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der Stadt, dem er ein paar Tausend Kronen für Holz und Dachsparren schuldete, hatte ihm am heiligen Drei- königstage sagen lassen, daß, wenn er nicht binnen acht Tagen die Waren bezahlt oder doch wenigstens den noch unverwendeten Teil zurückgesandt habe, die Sache dem Gericht übergeben werden würde.
Heute hatte er die beiden ersten Fuhren zurückgesandt.
Und dann war ein Brief von Helene gekommen. Der Redakteur hatte ihn zu ihm hinübergeschickt. Er enthielt einen herzlichen Glückwunsch, aber noch etwas anderes daneben.
— Er sitzt wie gewöhnlich in fernem Lehnstuhl am Fenster. Ich kann sehen, wie die Schmerzen ihn quälen, nie aber kommt mehr eine Klage über seine Lippen. Er ist glücklich, wenn ich nur bei ihm bin. Vater, Du ahnst nicht, wie ich diesen Mann liebe. Ich könnte ihm wie ein.Hund zu Füßen liegen und stundenlang zu ihm auf- schauen.^
Als er am Abend in sein Schlafzimmer gekommen war, muhte er daran denken, wie sie ihm an diesem Abend vor sieben Jahren Gutenacht gesagt und ihm sanft die Wange gestreichelt hatte, und wie er sie damals voller Entzücken an sich gepreßt. Jetzt war ein Jahr aufs andere gefolgt, eine Kette verzehrender Gemütsqualen. Und was hatte ihn: die Zukunft zu bieten? — Eine zitternde Hoffnung, in ein ent Rausch geboren, gleich einer Eintagsfliege in einer heißen Sommernacht, war kürzlich in ihm aufgetaucht — die Hoffnung, daß sie aus dem Ueber- sluß ihrer Liebe so viel für ihn übrig haben würde, daß sein Leben eine Stütze an dem Gedanken finden könne, daß er einen Anteil an ihr habe, selbst wenn sie einem andern gehörte. Ach, die Hoffnung war vergebens! Ein Herz läßt sich nicht teilen.
Heute war sein Gebnrtstag. Er hatte das neue Jahr mit zwei Fuhren eingeweiht — ja, so würde sich die Zukunft von nun an gestalten — ein einiges Fort- sahren von Hoffnungen, bis er selber einmal fortgefahren wurde.
Ehe er es selbst recht wußte, schrie ein Kork unter seinen Fingern. Einen Augenblick stand er im Kampf mit sich selber, sein Hals brannte nach einem Labetrank, er fühlte in Gedanken den Rum durch die Kehle spülen und sich selber in einen weichen, seligen Schlummer versinken. Dann setzte er die Flasche an den Mund und warf sich darauf mit seinem ganzen Gewicht aufs Bett.
(Fortsetzung folgt.)
Der Preisrichter.
Skizze von Georges d'E s p a r b s s.
Nachdruck verboten.
„Wie ist es bentt nur möglich!" . . . murrte die alte Frau, „ivie kannst Dn scherzen und Unsinn treiben! eine Stunde vor der Entscheidung!"
Das junge Mädchen, dem diese Worte galten, lachte hell auf und rief:
„Aber Großmütterchen, soll ich mich vielleicht als Trauernde vor den Herren präsentieren, das willst Du doch gewiß nicht! Und dann, denke nur, was würde wohl die Königin des Wettbewerbes, die frische Rose, die wir malen sollen, dazu sagen! das wäre ja gerade, als wenn Mehlthau auf ihre Farbenpracht fiele ... ich kann mich ihr doch nicht mit einem traurigen Gesicht gegen» übersetzen!"
Die Sprecherin war weit davon entfernt, traurig auszusehen. Im Gegenteil, liebreizend und frisch wie ein Heckenröschen war die junge Malerin; in ihrem Blondhaar schien sich die Sonne gefangen zu haben, und wie Sonnenschein leuchtete es auch in ihren Augen.
Fräulein Alice von Olstadt hatte mit ihren neunzehn Jahren die Kinderschuhe zwar noch nicht lange abgeftreift, aber als Malerin war sie doch schon so weit bekannt, nm einige Schülerinnen täglich unterrichten zu können.
Der Wettbewerb, von dem die beiden Frauen sprachen, war von einem Maler testamentarisch festgesetzt worden. Er bestimmte einen Preis von jährlich 3000 Francs an „Bewerber oder Bewerberinnen von 18—25 Jahren für ein Stillleben, Früchte oder Blumen zu verteilen". Zum ersten Mal war der Preis ausgeschrieben, ein Mitglied von der Akademie hatte in der Prüfungskommission den Vorsitz übernommen.
Achselzuckend hatten die Herren die lange Liste der Konkurrenten betrachtet: 50! die eine Rose malen wollten! Die armen Blumen.
