— 178
neben der.verfallenden Kirch« bereiteten seine Landsleut« dem Erschlagenen die Ruhstatt. Mit wimmerndem Ton. läutete das Glöckchen im hölzernen Turm dazu, das Glöckchen, das am Sonntag zuvor Niklas Breeden zum Aufgebot in di« Kirche gerufen hatte. Fast die ganze Badegcscllschaft umstand das Grab. Ebba und Marinka legten so viele Kränze aus! bunten Blumen darauf, daß der Hügel davon verdeckt wurde/ und schräg über den Dünenkamm herüber schien die Sonn« auf die letzte Wohnung des guten Gesellen, der sich,harmlos! ihrer Strahlen gefreut hatte. Tobias stand im Kirchenrock steif und starr neben den schluchzenden Frauen, fast als! ginge des Pastors Rede ihn nichts an. Und als die Feier zu Ende ging, klappte er die eiserne Gitterpforte des Kirch-, Hofes hinter sich ins Schloß und schritt stramm aufgertchteh seinem Hause zu.
Tie Sonnenblumenbüsche zu beiden Seiten, der Thür erinnerten ihn an seine Werbung, und er zögerte einzutreten< Aber er schüttelte sich. „In Gottes Namen."
Auf der Backsteindiele saß die schwarze Katze, sah ihn aus großen Augen fragend an. „Warum kommst du allein?" Ta Tobias die Antwort schuldig blieb, fing sie an zu schreien, laut und lauter, unaufhörlich.
„Holl still, dwatsche Katt", sagte der Schiffer. „Ick mutt ook still holl'n."
In der Stube hatte Mutter Marinka ihm das Wend--. Brot zurecht gestellt. Er rührte es nicht an. Er nahm die Bibel aus dem Schrank und starrte auf die Zeilen, ohn« zu lesen. Da ging leise die Thür auf. Ebba stand auf der Schwelle.
Tobias Breeden nickte. „Dat's mi leev, dat du kamen büst." -—
Sie trat ihm gegenüber, der Eichentisch war zwischen ihnen. Und er Hub an: „Ick will di man glieks seggen/ mien Teern, du bist mi as Niklas sin' Witfru. Un du sollst sein Gut erben. Ja, du sollst ihn beerben."
Ebba preßte beide Hände auf die Brust. Sie war chr seit Tagen zum Zerspringen voll von dem, was sie sagen mußte, und nicht über die Lippen bringen konnte. Jetzt aber brach's hervor. v r
„Tobias Breeden, weißt du, warum er hat sterben müssen?"
_ Weetst du't?"
"Jan Jürgens hat ihn für 'nen andern gehalten." „'n annern?" n
„Für Wilm Jansen. Dem wollt' er ans Leben. Darum — weil:—"
„Warum?"
»— Um mi, Tobias Breeden."
Eine Weile blieb's totenstill in der Stube. Nur die holländische Uhr tickte im geschnörkelten Gehäuse. Ihres Mondes erstes Viertel schaute aus blauem Sternenhimmel auf die beiden stummen Menschen. Ebba war in die Kmee gesunken und weinte lautlos. Tobias dachte an des Toten Rede: „Paß up, Bro'er, ’t Unglück komt to'r Huusdöör rm un sett't sik bi'n Füürherd", an seine scherzhafte Antwort: „Schall wol wesen, ’t kummt jo een Wif in’t Hirns Es war wahr geworden. Mit dem Weibe kam das Unherl.
„Ebba, warum hast du ihm dein Ja gegeben?"
Cie stand auf. „Frag' mich nicht! - Aber wenn du darum meinen solltest, ich hätt' nich groß auf Niklas gehalten, und hätt' ihn zum Spott machen wollen vor den Leuten, un mein schwarzes Trauerkleid da war' ne Lüge, nee! Da würdst du mir zu viel thun! — Glaub A — oder glaub's nicht. Ich sag's, werl's so ist. Am, ,elbigen Abend noch wollt' ich Niklas bekennen, wie mir's ums Herz war, und alles eingestehen — un — nu weiht du s. Un weißt auch, worum ich nichts von Niklas, fernem Gut haben will. Du darfst mich nich verfluchen, Tobias Breeden. -
„Nee", sagte der Schiffer langsam. „Du bust Niklas! sien Fröd un sien Glück west. Ick verfluch di mch.
