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steht gar Nichts, ich möcht' ihm wohl meine Meinung sagen können!"
„Die anderen Herren haben aber auch kernen Blick für mein Bild gehabt."
Und eine große klare Thräne zitterte einen Augenblick an den langen Wimpern des holden Mädchens.
„Weine doch nicht, Herzblatt, hier, ih lieber von der Speise. . . . Wer sind denn die Preisrichter."
Die junge Malerin nannte einige Namen.
„Ich werde zu ihnen gehen", sagte die alte Frau sehr energisch.
„O, Großmutter! Nein, o nein! . - . morgen rst übrigens schon die Entscheidung . -
„Und Du bekommst den Preis!"
„Nein. Ich weiß, wer ihn bekommt. Da war eine junge, blasse Dame, links von mir hatte sie ihren Platz; die hat eine ganz blasse, matte Rose gemalt, die den Herren besonders zu gefallen schien. . . ."
„Ach, nun hör' aber auf! . . . Wenn die Herren die Nr. 9 näher betrachten, wirst Du schon den Preis erhalten. Jetzt aber komm zu Bett, mein Kind, es ist schon spät."
Und die beiden Frauen gingen zur Ruhe.
Am anderen Morgen waren in dem Rathaussaal die Preisrichter mit der Prüfung der 50 Bilder beschäftigt. Bei der ersten Besichtigung wurden gleich fünfzehn als ungenügend ausgeschieden. Nach weiterer strenger Begutachtung erlitten noch zwanzig andere dasselbe Schicksal: das waren die Mittelmäßigen; es verblieben fünfzehn.
Man wählte davon sieben aus und hiervon wiederum drei.
Auf den Staffeleien stehend, schienen die drei Rosen gleich hiibsch. Wer sie dursten doch einmal nicht gleich gut sein, einer mußte den Vorzug gebühren.
Große Verlegenheit!
„Ich", sagte der eine der drei Preisrichter, „ich bin für Sir. 22."
„Nein, es sind Zeichenfehler darin", entgegnete der andere. „Nr. 9 ist mir zu nüchtern in der Auffassung, wie soll ich recht sagen? zu einfach! Nr. 18 ist individueller aufgefaßt: ich stimme für Nr. 18."
Der Dritte der Herren, ein Gärtner, der laut den testamentarischen Bestimmungen zu den Preisrichtern gehörte, hatte noch kein Wort gesprochen; er sah nur abwechselnd die Bilder Nr. 22, 9 und 18 an-
„Ich möchte Vorschlägen", begann der erste Sprecher wieder, „daß wir den Preis teilen und zwar keinen ersten, zwei zweite und einen dritten Preis aussetzen."
In diesem Augenblicke flog durch das offene Fenster über den Köpfen der Herren ein kleiner, weißer Schmetterling in den Raum, er flatterte auf eine der gemalten Rosen und zwar blieb er mit seinen feinen Füßchen an der noch frischen Farbe von Nr. 9 hängen-
„Ich stimme für Nr. 9", sagte da der Gärtner energisch.
Und Nr. 9 wurde der Preis zuerkannt; der Schmetterling mußte doch wohl Nr. 9 für die beste Blume gehalten haben! ...
„Ei", rief die Großmutter, als sie das kleine Zwischenspiel erfuhr: „Auszeichnung und 3000 Francs, unter den Flügeln eines Schmetterlings."
Als die junge Malerin um die Erlaubnis gebeten hatte, ihren Wohlthäter, den Schmetterling, aus seiner Gefangen- heit zu befreien, war das Tierchen tot gewesen.
Nun trägt das junge Mädchen das kleine Insekt in einem Glasmedaillon an ihrem Armband. Wenn die feine Hand den Pinsel führt, dann ist es gerade als flattere der Schmetterling über die Malerei, und in halbem Mber- glauben sucht Alice von Olstadt bei ihm Inspiration, wenn sie einmal unschlüssig ist.
Der lebendige Mond.
