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(Fortsetzung folgt.)
„Hier wohnt der Frieden!" — also steht es in großen schwarzen Lettern über der Thüre des Refektoriums. — Ueberall peinliche Sauberkeit, leer die weißgetünchten Wände, keine Blume, kein Bild, kein noch so kleiner Zierat, wohin das Auge blickt, Oede, fröstelnde Oede. Schnee- feldern ähnlich. So kalt, weiß und nüchtern. Aus der kleinen Kapelle klingt eintöniges Murmeln von Gebeten, schwarze Weihrauch-Wölkchen Wirbeln empor, und ihr Duft mischt sich mit dem Gerüche brennender Kerzen. Ein feines Glöckchen klingt, — die Nachmittagsmesse ist beendet. In Paaren verlassen die Patres das Gotteshaus, die Kugeln der Rosenkränze noch zwischen den gefalteten Händen. Einer, als letzter, geht allein. Sein schönes blasses Gesicht von asketischer Hagerkeit neigt sich tief über den schwarzen Buchdeckel, welchen die murmelnden Lippen wieder und wieder küssen. — Langsam löst sich Pater Fridolin von den anderen, und wendet sich b-ent kahlen, winterlichen Klostergarten zu. Keiner beachtet ihn. Man kennt seine Absonderlichkeiten und läßt ihn gewähren, ist er doch einer der Strengsten gegen sich selbst in Askese, Beten und Fasten, ein Gelehrter in Sprachen und Schriften, der Liebling des Priors. Inmitten des bereiften Gitterwerks der Aeste steht eine Steinbank. — Dort läßt sich der Pater in die Kniee sinken, den dunklen Kopf in beide Hände vergrabend. Regungslos, einem Steinoilde ähnlich, verharrt er so, nur ab und zu hebt ein schwerer Atemzug seine Brust.
Bitterer Hunger.
Skizze von Emma Kinzle.
(Nachdruck verboten.)
Die Prüfung der Klosterschüler war zu Ende. Manche der Knaben schritten zögernd und langsam, scheu und beschämt mit schlechter Zensur einher, andere jagten in tollen Sprüngen, ihre gut ausgefallenen Zeugnisbüchlein hoch in der Luft schwenkend, den Weg entlang, und etliche schritten in ruhiger Heiterkeit und mit zufriedenem Siegeslächeln fürbaß. — Pater Florian, der Klosterlehrer, folgte der! Schar, eine Papierrolle unterm Arm, im behäbigen Bewußtsein erfüllter Pflicht, das runde, wohlwollende Antlitz von eitel Sonnenschein überglänzt.
Sein Begleiter, ein schöner blasser Knabe mit dunklen Locken und großen, verträumten Sonnenaugen, gab sich alle Mühe, den langen, weitausholenden Schritten des Paters folgen zu können. —
Schweigend legten die beiden den Weg bis zum Klostergarten zurück. An der kleinen eisernen Pforte machte Pater Florian Halt, und wandte fid), an den Knaben.
„Nun, kleiner Fridolin, ich- fehe keine Freude ob der guten Zensur auf Deinem Gesicht!" Ein leiser Vorwurf klang aus des Paters Stimme. Fridolin zögerte eine Weile mit der Antwort. Dann hob er plötzlich die gesenkten Augenlider. „Ehrwürden, im Zeichnen habe ich nur —- gut erhalten! — Andere, die schlechter zeichnen — bekamen — sehr gut!" — Mühsam preßte Fridolin die Worte
Triebwerk seines Lebens'. Als junger Mensch war er zu Schiff gegangen, um zu erwerben für die Mutter und den kleinen Bruder. Mit seiner Heuer-hatte er geknausert, er hatte sich Freuden versagt, hatte erspart, zurückgelegt — es war für den Jungen. An ihn dachte er, wenn der Schiffskiel das Meer durchrauschte, ihn wiederzusehen freute er sich, wenn der Bug heimwärts gerichtet war, feit er mit ihm zusammenwohnte in auskömmlichem Behagen, der Frucht vierzigjähriger Anstrengungen — wie hatte er sich an feiner Munterkeit erfreut, wie viele Zartheiten, die niemand dem ungeschlachten Seebären zugetraut Hätte, erwies er dem jüngeren Bruder. Er war ihm ans Herz gewachsen, wie einer Mutter ihr Kind. Er war stolz auf ihn im tiefsten Gemüt, wollt's ihn beileibe nicht merken lassen, wie stolzmeinte aber ehrlich, man könne auf solchen Prachtmenschen nimmer zu stolz sein. Nun war der liebe Junge ihm entrissen, nicht durch Gottes strenge Hand, durch ein Ungefähr, einen Zufall, nein, weniger! Ein Versehen nur, der Augenirrtum eines Trunkenboldes — und gleichgültig erschlagen wie eine Robbe lag der Mensch, für dessen Leben er, Tobias Breeden, seit vierzig Jahren lebte! —
Immer aufgeregter, immer ungeduldiger klang seine Frage morgens beim Vorsteher: „Hebbt se Jan Jürgens?"
