überragenden Schloßberg geschützt, an den es sich förmlich wie ein Schwalbennest anklebt, liegt Ulrichstein. Ulrichstein, ein ominöses Wort für den Hessen aus den meldereu Gefilden Starkenburgs und Rheinhessens, der dabei eine Gänsehaut bekommt, krampfhaft und unter dem lebhaft geäußertem Verlangen nach einem Kognak die Arme zusammenschlägt und resigniert die wohlbekannten Verse Tatterichs citiert: Ich war in Rom und Glückstadt sein Gefährte, drum will ichs nun in Ulrichstein ihm sein. Aber Ulrichstein ist wirklich besser als sein Ruf. Ein rauhes Klima besitzt zwar das Städtchen und die nächste Banstation ist jetzt noch drei Stunden weit entfernt, aber es läßt sich auch in Ulrichstein ganz gut leben, man muß nur einen etwas abgehärteten Korpus und nicht allzuviel städtische Passionen haben, und zumal der Naturfreund kommt bei der herben, etwas melancholischen Schönheit der Landschaft erst recht auf seine Rechnung.
Tie beide»! Dinge, die im Mittelalter den Stolz und den Rühm Ulrichsteins ansmachten, sind allerdings verschwunden. Man brennt fernen Fruchtbranntwein mehr dort, mit dem ehernals die rüstige Wirtin vom „Wirtshaus an der Lahn" rauhen Fuhrleuten und wanderfrohen Gesellen die ausgetrockneten Kehlen netzte, und auch das umfangreiche Schloß, das vor Zeiten den Cchloßberg krönte, ist nicht mehr. Und das letztere ist ganz besonders zu bedauern! 'Tenn, nach den auf unsere Zeit gekommenen Abbildungen zu schließen, war die hochinteressante Burg auch im Aufbau äußerst stattlich und beherrschte weit hinaus das Land.
Obschon der Untergang der Burg erst im zweiten Viertel des vergangenen Jahrhunderts erfolgte, war bis vor kurzem wenig mehr von ihr bekannt. Die Kuppe des Schloßbergs stellte sich als eine grasüberwachsene, unregelmäßige Fläche dar, aus der hier und da niedrige Mauerreste zusammenhanglos auftauchten; das Vieh weidete dort und gleichmütig ging der wackere Ulrichsteiner an den spärlichen Resten der Vorzeit vorbei. Ein Vortrag, den Professor Dir. Röschen in Laubach anfangs der neunziger Jahre in Ulrichstein über die Geschichte des Städtchens und der Burg hielt, änderte die Sache in erfreulicher Weise. Interesse an der Erhaltung des wenigen noch auf dem Schloßberg Bestehenden, an der Nachforschung nach dem Verborgenen erwachte in Ulrichstein, weitere Kreise interessierten sich, dann nahm sich die Grvßh. Staatsregierung — der Staat ist Eigentümer des Burggebiets — der Sache an. Auf Grund einer im Mai v. I. durch höhere Baubeamte vorgenommenen Besichtigung erhielt das Großh. Hochbauamt Alsfeld zunächst zur Vornahme umfassender Ausgrabungen Auftrag. Mit denselben wurde im Juli v. I. begonnen; man arbeitete in der Weise, daß entlang den vorhandenen Mauerresten kleine Gräben gezogen wurden und den Quermauern, auf die man
dabei stieß, wiederum nachgegangen wurde. Fortwährend fanden dabei Ausmessungen der neu ausgegrabenen Mauerzüge und entsprechende Eintragungen im Grundrißplan statt; man hatte hierdurch immer eine genaue Uebersicht über den Stand der Arbeiten vor Augen, was eine wesentliche Erleichterung bedeutete. Tie Ausgrabungen gingen im April dieses Jahres zu Ende und es war gelungen, den Grundriß der gesamten Burganlage genan festzustellen, in Verbindung mit den vorhandenen historischen Notizen ergab sich so ein klares Bild ihrer Geschichte.
