Freitag den 24. Moder.
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1902. — Nr. 158.
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Mi-WWWff ; Mil. JUll
(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. R e v e l-
(Fortsetzung.)
47. Kapitel.
Trotz allen Verlockungen Monte-Carlos und seinem heimlichen Wunsche, sein Geld wiederzugewinnen, kehrte Sanftleben nach Mschickung der Depesche wieder in das Hotel de Paris zurück, packte seinen Koffer und benutzte den Nachtzug, wie es vereinbart worden war. So konnte er übermorgen schon zu Hause schlafen, und vollständig ausgeruht um neun Uhr morgens mit freiem Kopf wieder in sein Bureau gehen. Hesekiel, der ihn während seiner Abwesenheit vertreten hatte, erwartete ihn bereits, um ihm Rechnung abzulegen und Bericht zu erstatten. Sanft- leben hörte seinem Vortrage zu, und nachdem er über die verschiedenen Angelegenheiten, mit denen sich die Agentur momentan beschäftigte, genügend informiert war, fragte er ihn:
„Ist der Herr, den Sie am Tage meiner Abreise bei mir gesehen haben, gestern hier gewesen?"
„Herr Georg Rakenius? Der Maler? Jawohl, Herr Direktor. Er hat gestern hier vorgesprochen."
„Sie wissen also seinen Namen?"
„Da ich Ihr Vertreter war, glaubte er mir Vertrauen schenken zu dürfen, und teilte mir mit, wer er sei."
„Hat er meine Depesche erhalten?"
„Ja. Er schien sehr verdrießlich darüber, sehr verstimmt. Er hat mir gesagt, daß er heute morgen rechtzeitig Herkommen würde, um mit Ihnen zu sprechen und etwas zu beschließen."
„Gut. Haben Sie heute morgen nichts Wichtiges zu thun?"
„Nein, Herr Direktor. Ich erwarte nur Ihre weiteren Anweisungen."
„So — dann begeben Sie sich sofort in die Augsburger Straße; versuchen Sie dort irgendwie herauszubekommen, ob nicht in diesem Hause ein Zimmer zu vermieten wäre. Das Haus hat die Nummer — —"
„In dem Hause, in dem der Mord geschehen ist?"
„Ganz recht, in demselben. Ich sehe, daß der Rakenius mit Ihnen über den Fall gesprochen hat."
„Aus einigen Worten, die er darüber fallen ließ, habe ich begriffen--"
„Also, wenn Sie die Sache verstanden haben, so handeln Sie von diesem Augenblicke an mit aller Vorsicht. Wenden Sie sich nicht an die Portierfrau. Ziehen Sie Ihre Erkundigungen auf indirekte Mt ein. Also gehen Eie jetzt. Herr Rakenius kann jeden Augenblick kommen, Und ich muß vorher oder während er noch hier ist, wissen, woran ich bin."
Kaum war Hesekiel weg, als sich Sanftleben an seinen Schreibtisch setzte, seine Briefe erbrach und einige veant-. wortete. Als er mitten im Schreiben war, trat Georg ein.
„Sie haben also keinen Erfolg gehabt?" waren die ersten Worte des Malers.
„Nein, leider nicht", antwortete Sanftleben. „Trotz aller meiner Bemühungen war Müller nicht zu überreden. Sein Platz ist gut, und er will ihn um keinen Preis ver-. lassen und aufgeben."
Rakenius den eigentlichen Grund, weshalb sich Müller geweigert hatte, mitzuteilen, hielt er für überflüssig. Er fürchtete, daß sein Klient eine schlechte Meinung von einem Menschen bekäme, der in Monte-Carlo ein System! spielte, und daß er sich gesagt hätte, ein solcher Narr wäre so vieler Mühe, Geld und dreier verlorener Tage nicht wert gewesen. Doch darin hätte er sich getäuscht-, Georg Rakenius, der vor allem Künstler war, hätte die Leidenschaft eines Müller sehr wohl verstanden und entschuldigt. .
Georg, dem seine Schwester gestern die zu ergreifenden Maßregeln vorgeschrieben hatte, fuhr fort:
„Der, den wir haben wollten, ist nicht zu bekommen. Das ist zwar ein Pech, aber läßt sich weiter nicht ändern, Aber könnten Sie nicht, wenn Sie genau nachsuchen wollten, eine andere Person finden, auf die man sich verlassen! könnte?"
„Ich habe diese Frage erwartet, Herr Rakenius", entgegnete Sanftleben, „und ich habe meine Antwort schon parat. — Ich habe hier unter meinen Händen einen arbeitsamen, strebsamen, jungen Mann, der mich auch während meiner Abwesenheit vertreten hatte, Herrn Hesekiel. Er hat allerdings nicht die Routine eines Müller, aber ich könnte ihn immerhin leiten, ihm die Mt und Weise des Vorgehens vorschreiben, und diese den verschiedenen Umständen und Verhältnissen anpassen. Ich will gleichzeitig hinzufügen, daß er überhaupt bei mir zum ersten Male arbeitet, daß er sich noch in keiner wichtigen Angelegen- heit blamiert hat, und auch nicht, glaube ich, „ungebrannt^ werden würde, wie wir zu sagen pflegen. Und das ist schon ein großer Vorteil. Diese Minna kann ja vielleicht schon einmal mit der Polizei zu thun gehabt haben, und würde auch unter Verkleidung einen meiner früheren, älteren Bediensteten oder einen Kriminalbeamten erkannt haben. — Solche Pflanzen haben meistens, — das muß man ihnen lassen — eine eigene Nase und riechen ihren Braten, — verzeihen Sie diesen Ausdruck."
„Na, dann versuchen Sie es einmal mit Ihrem Menschen, wenn Sie Vertrauen zu ihm haben."
„Schön! Ich erwarte ihn jeden Augenblick. Ich habe ihn weggeschickt, lint eine absolut notwendige Information einzuziehen. — Ah, das wird er sei«. W hat eben geklingelt."
Gleich darauf ivnrde au die Kanzleithür geklopft.
„Herein!" rief Sanftleben lebhaft.


