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1902. — Nr. 142.
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(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-
(Fortsetzung.)
15. Kapitel.
Georg Rakenius überraschten die Thränen seiner Schwester keineswegs. Bei der geschwisterlichen Liebe, die sie beide für Herrn von Sempach hegten, war der Schmerz nur gerechtfertigt, und er hatte keine Ursache, sich darüber zu wundern.
Trese Anwandlung von Schwäche währte jedoch bei Bertha nur einen Augenblick. Sie erhob sich sogleich wieder, trocknete ihre Thränen und näherte sich ihrem Bruder:
„Ja", sagte sie mit einer Stimme, die fest klingen sollte, „ich teile die Ansicht Deiner Freunde. Es muß in Sempachs Leben irgend ein Geheimnis vorliegen, ein dunkler Punkt, eine Liebe. Ich habe jetzt die feste Ueberzeugung gewonnen. Tausend Kleinigkeiten kommen mir wieder in Erinnerung. Wie einer Deiner Freunde habe auch ich bemerkt, daß unser Freund seit einigen Tagen gedankenvoll, zerstreut und oft ganz träumerisch war. Ich schrieb diese Veränderung einem anderen Umstande zu", fügte sie bei mit schmerzlichem Lächeln. „Ich habe mich getäuscht. Wir glaubten ihn in unserer Mitte, — doch seine Gedanken waren bei jener Frau, die er liebte. — Wer ist sie? Tas isi's, was wir in seinem Interesse herausbekommen müssen, um ihn zu retten, — ob er nun will oder nicht, vb mit ihrer Hilfe oder ohne dieselbe. Hast Tu keinen Anhaltspunkt? Hat er Dir niemals etwas anvertraut?"
„Nein", sagt Georg; doch plötzlich besann er sich und sagte:
„Doch; vor drei Monaten war's. — Ja, ja, das dürfte sie gewesen sein!"
„Was denn?"
. „Nichts. Das kann ich Dir nicht sagen."
„Schon wieder!" rief sie ungeduldig. „Ich glaube, Tn hättest aufgehört, mich als kleines Kind zu behandeln."
„Tas sind unnötige Details."
„Kein Detail ist augenblicklich überflüssig. Der scheinbar unbedeutendste Punkt kann die Wahrheit bergen, die wir suchen. Ich bitte Dich, Georg, verheimliche mir nichts. Bedenke, es handelt sich um Deinen einzigen Freund, um Deinen Bruder, wie Du ihn zu nennen pflegst, um jenen Mann, der es Dir ermöglichte,. das zu werden, was Du jetzt bist, und mich zu der machte, die ich jetzt bin."
„Nun, also: er hat mir eines Tages anvertraut, daß er eben eine kleine Villa in einem abgelegenen Winkel gemietet habe, welche er möblieren lassen wolle, fürchtete sich aber, sich an seinen Tapezierer zu wenden. Er fragte miich nach der Adresse des unsrigen, bat mich aber, ihn selbst unter einem anderen Namen, nicht dem seinigen.
anzuempfehlen. Ich konnte mich nicht enthalten, ihn« lächelnd einige Fragen zu stellen, sah aber dann ein, daß' es indiskret von mir war, und schrieb bloß den gewünschten Bries."
„Welchen Namen hast Tu ihm in dem Briefe beigelegt?"
„Ich suche, doch ich erinnere mich nicht, — irgend' einen nächstbesten Namen, einen ganz gewöhnlichen Namen, den man sonst überall liest und der einem gleich einfällt."
„Melcher Name ist's> an den Du eben denkst? Sag rasch, ohne nachzudenken."
„Neumann."
„Tann wird es' der sein, den Tu ihnt gegeben hast."
„Mag sein."
„Schließlich ist es auch gleichgiltig; der Tapezierer wird' ihn Dir schon nennen."
„Ah — Tu willst---"
„Natürlich. — Tu mußt so rasch wie möglich in Erfahrung bringen, ivo dieses Haus liegt."
„Wozu? Jetzt steht es' gewiß leer. — Die, die sonst hingekommen Ivar — falls wir uns in dieser Annahme nicht täuschen, — hat keine Ursache mehr, weiter dorthin zu gehen."
„Sie kann doch vielleicht noch eine haben. — Ueberdiesr nichts beweist, daß sie von seiner Verhaftung bereits in Kenntnis g esetzt ist."
„Ganz Berlin weiß es zur Stunde und spricht darüber."
„Ah — ganz Berlin! — Und zugegeben, sie wüßte es' --sie wüßte, daß er verhaftet wurde — dann sagt sie sich: „Das ist ein Irrtum! Morgen wird er wieder auf freiem Fuße sein." Und voll Unruhe, Qual, in der Erwartung, etwas von ihm zu erfahren, geht sie unwillkürlich zu jener Stätte, zu der sie den Weg schon so genau kennt."
„Gut! Sie wird aber, wenn sie das Haus öd und verlassen findet, nicht Hineingeyen."
„Deshalb darf sie es eben nicht verlassen finden. — Sie soll im Gegenteil glauben, Herr von Sempach sei zurückgekehrt --dann geht sie hinein und findet Dich."
„Mich?"
„Natürlich! Dich, der Du mit ihr sprechen — mit ihr nach dem Mittel suchen willst, Franz zu retten. — Ach, wenn ich an Deiner Stelle wäre!"
„Was thätest Tu dann?"
„Ich wäre jetzt schon längst beim Untersuchungsrichter. Ich wollte nicht dulden, daß er auch nur eine Nacht im Kerker zubringt. — Ta fällt mir ein", fuhr sie immer noch sehr erregt fort, „wozu etwas auf morgen verschieben, was wir heute schon erledigen können! Ter Tapezierer wird Dir heute noch die fragliche Adresse geben."
„Tie Adresse, ja. Wer er wird nur wohl kaum dis Möglichkeit, die Mittel geben können, in das Haus selbst einzudringen."
„Tas kann man nicht wissen — vielleicht doch. Ver-


