Ausgabe 
24.2.1902
 
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besseren Klassen, und den im schlechten Sinne proleta!- rischen Speisegelegenheiten der armen Klasse, um zu Wissen, einem wie großen Bedürfnis der ärmeren Mittel­klasse durch diese Etablissements abgeholfen worden ist.

Außer Lockhart's Restaurants, die für eine gering­fügige Differenz im Preise außer besserer Gesellschaft auch separate Räumlichkeiten, und bessere Zubereitung bieten, giebt es auch solche Etablissements, die nur eine Anzahl von Tischen im gleichen Lokale für ein besseres Publikum reservieren, was dadurch kenntlich wird, daß ein Tischtuch über die Holztische (bei Pearce u. Plcnty sowohl als auch bei Lockharts und ähnlichen Unternehmern sind fast aus­schließlich auch für die ärmste Klasse Marmortische in Verwendung) gebreitet ist, und daß für die gleiche Mahlzeit ein Penny (8 Pfennig) mehr berechnet wird.

Tiefe kleineSchwäche" der Leute, die, wenn auch im gleichen Lokal, so doch nicht am Tische mit den Männern in Arbeitskleidern essen wollen, spielt im Budget des Unternehmers keine geringfügige Rolle. So ein Tisch­tuch zu waschen kostet in solchen Großbetrieben kaum mehr als einen Penny, und so kann uns der Leiter einer über das ganze Land verbreiteten Restaurant-Gesellschaft das einfache Exempel vorrechnen, daß jedes Tischtuch bei einer Lebensdauer von nur einem Tage, und bet einem Durch­schnitt von nur 40 Mahlzeiten per Tisch ihm 3i/4 Schillinge einbringt. Das Jahres-Einkommen der Gesellschaft aus dieser unscheinbaren Quelle schlägt er auf 40 000 Mark an! Wenn man berechnet, daß zu diesem Resultat schon ca. 40 offen gehaltene Tische hinreichen, so verliert unser Staunen über diese Ziffer fast ganz seine Berechtigung.

Ich möchte diese Betrachtung über die Londoner Volks-Restaurants nicht schließen, ohne eines für Eng­land noch ziemlich neuen Faktors auf diesem Gebiete zu erwähnen: Der vegetarischen Speisehäuser. Obwohl das englische Klima diese Art der Ernährung nicht sehr begünstigt, so machen diese Lokale doch sehr gute Ge­schäfte, woran wohl die außerordentliche Sauberkeit und gefällige Ausstattung dieser Restaurants das Hauptverdienst haben. Die Bemerkung, welche man überall macht, daß im Sommer bedeutend mehr Leute sich der vegetarischen Lebensweise zuwenden, trifft natürlich auch für den heißen Sommer Londons zu. Der allzu reichliche Besuch während der Mittagsstunden ist dann das einzige, was Man an diesen Restaurants auszusetzen hat.

Zu bemerken ist allenfalls noch, daß auch in der Zubereitung der Pflanzenkost die Neigung des Engländers zum Soliden, Substantiellen, deutlich hervortritt. Die schweren Mehlspeisen wiegen vor der Zuckerverbrauch ist ein bedeutender. Auch hier ist die Billigkeit groß. Außer in wenigen, mehr dem Luxus dienenden Lokalen, findet man fast durchgängig eine aus drei Gängen bestehende Mahlzeit fürSixpence" (50 Pfennig.)

Auch in England äußert sich der Vegetarismus nicht nur in Einzelunternehmungen, sondeim er ist eineBe­wegung" mit Propaganda, Zeitungen usw.

Unter den Propaganda-Schriften ist mir besonders eine in der Erinnerung, die ich sogar neulich in deutscher Uebersetzung sah. Ihr vielversprechender Titel lautet: ^Mie inan heiraten, und von einem Schilling per Tag leben kann." ...

