Montag den 24. März.
Nr. 45.
1902.
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AM ttb das ist aller Menschcnweishcit Höchstes:
Die Nichtigkeit der menschlichen Natur zu kennen. sDK- Byron.
(Nachdruck verboten.)
Tobias Breeden.
Bon Luise Westkirch.
(Fortsetzung.)
Während Jan Jürgens wie ein gehetztes Wild zum Wattstrand floh, kam in fast ebenso hastigen Sprüngen der halbwüchsige Junge des Leuchtturmwächters die Dunen herab Gerade in den Tanzsaal, in dem der Nordener aufspielte, mitten zwischen die sich drehenden Paare stürzte der
„Nah de Düne, Lüei Helpt! Helpt! Se hebbt Niklas Breeden vermoordt!"
Mutter Marinka faltete ihre runzligen Hande. „Hev ick 't ent nich seggt, Nahber Tobias? 't kummt all anners, all anners, denn tot denkt." —
Ebba trat eben in die Saalthür. Ihre Lippen brannten uoch von Wilms Küssen, ihre Hand lag in seiner Hand. Sie suchte Niklas. Es krängte sie, den unnatürlichen Bund Lit tölcu.
Ta erfaßte sie der Strom der herausstürzenden Menge und riß. sie mit. Der Nordener brach mitten im Takt ab; sein Instrument unterm Arm haltend, in der Eile des Entsetzens folgte er der Schar der Tänzer. Mit der Stalllaterne lief des Wirtes Knecht, der Wirt selbst hatte tn der Eile eine Fackel ergriffen, und mühte sich im Laufen, sie onzuzünden. Allen voran stürmte des Leuchtturmwächters Sohn und zeigte Tobias den Weg. Ebba schloß sich an tote im Traum. Es summte ihr vor den Ohren. Sie verstand nicht völlig, was die Leute um sie her sagten; was sie verstand, begriff sie nicht. Niklas ermordet, ermordet! Ihr Verlobter ermordet, während sie einen andern küßte, während ihr Herz sich von ihm abwandte, in dem Augenblick, als sie ihm die gelobte Treue brach! — Sie rieb sich die Augen, zerrte an ihren Haaren. All das war ein Trauin. Natürlich! Ein schrecklicher Traum. Wer doch wach werden könnte! Aus der Brust lag's ihr tote Blei, sie wußte nicht, ob sie die Füße hob, und lief schneller, als die Männer, und folgte auf den Fersen dem führenden Knaben und Dobias. Dabei fühlte sie, wie Wilm ihre Hand faßte, sie hörte seine liebe Stimme flüstern: „Sei ruhig! Ich bitt' dich, sei ruhig!" und lächelte und nickte. Ein Traum! Warum sollte sie Nicht ruhig fein? Nur sprechen konnte sie nicht, auch nicht schreien . Wie in allen bösen Träumen war ihr die Kehle tote zugeschnürt, --s
Und ietzt hielt des Leuchtturmwächters Sohn plötzltch im Laufe inne und deutete vorwärts. Ter Wtrt hob die endlich brennende Fackel; der Knecht näherte die Laterne t
Und Ebba sah und sah, mit weit offenen Augen starrend, wie ein Steinbild. Dann jählings fand sie Atem und Stimme wieder in einem gräßlichen, herzzerreißenden Schrei, der weithin durch die Dünen und über das rauschende Meer hinhallte, und denen, die ihn hörten, einen kalten Schauder durch die Knochen jagte; aber den Traum zerriß er nicht.
Jürgens
Sie warf sich über die Leiche, griff nach dem still- stehenden Puls, preßte ihr Ohr horchend auf die Brust, in der das Herz nicht mehr schlug, ihre Wangen gegen die Lippen, über die kein noch so leiser Atemzug wehte. Und dann zerraufte sie ihre Haare und rang die Hände, irr thränenlosem Schluchzen schreiend wie eine Tobsüchtige.
„Bring Se ehr Wicht weg, Jürgensch", sagte der Vorsteher ungeduldig zu Mutter Marinka, denn sie hinderte die Männer in den notwendigen Maßnahmen.
„Jo", nickte die Frau, „se is't noch nich wöhnt. SÄ strüwt sik noch gegen't Leed."
Milm führte die Fassungslose mit sanfter Gewalt nach Haus, und dort erst, in der trauten Umgebung, erwachte das Mädchen zum klaren Bewußtsein, zum Bewußtsein der vollen Wirklichkeit ihres Unglücks.
Es kam über sie wie eine Versteinerung. Minutenlang sagte sie nichts; sie rührte sich nicht. Sie sah Wilm an mit langem, sonderbarem Blick, und ihre Hellen Augen funkelten pechschwarz vor Erregung. Dann trat sie auf ihn zu, langsam, starr wie eine wandelnde Statue, faßte seine Hände mit schmerzhaftem Druck,, betastete dann aufgeregt feine Schultern, seine Wangen, seine Haare. „— Du leevst! — Tn leevst! Jo! Jo! Du leevst!" brach's über ihre Lippen wie ein Freudenschrei.
Doch sofort erbebte ihr ganzer Körper in einer Art Schüttelfrost. „— Aber er is.dod. Ich hab's gesehen. Ich hab's gefühlt! Es war kein Traum. Niklas Breeden ist ermordet. Für dich!" schrie sie wild auf, „für mich!" flüchtete in ihre Kammer und verriegelte ihre Thür.
Sie hatten ihn heimgeholt. Auf einer Bahre gerade unter dem randvollen Eimer am Stubenbalken lag, was von Niklas Breeden übrig blieb. Es war alles nach hergebrachter Ordnung vor sich gegangen. Erst hatte der Arzt seines Amtes gewaltet und erklärt, daß es für ihn hier nichts mehr zu thun gab; dann nahm der Gendarm den! Thatbestand auf, stellte die Person des Mörders fest und überzeugte sich nach zweistündiger Suche, daß derselbe entkommen war. Tie Klageweiber hatten das Wort gehabu Nun war die Reihe am Geistlichen. ,
Neben der Bahre stand er in Amtstracht, em schlanker, hagerer Mann. Die Adlernase sprang energisch vor, und aus den grauen Augen sprach ein stahlharter Wille, ^n zwanzigjährigem Wirken auf dem weltverlassenen Etland