Es hat lange als ein unumstößlicher Satz gegolten, daß der Erdenmond gewissermaßen eine wandelnde Leiche unter den Gestirnen des Sonnensystems darstelle, indem seine Oberfläche starr und keinen Veränderungen irgend welcher Art mehr unterworfen sei. Zuweilen sind wohl schon Beobachtungen gemacht worden, die auf thatsächliche Umgestaltungen der Kraterbildungen auf dem Monde hin
gewiesen haben, aber im Wesentlichen ist diese Anschauung bisher nicht erschüttert worden. Jetzt scheint jedoch ein Wechsel der Auffassung bevorzustehen. Der Astronom Wells hat erst kürzlich jahreszeitliche Veränderungen auf der Oberfläche des Erdtrabanten beobachtet, die er als Er-, scheinung einer Vegetation von sehr schnellem Wachstum und Verschwinden erklärt hat, und nun kommt ein so namhafter und geachteter Gelehrter wie Professor Pickering von der Harvard-Sternwarte und berichtet uns mit noch größerer Bestimmtheit, daß der Mond nicht tot sein könne. Mit Professor Lowell zusammen hatte Pickering zunächst fünf Jahre lang an einem für die Himmelsbetrachtung unvergleichlich günstigen Platz Beobachtungen des Planeten! Mars unternommen und sich dann, da die vorzüglichen Errungenschaften der bisherigen Forschungen den besten Erfolg versprachen, dem Mond zugewandt. Seine Erwartungen sind nicht getäuscht worden, denn Pickering weiß in einem längeren Aufsatz des „Century Magazine"- bereits ein Bündel wichtiger Entdeckungen zu bringen. Vor! allem glaubt der Astronom nunmehr sichere Beweise dafür zu haben, daß die vulkanische Thätigkeit auf dem Mond noch nicht ganz erloschen ist. Die zweite und vielleicht am meisten überraschende Ankündigung bezieht sich aus das Vorkommen von Schnee auf dem Monde. Es ist beobachtet worden, daß manche Krater von einer weißen Masse eingerahmt sind, die in der Sonnenbeleuchtung stark erglänzt, und eine ähnliche Erscheinung ist auf einigen höheren Bergspitzen bemerkt worden. Von anderer Seite ist dieses Phänomen mit der Anwesenheit großer Felder von vulkanischen Glassplittern erklärt worden. Die dritte Beobachtung bezieht sich auf veränderliche Flecken! in gewissen Mondgegenden, deren wechselnde Beschaffenheit Professor Pickering ebenfalls nur durch Annahme einer dem organischen Leben ähnlichen Vegetation deuten kamu Der Gelehrte schließt: „Die neue Mondbeschreibuug besteht danach nicht mehr in der bloßen Verzeichnung der kalten toten Felsen und isolierten Krater, sondern in einer Erforschung der täglichen Veränderungen, die iw kleinen besonderen Gebieten stattfind-en, wo wir wirkliche lebendige Wechsel finden, die nicht durch gleitende Schatten oder durch Schwankungen des Mondkörpers erklärt werden können."
Wie treibt man seine Außenstände em?
Von Karl Schlegel. Verlag von Hugo Steinitz in Berlin SW. 12. (Preis 1 Mk.)
Die im Buche beantwortete Frage ist eine gar wichtige für Tausende und aber Tausende aus allen Schichten der Bevölkerung, besonders auch der Gewerbetreibenden und! Kaufleute. Es sind deshalb auch schon mehrere ähnliche Schriften erschienen. Dem Verfasser ist es aber durchaus gelungen, den Gegenstand gemeinverständliche und für den praktischen Gebrauch geeignet zu behandeln. Es werden besprochen: Voraussetzungen der Zwangsvollstreckung, Ausführung der Zwangsvollstreckung, Arten der Zwangsvollstreckung, besondere Vollstreckungsmittel und die Anfechtung von Rechtshandlungen des Schuldners. — Das Buch ist jedem, der Außenstände einzutreiben hat, zur Belehrung zu empfehlen.
Bilderrätsel.
(Nachbildung verboten,-.
Auflösung des Buchstabenrebus in vor. Nr.t Standesvorurteil.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Redaktion: I. V.: R. Dittmann. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerci (Pietsch Erben) ,n Gießen.


