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wenn er alle seine Gläubiger betrügen sollte, ihr wollte er Hilfe bringen.

Mit diesen und ähnlichen Gedanken war er, als der Morgen graute, zum Redakteur hinübergegangen.

Ja, ja, wir müssen einmal sehen, was sich machen läßt. Du wirst begreifen, daß ich ihr kein Geld schicken kann, Du aber kannst es thun ja, ja, hör' mich jetzt einmal an. Du kannst ein paar Worte schreiben, daß jetzt, was die Sache betrifft, daß das jetzt alles ver­gessen sein soll, und dann kannst Du ihr dies hier senden."

Er nahm fünf Zehnkronenscheine aus seinem Taschenbuch.

Sie weiß ja sehr gut, daß ich nichts zu ver­schenken habe."

Dann können wir ja schreiben, daß wir unerwartet in den Besitz einer größeren Summe Geldes gelangt seien, wie viele solcher Enten hast Du nicht früher in Deiner Amtszeitung veröffentlicht, Schwiegervater! Und dann ist es ja auch gar nicht einmal eine Lüge! Du bist jal ganz unerwartet zu diesem Gelds gekommen!"

Der Alte war nicht mehr der Alte. Nach einigem Sträuben und Räuspern schrieb er die drei höchst sonder­baren Worte:

Meine liebe Tochter."

Ja, das stand wirklich da! Er mußte es zugeben, daß diese drei Worte im Grunde ein wenig nach Feigheit schmeckten, aber was thut man nicht für sein Kind!

Jni übrigen wurde der Brief kurz und steif, er wollte doch seine Würde nock> nicht ganz einbüßen.

Daß Brief und Geld richtig angekommen waren, be­zeugte Helenes Antwort, die einige Tage später eintraf.

Was soll ich Dir schreiben, lieber Vater? Ich kann nur weinen. Jedesmal, wenn ich die Feder aufs Papier setze, muß ich den Kopf über den Arm beugen. Büje sagt jeden Augenblick:Fass' Dich, fass' Dich, liebe Helene V*1 Aber ich kann es nicht. Erst dies mit Thomas und nun mit Dir! Tausend Dank dafür! Wir bedurften gerade in diesem Augenblick einer kleinen Unterstützung, wegen der langen, bösen Krankheit. Ich bin so fröhlich und hoff­nungsvoll geworden; es ist mir, als sei cs mit einem Schlage so herrlich bei uns geworden! Du solltest nun hören, wie die Kohlen im Ofen prasseln, und sehen, tote strahlend meine beiden Kinder sind. Sie stehen nebett mir und verzehren jedes ein großes Stück Brot mit Schmalz und geräuchertem Pferdefleisch. Es ist gar nicht zu glauben, wie die Kinder essen können! Aber es ist gut, denn dann werden sie groß und stark"

Thomas war wie ein Tier aus seinem Winterschlaf erwacht. Alle im Hofe merkten, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen war. Seine Augen, diese toten, vor­stehenden Kugeln, die so glasartig in ihrer schlaffen Fassung sahen, konnten zuweilen ein Leben haben, das an seine thatkräftigste Jugendzeit erinnerte. Früh des Morgens sprang er aus den Federn. Die Mahlgänge wurden ge­reinigt, das Stallgebäude gestützt und dicht gemacht, der Düngerhaufen überrieselt, überall zeigte sich sein Schaffens- drang.

Mas aber die größte Verwunderung erregte, war der Umstand, daß nur noch selten das Entkorken einen Flasche in seinem Schlafzimmer gehört wurde.

Der alte Müller rieb sich die Hände; jetzt würden sich dieKonturen" heben!

Von diesem Greis muß noch berichtet werden, daß er jetzt seinen Krankenwagen verlassen hatte, nnd an einem Stock umherhumpelte, der ihni jedoch nicht allzu große Dienste zu leisten schien, da er nie Schritt mit deu Beinen halten konnte, sondern stets eine Strecke hinter­drein schleppte. Uebrigens schienen feine Knochen in irgend einem chemischen Prozeß begriffen zu sein und festere Formen anzunehmen, wenigstens hielten sie so tapfer mit ihm stand, daß er, wie er sich ausdrückte, mit einigen leichtenKonstitutionen" davon kam, als er an seinem 85. Geburtstage die Bodentreppe herabrollte.

Des Abends pflegte Thomas auf feinem Zimmer zu sitzen, einen Haufen Papiere vor sich, mühsame Berech­nungen in seinem Taschenbuchs vornehmend.

Es gab Tage, an denen seine alten, schwermütigen Gedanken aufs neue erwachten. Ein solcher Tag war der 15. Januar, sein Geburtstag. Ein Holzhändler in

gestanden hatte, nahm er ein paar lange Züge und setzte sich dann wieder an den Tisch.