Tas Bergschloß bestand in seiner Vollendung aus Kern- und Vorburg. Erstere, auf der höchsten Spitze des Schloßbergs erbaut, umfaßte drei größere, um einen kleinen Hof, der den Brunnen enthielt, gruppierte Gebäude, die sich an die 1345 erbaute Ringmauer anlehnten; Bauzeit: 1340, 1484, 1494. Ein alter Wartturm, wohl das erste Bauwerk auf dem Schloßberg, ist bei Erbauung des zweiten Wohngebäudes (1484), das sich nun über seine Fundamente iveg erstreckt, des beschränkten Raumes halber abgerissen worden. Tas älteste Wohngebäude nebst der Ringmauer wurde von Johann, bezw. Heinrich zu Eiseubach erbaut, deren Familie das Amt Ulrichstein von Landgraf Heinrich II. zu Lehen erhalten hatte. Nach dem 1399 erfolgten Verzicht der Familie Eisenbach wurde das Amt von den Landgrafen in eigene Verwaltung genommen und das Schloß war Wohnung der Amtmänner.
In dem Raum zwischen Kern- und Vorburg, nächst dem Haupteingang von Ulrichstein aus, wurde bei den Ms- grabungen die Schloßkapelle, einschiffig mit Chor und Sakristei, vorgefunden. Tieselbe wird schon im Jahre 1367 erwähnt. Unmittelbar an der Kapelle schließt sich der Friedhof an, der zuletzt zur Ausnahme einer Massenbestattung, vielleicht infolge" der Pest, gedient hat. An 200 Leichen sind dort beigesetzt, regelmäßig in Reih und Glied mit gefalteten Händen und gekreuzten Beinen, Männer, Frauen und Kinder jeden Mters. Tie Skelette tragen sämtlich auf dem Gesicht einen Tachschiefer, liegen eng bei einander, so eng, daß Särge nicht benutzt worden sein können; da sich auch keinerlei Reste von Kleidungsstücken, Knöpfe u. dgl. gefunden haben, war die Bekleidung der Leichen wohl mir die notdürftigste.
Nach dem Tod Philipps des Großmütigen (1567) gelangte das Amt Ulrichstein an die Kinder aus dessen Nebenehe mit Margarethe von der Saale, die Grafen Tietz, von denen der Graf Christoph Ernst aus dem Schloß Wohnsitz nahnr. Er führte die Ringmauer der Vorburg mit ihren kräftigen Bastionen und dem inneren Thorbau an dem Haupteingang auf. Tie Ringmauer ist sehr ausgedehnt und erstreckt sich in unregelmäßigem Viereck um die ganze Kernburg; in ihrer nächsten Nähe, innerhalb des Burg- gebieks, wurden die Reste mehrerer zu Zwecken der Landwirtschaft errichteter Gebäude (Scheunen, Stallungen, Keller) vorgefunden. Christoph Ernst, der einen nichts weniger als tugendhaften Lebenswandel auf Ulrichstein führte, wurde 1570 von seinen Halbbrüdern, den Landgrafen Ludwig von Marburg und Georg von Darmstadt, nach Erstürmung der Bergveste gefangen nach der Festung Ziegenhain geführt, wo er bis zu seinem Tode blieb. Tas Amt Ulrichstein kam an Hessen-Marburg, nach dem Tode des Landgrafen Ludwig (1604) an Hessen-Darmstadt; das Schloß wurde wieder mit Amtleuten besetzt.
Im dreißigjährigen Krieg hatte Ulrichstein viel auszuhalten. Tas Schloß wurde 1622 von Christian von Braunschweig, 1646 von General Geyfo eingenommen, die Vorburg erlitt dabei schwere Schäden, die zum Teil nicht wieder ausgebessert wurden. 1759, im siebenjährigen Krieg, besetzten Franzosen das Bergschloß, Hessen-Kasseler nahmen es mit stürmender Hand wieder; die wackeren Hessen, die sich nach einem noch erhaltenen Bericht vorzüglich geschlagen hatten, verloren dabei 22 Tote, deren Massengrab man jetzt auch unmittelbar neben dem Haupteingang aus- gefunden hat. 1762 wurde die Burg wieder von Franzosen besetzt, jedoch, bald danach geräumt. 1813 übernachtete Blücher hier, aus der Verfolgung Napoleons nach der Leipziger Schlacht begriffen. Und dann kam das für uns heute geradezu Unbegreifliche. Tas Amt Ulrichstein wurde ausgehoben, das Schloß stand leer, man hatte keine Verwendung dafür. Und so wurde dasselbe Schloß, das die Stürme der mittelalterlichen Fehden, des dreißigjährigen, siebenjährigen und Freiheitskrieges im ganzen wohlerhalten überdauert hatte, auf den Abbruch verkauft, und zwar 1827