Aber des Vorstehers Antwort blieb die gleiche: nein, noch hatte man den Mörder nicht. Er war auch nicht entkommen. Die Polizei sämtlicher Häfen besaß seinen Steckbrief. Entwischen konnte er nicht. „Nur Geduld! Am Ende kommt auch der schlaueste Fuchs aus dem Loch." Tobias wartete.
Als der Mond dreimal am Himmel gewechselt hatte, und dreimal auf dem blauen Feld der holländischen Uhr, als die Sonne nicht mehr so früh noch so hoch über die Dünenkette heraufsti-eg, der Nordwest mit verjüngter Kraft die Mellen am Nordftrand zu Schaum peitschte, während allmorgendlich der Fuß des Leuchtturms wie besät erschien von den Leichen der süwärts reisenden Zugvögel, die von seinem Licht geblendet sich an den Glasscheiben der Leuchtkammer die Schädel einstießen, nahm Tobias Breeden den Eimer von der Decke herab und teilte seinen Inhalt in zwei ungleiche Teile. Den kleineren schnürte er mit einem Hemd und ein Paar Stiefeln in ein Bündel zusammen, den größeren schüttete er in einen Bohnensack, den er fest zuband. Dann schloß er die Thür seines Hauses und zog den Schlüssel ab.
An Marinkas Küchenfenster klopfte er an. „Sorg' Se vör mien Veeh. Ick make weg."
„Weg makt He? Wat fallt em in? Nahber Tobias, wo will He denn hen??"
Er war schon vorüber. Er wandte den Kopf nicht
Heraus, und in feinen Augen funkelten Thränen. — Zwischen den buschigen, überhängenden Brauen des Paters erschien eine Unmutsfalte. — „Zeichnen? Ha! Weißt Du, kleiner Fridolin, daß es da bei Dir gar nicht so weit her ist, wie Du glaubst?" — murrte er verdrießlich. „Weil nun der Tüncher des Dorfes Deine — kindischen Kritzeleien lobte, — ei, da meint der junge Herr schon, ein zweiter Raphael stecke in ihm! Der tausend: Mein Junge! Kopf Hoch! Mit einer solch glänzenden Zensur! — Alle wirst Du überflügeln in der Klosterschule! Die dort unten" — er deutete nach der fernen lärmenden Knabenschar, „sind nicht mit Dir zu messen! Eine Zierde unseres Klosters wirst Du werden! Mit Deinem scharfen Verstände, Deinem hellen Geiste wirst Du eindringen in die Herrlichen Schriftwerke alter Meister, die schönen Sprachen erforschen, die Tiefe und Weisheit des Buches der Bücher — der Bibel — ergründen, und eines Tages werden sich unseres Klosters Pforten öffnen, — den Pater Fridolin hinauszuschicken in die Welt, in die weite Welt, Heil und Buße zu predigen allen, die schwachen Geistes, schwankenden Sinnes sind! — Alles wird sich vor ihm beugen, „den Saum seines! Kleides küssen. Er wird sein ein Gottbegnadeter, und vor allem — ein Sühnender! Ja! Fridolin, ein Sühnender. „Die Sünde der Eltern wird sich an den Kindern rächen, bis ins neunte Glied!" Vergiß dies nicht. An Dir wird sie sich nicht rächen! Du trittst ihr kämpfend entgegen, und wirst siegen, was Deine toten, sündigen Eltern an Dir gefehlt! Und an fich!"
Aufatmend strich der Pater über den Kopf des Knaben, über den schönen, schwarzlockigen Kopf, der sich immer tieser und tiefer senkte, als ducke ihn eine eiserne Faust.
„Und ich soll nie mehr zeichnen?" fragte er leise, ein schüchternes Flehen in den Träumeraugen. Des Paters seistes, rosiges Antlitz schien plötzlich, wie versteinert.
„Nein!" entgegnete er hart. „Nicht zeichnen, und nicht malen! Das wird in unserem Orden nicht geduldet! Die Augen, welche eitle Dinge sehen, Mensch-en, Tiere, Gräser und Blumen mit den Augen des Malers erfassen, sind sündig, und zu geistiger Arbeit nicht fähig. Laß die Natur, die Gottes ist, und das Bild des Menschen, der auch Gottes ist; das Nachäffen ist heidnisch und thöricht, eitel Stümperei, der Gotteshand gegenüber. Entschließe Dich- kleiner Fridolin. — Bon morgen ab trittst Du entweder in die Gemeinde der Armenhäusler, oder in den stillen Frieden unseres Klosters, das Dir immer Schutz gewähren, Heimatrecht geben wird. Dir, dem Kind der Sünde, dem Namenlosen!" —
In des Knaben Zügen arbeitete es mächtig. — „Ich lasse Dir eine Nacht zum Ueberlegen!" Leise legte der Pater seine Hand auf des Knaben Haupt. Lebhaft ergriff sie dieser unb küßte sie.
„So küßt nicht Demut!" mahnte strenge der Pater, „Da wirst Du noch viel lernen müssen!"


