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schaffen wir uns zuerst die Adresse, das Wettere werden wir ja dann sehen, tote wir uns überzeugen, tote wir finden können. Es ist noch nicht acht Uhr, da bleibt uns noch bis neun Uhr Zeit!"
„Bis neun Uhr! Du meinst also wirklich, daß wir noch diesen Abend ----"
„Warum nicht?--Alles läßt mich bestimmt glauben,
daß sie den gestrigen Abend miteinander zugebracht haben. Sie haben vielleicht die Verabredung getroffen, sich heute abermals zu treffen. Sie haben vielleicht täglich Rendezvous", schloß sie mit leiser, gedrückter Stimme.
Da er schwieg, fuhr sie fort, ihre Idee laut zu verfolgen:
„Du sagst, ganz Berlin wisse von der Verhaftung des Herrn von Sempach. Was nennst Tu ganz Berlin? Die Welt der Klubs, in der sich Neuigkeiten wie im Fluge verbreiten, die Geschäftswelt, die sich Zeitungen kauft, um in die letzten Depeschen Einsicht zu nehmen. Das ist aber nur der hundertste Teil von Berlin. In der Mehrzahl der Familien und Privathäuser erfährt man gewisse Neuigkeiten erst den nächsten Morgen und bespricht sie dann. — Vielleicht ahnt in ihrem Hanse keine Seele, daß sie Herrn von Sempach kemtt. Weshalb sollte man dann von ihm erzählen? Hättest Tu daran gedacht, zu mir zu eilen und es mir zu erzählen, wenn er nicht unser Freund gewesen wäre? Es wäre ja auch nicht unmöglich gewesen, daß Tu überhaupt nicht nach Hause gekommen wärst, daß Tu int Klub zu Mittag gegessen hättest, sodaß ich von der Geschichte erst morgen aus Zufall etwas erfahren hätte. Mit einem Worte, ich habe das ausgesprochene Gefühl, daß sich die Unbekannte heute abend wieder dahin begiebt. Ach, laß uns - zum Tapezierer gehen. — Komm, komm, ich begleite Dich!"
„Wie! Tu wolltest---?"
„Ich werde aus Dich im Wagen warten. — Ich will mich diesem Manne nicht zeigen. — Auch liegt es nicht in meiner Absicht, jenes Haus zu betreten, wenn wir auch die Adresse erfahren haben. Sei nur ruhig! Ich weiß wohl, daß dies nicht mein Platz ist. — Tu kannst mich ja dann wieder zurücksahren lassen. Aber während der Fahrt wollen wir noch überlegen, was zu thuu ist. Geyen wir!"
„Du hast ja noch nicht gegessen!"
„Ach! Ich denke jetzt gerade ans Essen! Wird er vielleicht jetzt in Moabit speisen, wohin man ihn, tote Du sagst, gebracht hat? Der Unglückselige ! Gott, was muß er wohl jetzt durchmachen! Er, der so gut ist, der stets liebte, mir Gutes zu thuu, er, die Diskretion und der Edelmut in Person, — er, eines Mordes angeklagt!"
Bor einigen Augenblicken hatte sie bereits geklingelt, eine Droschke zu holen. Eben wurde ihr gemeldet, daß sie vorgefahren sei.
16. Kapitel.
Unterwegs schärfte Bertha ihrem Bruder ein, tote er mit dem Tapezierer zu reden habe. Er hörte ihr stillschweigend und gehorsam zu, schon seit langem gewohnt, sich von ihrem schlagfertigen, gerade und hell denkenden Verstände lenken zu lassen, glücklich, dieser seiner einzigen Gefährtin, seiner einzigen Freundin, die er noch nie verlassen, mit der er heute alle Freuden teilte, wie er auch einst mit ihr das Unglück und alle Leiden geteilt hatte, untergeordnet zu sein; denn er fühlte, daß sie eine praktischere Natur war tote er.
Endlich war man dort, und Georg trat in das große, in der eleganten Welt sehr bekannte Geschäst, indes seine Schwester im Wagen zurückblieb.
Aus seinen Wunsch wurde Herr Grundner, der Chef des Hauses, verständigt und herbeigeholt. Dieser beeilte sich, auf den Ruf seines Kunden, dem er sein Haus vor zwei Jahren vollständig eingerichtet und der ihn, ohne viel zu handeln, mit echter Künstlerfreigebigkeit honoriert hatte, sofort zu erscheinen.
„Was steht zu Diensten?" fragte er, indem er näher trat.
„Ich hoffe", begann Georg Rakenius, „daß Sie mir aus einer großen Verlegenheit werden helfen können."
„Gewiß, gewiß! Ich toäre sehr glücklich darüber, Herr Professor. Worum handelt es sich denn?"