„Heute kommt es mir so recht zum Bewußtsein, wie ärmlich es bei uns ist", grollte die alte Frau wieder . . . „dreh' Dich 'mal mir zu. . . Nein, so kannst Du nicht mit dem Hut gehen, warte 'mal, ich werde wohl noch an meinen Hauben eine Schleife haben."
Und eilig trippelte die alte Frau davon. Dann wurde der Hut zurecht gemacht.
„Und Dein Kleid? . . . Hier die Falte sitzt nicht gut."
Das junge Mädchen ließ sich wie eine Puppe hin- und herdrehen, und lachte die Großmutter freundlich an.
„Hör' doch nur auf mit Deinem Lachen, mir luirb ganz Angst dabei!"
„Großmütterchen, wie altmodisch Du bist! Glaubst Du denn, daß ich die fremden Herren so anlachen werde! O nein! Ganz feierlich werde ich mich da benehmen, sieh einmal so . . ."
Und die Schelmin wollte gerade an die Ausführung eines feierlichen Grußes gehen, da schlug die Turmuhr und die Großmutter rief ängstlich:
„Es ist die höchste Zeit! Ich sag's ja, ioenn man für Zwei denken muß! Deine Pinsel, Deinen Malkasten . . . so, nun noch einen Kuß!"
Sie umarmten sich, dann zog die junge Malerin mit allerliebster Koketterie den Schleier herunter und ging hinaus in den lachenden Sonnenschein.
Frau von Olstadt blieb allein, und plötzlich war alle Regsamkeit von ihr gewichen.
Sie faß am Fenster in ihrem Lehnstuhl und sorgte sich. „Na, schließlich", dachte sie, „so schwer wird das doch nicht zu malen sein! Und 3000 Francs! Wenn es Alice nur glückte, . . . Gott, wenn eine Rose das Leben zweier Frauen beeinflussen könnte!"
Beeinflussen, ja, das war das richtige Wort. Nicht nur durch die 3000 Francs, nein, durch die Auszeichnung, die folgen würde: „Preisgekrönte Mallehrerin!" Konnten da die Schülerinnen fehlen! Das Atelier würde bald zu klein für die Anzahl werden... ja, ja, das war noch mehr wert als das bare Geld; mit dem Preis Ivar die Zukunft gesichert.
Die alte Dame hatte die Hände über den Knieen gefaltet und spann ihre Pläne für künftige gute Tage; die Stunden verrannen, ohne daß sie sich dess-en bewußt wurde.
„Ja, ja", sagte sie sich in einer Art Halbschlaf, „bann finbe ich boch noch meinen Lohn bafiir, daß ich, die eingefleischte Aristokratin, feiner Zeit meinem Stolz Schweigen auferlegt habe... als das Kind durchaus Mallehrerin werden wollte, da hat's manch Scharmützel zwischen uns gegeben . . . eine von Olstadt einem Beruf nachgehen! Aber das Kind hat gelacht und gemeint: „Ei- Großmutter, von Olstadt oder Oldorf, das ist ganz gleich, die Zeiten sind andere als zu Deiner Jugend! Laß mich arbeiten! Arbeit schändet nicht... da habe ich sie denn mit ihren Pinseln hantieren lassen . . . Und wie fleißig ist das Kind gewesen. . . . Die Herren von der Kommission sollten ihr nur den Preis geben... sie verdient es. . ."
Fran von Olstadts Kopf war ganz gegen die Lehne zurückgesunken, fie schlief.
Als das junge Mädchen gegen Abend heimkchrt-e, lag es tote Sorgen auf ihrem Gesichtchen.
„Du scheinst nicht zufrieden!" sagte die Großmutter.
„Ach, Mütterchen, ich glaube, es wird Nichts. Das Modell war zwar schön genug ausgesucht! Eine große „Gloire de Dijon", ganz frisch, und Du weißt, wie ich gerade diese Art liebe! Mir däucht, ich habe den richtigen Ton getroffen, aber der eine der Herren, der die Inspektion übernommen hatte, ist dreimal an meiner Staffelei vorübergegangen, ohne einen Blick darauf zu werfen. Ich hatte den Platz Nr. 9. Bei vielen anderen ist er stehen geblieben, um fie zu bewundern, besonders Nr. 34 schien ihm zu gefallen. O, ich hätte weinen können!"
Nun wurde aber die alte Dame böse und schalt: „Was das für Ideen find! Setz' Dich, meine liebe Nr. 9, und laß uns essen. Wenn wtr auch nicht gerade mit Krösus verglichen werden können, habe ich Dir heute abend em Bischen extra bereitet, . . . Herr Gott, ich habe ja keine Gabeln hingelegt! ... der Herr von der Inspektion ver-