Tobias Breeden blieb allein. Schwer lastete die, Einsamkeit auf ihm. Wenn der Nordwest an den Dachziegeln rüttelte, hob er den Kopf. Er meinte, der Bruder muffe letzt in die Thür treten. Vor dem Kochofen glaubte er, ihn kauern zu sehen. Auf der Speichertreppe horte er seinen Schritt, und des Nachts tn seinem Wandbette floh ihn , der Schlaf, weil er auf die gleichmäßigen Atemzuge an seiner Seite wartete, die ausblieben, immer ausblreben. Nur, allmählich kam das volle Bewußtsein seines Verlustes über ihn. Niklas war der Mittelpunkt gewesen, die Achse, um die seine Gedanken und Sorgen sich drehten, die Feder im
hatte er Wurzel dort geschlagen, zäh und fest wie der Strandhafer in den Dünen. Er kannte jeden einzelnen seiner Gemeinde — nicht nur von der Kirchbank. Denn er teilte ihr hartes Leben, die kurzen, abwechslungsreichen Sommerwochen, und auch die endlosen, öden Winternächte, in denen das Eiland abgeschnitten lag von der Welt, von jeder Kunde, Wochen-, monatelang hinter seinem Wall von sich türmenden Eisbergen, die das Wattmeer in eine bläulich, schillernde Gletscherlandschaft verwandelten — vergraben im Schnee, umbranst vom Nordwest, umrast von der gierigen Flut, die schon zwei Drittel seines Bestandes hinuntergerissen hatte mit Menschen und Vieh, mit Wiesen und Gärten, vier Kirchen im Laufe von wenigen Jahrhunderten verschlungen, mitsamt ihren Türmen und Glocken gebettet hatte in ihren Schoß.
Dieser sprach jetzt zu Tobias. Wie Christus die Händler und Wechsler aus dem Tempel, hatte er zuvor die Gasser mit kurzen Worten mtS- der Stube getrieben. Nun nahm er die Bibel, des Schiffers alte Familienbibel, und las und sprach die Sprüche, wie der Geist sie ihm eingab.
„Ter Herr hat's gegeben, der Herr hai's genommen. Ter Name des Herrn sei gelobt. Und ob auch Trübsal wie Wasserflut uns überfiele, verzagen wir doch nicht, denn wir harren des Herrn. Er ist unsre Zuflucht für und für. Ter Mensch geht dahin wie Gras, er welket wie eine Blume. Wer die Verheißung stehet von Ewigkeit zu Ewigkeit, die unser Heiland uns am Kreuze gegeben hat: Wahrlich, morgen wirst du mit mir im Paradiese sein."
Tobias saß noch im Tauzstaat neben der Bahre. Tas Gesicht hatte er in sein rotes Taschentuch vergraben. W und zu schüttelte er sich, als ob ihn fröre. Oben auf dem Schrank hockte die Hauskatze, mit vergrellten Augen die Leiche anstarrend, und den fremden, schwarzen Mann davor.
Der Pfarrer klappte jetzt die Bibel zu und sprach die Sterbegebete. Er wählte die längsten. Er wußte, seine Gemeindeglieder zählten und maßen die Ehren nach, die die Kirche ihren Toten erwies. Endlich war er damit zu Ende, und indem er das Buch niederlegte, fiel sein Blick aus das weiße Gesicht, von dem das Blut abgewaschen worden war, und in dem die Augenlider sich noch leise zusammenzogen, als zwinkerten sie wie einst in harmloser Fröhlichkeit. Da durchbrach der rasch uud warm empfindende Mensch in ihm die Würde des Geistlichen; seine eben noch im Gebet gefalteten Hände ballten sich. „Ein Schandstück! Ein Schandstück! — Gott verderbe den Mordbuben!"
Tobias Breeden hob den Kopf zum erftenmale. „Se hebbt moje betet vor Bro'r Niklas, Herr Pastor, un eegentlich kann ick nich mihr verlangen. Man as Se mi 'n Leev dohn wull't, denn lesen Se mi doch noch mal: 4. Buch Moses, Kapitel 35, von den Städten der Leviten."
Ter Geistliche nahm die Bibel wieder auf, uud indem er las, fühlte er's deutlich nach- was im Gemüt des alten Mannes wühlte.
„Tobias Breeden", sagte er, als er geendet hatte, ernst, „der Rächer des Bluts, das ist bei uns zu Land das Schwurgericht in Emden."
„Jo, Herr Pastor."
„Enthaltet eure Hände des Bluts", spricht der Herr.
>,Tie Rache ist mein. Seid getrost, ich will vergelten." Tobias Breedens Augen blitzten auf, während er mit
einer raschen Bewegung die Hand auf die Bibel legte. „He helft verheeten, nich wohr, Herr Pastor? He hett't ver- heeten!"
Aufrecht und stumm blieb er die Nacht vor der Bahre sitzen, wie er beim FischfanZ, auf hohem Meer manch lange Nacht am Steuerruder gewacht hatte, während die Gefährten s chliefen. Hier freilich gab's nichts mehr zu steuern. Tas Fahrzeug, an dem sein Herz hing, war hinübergetrieben in uferlose See; er sah ihm nach, das abgebrochene Ruder in der Hand, in seiner Betäubung nur das eine fühlend, daß die Planke unter seinen Füßen gewichen war, ans der er fünfundvierzig Jahre lang gestanden hatte, und daß er sank, er wußte nicht wohin?
Am Morgen nahm er seine Geschäfte auf. Er war zu stolz zum Weinen, zu hart zum Klagen. Erregtheit klang aus seiner Stimme nur, wenn er sich beim Vorsteher erkundigte, ob Jan Jürgens gefangen und abgeliefert sei ins Amtsgefängnis zu Emden. „Tenn, Vorsteher, Recht mutt bestahn."
Tann kam das Begräbnis. Auf dem kleinen Friedhof