„Einer meiner Freunde, der plötzlich in Geschäften nach London abberusen wurde, schreibt mir soeben, daß er in seiner Wohnung höchst wichttge Papiere vergessen
habe. Er bittet mich, sie ihm so rasch wie möglich nachzusenden, und gießt mir zwar das Möbelstück genau an, wo es zu finden ist, — jedoch vergißt er seine hiesige Adresse. Er glaubt jedenfalls, ich wüßte sie, — doch da täuschte er sich gewaltig. Ich kenne nur seine offizielle Wohnung; dahin komme ich beinahe täglich. Seine andere Wohnung aber kenne ich nicht. Es mag sein, daß er sie mir einmal genannt hat, doch ich zerbreche mir den Kops und finde sie nicht. Ta siel mir ein, daß er mich damals, als er sein Haus möblieren lassen wollte, um die Adresse eines geschickten Tapezierers, eines Mannes von Geschmack gefragt hatte, und daß ich ihn damals an die Ihrige wies, ich muß Ihnen sogar noch diesbezüglich geschrieben haben."
„Ganz recht, Herr Professor, und sogar noch einen sehr dringenden Bries; ich erinnere mich noch ganz genau. Sie sprachen doch wohl von Herrn Neumann?"
„Ganz recht, von meinem Freunde Neumann. Wo liegt denn nur das verteufelte Haus?"
„In Friedenau, in der neuangelegten Peter-Vischer- straße, eine ganz einsame Villa."
„Ja, ja, stimmt, da.ist es schon. — Wo ich nur meinen Schädel hatte! Ich habe mir gleich gesagt, daß er mir die. Adresse damals gesagt hat, — aber man hat ja zu viel im Kopf. Ich glaube sogar, daß ich jetzt die Nummer finden würde. Warten Sie nur ----"
„Nummer 55 b."
„Ja, wenn Sie mir's sagen--- nun, jedenfalls weiß
ich eS nun wieder, dank Ihrer Hilfe, und kann sonach noch heute abend seinen Auftrag ausführen. Tie Papiere, woraus Neumann wartet, sollen morgen in der Frühe abgehen. — Also nochmals besten Tank und auf Wiedersehen!"
Er schickte sich an, als ob er nach der Thür gehen wollte.
„Aber tote werden Sie denn in das Haus hineinkommen?" rief ihm Herr Grundner nach, der vielleicht geglaubt hatte, dmß Georg fort wollte.
„Nun, ich werde einfach anklingeln, und man wird mir, henke ich, öffnen. Sollten mich die Leute nicht kennen und Anstand daran nehmen, mich einzulassen, so werde ich ihnen einfach den Brief des Herrn zeigen. Sehen Sie, da habe ich ihn schon parat, — da ist er."
Er zog den ersten besten Brief aus seiner Tasche hervor.
„Nun, Herr Professor Rakenius", rief der Tapezierer, „es ist ein wahres Glück, daß Sie das Gedächtnis im Stich, gelassen hat und Sie auf den Gedanken gekommen sind, ehe Sie noch hingingen, bei mir vorzusprechen."
„Warum bettn?"
„Weil Ihr Weg ganz umsonst gewesen toäre. Am Abend ist dort kein Mensch. Tie Zimmer werden des Morgens durch eine Aufwartefrau, die ich Herrn Neumann verschafft habe, in Ordnung gebracht; denn er hatte mich ersucht, mich um alles zu kümmern. Ich bin's, der dem Hauseigentümer die Miete, elektrisches Licht und Wasserleitung bezahlt. Man kennt dort nur mich. Ihm zu Gefallen vertrete ich in allem Ihren Freund, und gelte sogar für Herrn Neumann."
„Tas hat er also damit gemeint. Tenn am Ende des Briefes fügt er noch bei: „Wenden Sie sich an Herrn . . ."v der Name war nicht zu entziffern. Ich dachte nach: „Ja, zum Teufel, an wen soll ich mich denn wenden?" Tas also waren Sie. Na, da hat mich wieder einmal Zufall oder Instinkt aus die richtige Fährte gebracht. — Ta bitt ich denn also! Zeigen Sie mir also das Mittel, lieber Freund, daß ich heute abend noch in das Haus meines Freundes kommen kann, um mich meines Auftrages entledigen zu können."
„Nichts leichter als das. Ich habe noch einen zweiten Schlüssel, den ich damals bei mir gehabt habe, als ich das Haus möblieren mußte, und den ich unbedingt brauche, wenn Herr Neumann mich beauftragt, ihm etwas zu senden."
„Wollen Sie mir diesen Schlüssel anvertrauen?" „Ihnen, Herr Professor, vhne Zögern. Schließlich, sind Sie ja bevollmächtigt--"
„Gewiß. Lesen Sie, bitte, diesen Brief."
Er reichte ihm das Papier hin, das er eben in der Hand hielt, da er mit Sicherheit daraus rechnete, daß der Chef des Hauses daraus verzichten würde, ihn zu lesen, was auch der Fall war. Gleich daraus übergab ihm derselbe den gewünschten Schlüssel.
„Ich werde ihn morgen zurückbringen", verabschiedete sich Georg.


