Ausgabe 
24.5.1902
 
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Ar. 76.

Samstsg den 24. Mai.

1902.

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hüte die Gedanken, die bn l ast!

Ein leichtes Wort, das achllos ausgesprochen, EZ wächst oft, bis es mit Lawinenlast Zuletzt ein ganzes Mcnschcnglück zerbrochen.

E. Echcrenberg.

(Nachdruck verboten.)

Die Möve.

Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann.

(Fortsetzung.)

Böse fand auch, daß er etwas sagen müsse.

Mit widrigen Winden hätten wir alle zu kämpfen, aber die Art und Weise, wie wir dagegen angingen, sei so verschieden. Einige kehrten gleich um und gäben das Ganze auf, wenn ihnen der Gischt ins Gesicht spritzte, andere ständen still, und wüßten weder aus noch ein, wieder andere sammelten Kräfte uned gingen frisch drauf los. Das letzte sei ja das, was wir alle thun sollten.

Thomas senkte noch immer den Blick und trommelte mit den Fingern auf seilt Knie.

Ein erdrückendes Gefühl des Mitleids erfüllte Helenes Brust.

Das Gute ist", sagte sie,daß man, ivenn man kämpft, so gut man kann, doch schließlich stets ein wenig weiter kommt. Und dann ist da immer irgend jemand, der liebevoll an uns denkt, und ein gutes Wort für uns einlegt."

Er hielt inne mit denr Trommelt: und sah aus, als lauere er.

Bei jeglichein Unglück", fuhr sie fort,ist es für mich das Schlimmste, wenn ich die Veranlassung dazu bei ntir suchen muß. Wer die Ueberzeugung hat, daß er in dem Punkte, von dem das Unglück ausging, richtig gehandelt hat, der wird stets eine Stütze in seinem guten Gewissen haben."

Es war, als sei plötzlich ein erlösendes Wort ge­sprochen. Thomas lauschte. Ohne es zu wissen, hatte er bett Blick wieder auf sie gerichtet, und konnte ihn nicht von ihr abwenden. Es garte in ihm, er fühlte, daß er es nicht lange in diesem Hause aushalten könne.

Er erhob sich und reichte Böje die Hand.

Ich will Dir gute Besserung wünschen. Und dann mußt Du Dir das, was gewesen, aus dem Kopf schlagen."

Helene stand daneben und konnte nur mit Mühe ihre Gefühle bezwingen. Eine wunderbare Freude machte sie bis ins Innerste erzittern. Wie hell war es in ihrem Stübchen geworden! Jetzt wollte sie arbeiten, wie nie

zuvor; sie ioollte Böje mit einer Ausdauer pflegen, di« Wunderwerke verrichten sollte.

Als sie Thomas am Wagen lebewohl sagte, schlang sie die Arme ttnt seinen Hals und schmiegte sich an seine Brust.

Hab' Dank, Thomas!"

Hm, ja! Hab' selber Dank, Helene, daß Du mich hierher brachtest!"

Er stieg auf den Wagen, seine Hand zitterte so, daß die Zügel hin und her flogen. Es war, als habe sich eine Schar unsichtbarer Mächte über ihn erbarmt und ihn aus seinem alten Dasein gerissen. Jetzt tummelten sie ihn umher, ohne daß er selber wußte, wo sie ihn nieder­setzen würden.

Die Pferde zogen an, und dahin ging es die Land­straße entlang. Die kahlen Eschen, die ihre Zweige wie zwei Reihen großer Besen zum Himmel emporstreckten, wiegten sich in unruhigen Träumen, während der kleine See im Finstern dalag, und nur von Zeit zu Zeit eine Welle matt aufblitzte.

Am nächsten Morgen saß der Redakteur Rabe daheim auf seinem harten Sofa, eine Krücke an der einen, einen Stock an der andern Seite. Die Frau, die seinen Haus­halt besorgte, war eben gegangen, und der alte Mann hatte sich mit einem seiner großen Bücher hingesetzt. Da trat Thomas ein und brachte ihn in eine nicht geringe Aufregung, indem er ihm Helenes Grüße ausrichtete.

Der Alte blickte mit feilten rotgesprenkelten Augen auf und lauschte, während Thomas von seinem Besuch in Böses und Helenes Heim berichtete. Als aber Thomas mit einer leisen Andeutung kam, daß es jetzt an der Zeit sei, Helene die Hand zu reichen, da schoß der Greis auf alte Weise Blitze mit den Augen die Kreuz und die Quer über den Tisch hinüber.

Es tont, weiß Gott, nichts nützen, Schwiegervater, jetzt müssen wir aitdere Saiten aufspannen."

Der Alte stutzte über den bestimmten Ton, mit dem diese Worte ausgesprochen wurden.

Thomas!" rief er endlich aus, indem er ganz in das Sofa zu versinken schien,ich kann ja nichts für sie thun, selbst wenn ich es wollte, ich bin ja selber arm und hilflos."

Ja, ja, da findet sich wohl Rat."

Thomas war spät in der Nacht heimgekehrt. Während der ganzen Fahrt waren ihm die Gedanken durch den Kopf gebraitst wie die schnurrenden Räder unter dem Wagen.

Als er in sein kaltes, ungemütliches Schlafzinmter gekotnmeit war und die Lampe angezündet hatte, setzte er sich an den Tisch, stand aber gleich wieder auf und entnahm dem kleinen Schrank, der über seinem Bette hing, eine Rumflasche. Es fror ihn, daß alle seine Glieder zitterten. Nachdem er eine Weile mit der Flasche da-