Erst jetzt sah er eine Schmiederechnung, die im Laufe des Tages gekommen sein mußte; er stieß sie mit der Hand von sich.

Seine pekuniäre Lage war ganz verzweifelt. Freilich hatte er heute ein paar hundert Kronen in der Tasche, die er fiir Schweineschmalz gelöst hatte, aber wie lange hielt das vor? Eine ganze Reihe von Nachbarn und Freunden hatten die Zinsen von den letzten Terminen gut, die Leute hatten ihren Lohn nicht ausbezahlt bekommen, Handwerker und Kaufleute drängten mit ihren Rechnungen.

Es durchschauerte ihn bei dem Gedanken, daß der Tag nicht fern sei, da er das Ganze verlassen und seinen Vater und den anderen Alten dem Armenwesen über­geben müsse, lind was das Schlimmste bei dem Ganzen war er selber trug die Schuld an seiner unglücklichen Stellung, er hatte sich der Verzagtheit hingegeben! Wieder und wieder hatte er einen Anlauf genommen, mit dem Laster der Trunksucht zu brechen und den Kampf wie ein Mann aufzunehmen; der Wille war aber stets erlahmt unter deut Druck der Schwermut, und die guten Vorsätze erstickte der Wein- und Rumdunst. Zuletzt war es so weit mit ihm gekommen, daß die Schlaffheit seinen letzten Rest von Widerstandskraft verzehrt hatte, willenlos ließ er sich vom Schicksal forttreiben, wie ein toter Körper, den der Strom mit sich führt.

Und dann war dies gekommen!

Es gab Augenblicke, in denen ihn der Gedanke durch­zuckte, daß es noch eine Zukunft für ihn gäbe, aber jedes­mal, wenn er diese gaukelnde Hoffnung festhalten wollte, verschwand das Trugbild, und eine tiefe Verzagtheit über­kam ihn.

Die Nacht verging ohne Schlaf. Thomas wendete und drehte sich auf dem Lager wie ein Kranker, der alle möglichen Stellungen ausprobiert. Seiner alten Gewohn­heit gemäß hatte er die Flasche vors Bett gestellt, aber es war sonderbar ein gewisses Etwas in ihm schob sie jedesmal beiseite, wenn er sie an den Mund setzen wollte.

Dies heimliche Trinken während der Nacht pflegte sonst eitten eigenen Reiz auf ihn auszuüben. Langsam aber sicher versenkte ihn die Ruhe in die weichen Daunen­kissen. Es lag etwas Süßes, Verlockendes für ihn darin, so zu liegen und sich langsam unter diesem toten Gewicht dumpfschmerzlichen Selbstaufgebens ersticken und ganz all­mählich in die Welt der Bewußtlosigkeit hinübergleiten zu lassen, wo sich gedämpfte Töne in der Luft wiegten, während bläuliche Feuerpunkte sich wie langsam herab­schwebende Staubkörner durch die Finsternis stiller Ab­gründe senkten.

Er hatte mehrere Minuten im Halbschlummer da- Ä, schlug aber plötzlich die Augen ans nnd erzitterte n Gedanken, daß Helene heute abend an seiner Brust geruht hatte heute abend! Er richtete sich aus und blickte um sich. War es denn wirklich möglich? Unzählige- mal hatte er sich den Augenblick wieder zu vergegen­wärtigen gesucht, und doch kam der Gedanke jetzt toteber auf ihn eingefahren wie eine lähmcnbe Ueberraschung, eine Stimmungswelle nach sich ziehend, die sein ganzes entschwundenes Liebesglück nnd all den zehrenden Schmerz, der ihm gefolgt war, umschlost Er preßte die Knöchel gegen seine brennenden Augen, und drückte sich tief in die Kissen hinein.

Nein, er konnte es nicht aushalten! Er griff zur Flasche, leerte sie in wenigen Zügen und warf sich auf Ivin X/Uycr.

Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Er bemühte srch, an gleichgiltige Dinge zu denken: an die Drainringe, die er gelegt, an die Mühle in Malmö, seine Gedanken schweiften von einem Gegenstand zum andern es waren aber nur wenige Sekunden verflossen, als er schon wieder rn Helenes Heim stand, diesmal mit einem Gefühl unerträg- lrcher Pein. Sie, litt Not! Ach der Gedanke, daß Helene geradezu Not litt! Sie hatten sich bemüht, ihm ihre Armut zu verbergen, aber er hatte nur zu gut gesehen, wie ihnen der Hunger aus den Augen sprach.

Ein unklarer Gedanke, daß hier Hilfe geschafft werden müsse, hatte sich mehrmals in ihm gerührt; aber erst jetzt gewann er die festen Umrisse eines Vorsatzes. Ja, und wenn er sich selber des letzten Groschens berauben,