Ich weiß mich von Mangel an Gründlichkeit frei. Ich habe mich durch alle die. aufgezählten Londoner Volks-Restaurantsdurchgegessett"; ich habe für einen Penny gefrühstückt, und für Sixpence manch reichliches Mittagsessen unter allen möglichen Sorten von Publikum verzehrt (was thut man nicht für die Wissenschaft!) aber zum Märtyrer meiner Gründlichkeit habe ich noch nicht werden wollen, und so muß ich die Verantwortung für den verhängnisvollen Brochüren-Titel ihrem vegetari­schen Autor überlassen. Den Londoner Volks-Restaurants kann ich aber meine Hochachtung nicht versagen.

L e s e f r ü ch t e.

Leute, die immer über den Büchern sitzen, und sich den Kopf mit fremden Gedanken anfüllen, werden oft durch ihre Gelehrsamkeit selbst von der gesunden Ver­nunft abgelenkt." (Lucian.)

Was nicht wert ist, mehr als einmal gelesen 8>u werden, verdient garnicht gelesen zu werden."

(Weber,Demokrit".)

Ihre Herzensgeheimniffe.

(Nachdruck verboten.)

Jetzt, Maud", sagte Edgar mit selbstgefälligem Lächeln,bin ich bereit, das kleine Experiment zu versuchen. Ich glaube sicher, daß ich im stände bin. Dich zu hypnotisieren. Versuche einmal. Dich ganz passiv zu verhalten, an nichts zu denken. Nein, sage nicht, daß Du an mich denken willst. Sei ernsthaft. Lehne Dich bequem an. So ist's recht. Richte Dein Auge auf teneH Licht, und vergiß nicht, daß Du an nichts denken sollstz Ich werde jetzt 60 Sekunden nach meiner Uhr abzählen."

Tas Mädchen folgte den Anweisungen buchstäblich. Nach 20 Sekunden blinzelte sie mit den Lidern, nach 40 Sekunden waren sie geschlossen.

Ach, ich wußte, daß es mir gelingen würde", rief Edgar hochentzückt aus.

Jetzt, Maud, befehle ich Dir, mir Deine Herzens­geheimnisse zu erzählen. Wen liebst Du? Sage es mir, uh befehle es."

Ein augenblicklicher Ausdruck des Widerstandes überflog das Gesicht des Mädchens; dann sprach sie eintönig: Ich liebe Edgar Popham, und"

Ja, Ja!" rief Edgar vor Freude zitternd.Fahre fort. Erzähle mir Deine Herzensgeheimnisse!"

Ich liebe Edgar Popham", fuhr das Mädchen in demselben Ton fort,und würde ihn noch mehr lieben, wenn er nicht so knickerig wäre. Ich möchte zweimal in der Woche ins Theater gehen, und er führt mich nur drei­mal im Monat dahin. Ich möchte Brillantringe, und er schenkt mir Ringe mit billigen Steinen. Ich möchte ein oder zweimal wöchentlich eine Spazierfahrt im Park machen, und komme nie dazu. Wenn ich mir ihm ausgehe, und hungrig werde, so denkt er nie an Austern. Wenn ich"

Genug!" schrie der junge Mann.

Mach auf! Ich befehle es Dir." Uud er stürzte davon, ohne den Erfolg seines Befehles abzuwarten.

Als die Hausthür dröhnend ins Schloß fiel, öffnete das junge Mädchen die Augen, lächelte süß, und sagte:

Ich hoffe, ich habe ihm nicht zu viel auf einmal beigebracht. Vielleicht hätte ich die Spazierfahrt und die Austern bis zum nächsten Mal aufschieben sollen."--=

Tit-Bits.

Schachaufgabe.

Won P. Paletzky in St. Petersburg.

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a b c d e f g h

Weiß. (10 + 7)

Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge matt.

Auflösung der Zahlenpyramide in Nr. 28: A A u Bau Aube Bauer Traube

SW" wohlfeiles Schachspiel "MA für 20 Pfennige

zu haben in der Geschäftsstelle der Gießener Familienblätter,

Redaktion: E. Burkhardt. Rotationsdruck und Verlag der Brü bl'scheu Universitäts-Buch« und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.

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