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Londoner Volks-Restaurants.
Von Henry A. Davis.
(Nachdruck verboten.)
Wohl in keiner anderen Weltstadt hat die Privat- Jnittative in so großartiger Weise die Magenfrage der arbeitenden Klassen gelöst, als es in London geschehen ist. Es existieren da eine ganze Anzahl großer Gesellschaften- die eine stattliche Anzahl von Restaurants in allen Teilen der Riesenstadt unterhalten und daselbst für wenig Geld sehr kräftige Mahlzeiten verabfolgen lassen.
Eine dieser Firmen ist in die von Pearce u. Plenty, deren großen Etablissements man überall begegnet. Es wird interessant sein, den Werdegang dieses verdienstlichen — und auch sehr gewinnbringenden Unternehmens zu verfolgen.
Mr. John Pearce, heute Direktor der oben genannten Firma, sowie auch der British Tea-Table Co., fing als neunjähriger Junge an zu arbeiten, wozu ihn der Tod seiner Eltern zwang. Im Jahre 1866 richtete er eine jener fahrenden Kaffeeschenken ein, wie man sie heute noch häufig, tags und nachts, in den Londoner Straßen finden kann. Es sind dies Wagen, oder besser gesagt, Holzbuden auf Rädern, die an der gewohnten Straßenecke ausgestellt, mit wenigen Handgriffen in einen feststehenden Laden mit Ladentisch und Schirmdach, mit Regalen sür Teller und Tassen, sowie natürlich auch mit Eßvorräten und Kochmaschine, verwandelt werden. . . .
Sogar ein Firmenschild leisten sich diese „Cafötrers", Und unser John Pearce nannte sein Etablissement „The Gutter Hotel" — „Hotel zur Gosse". Der originelle Name machte ihn bekannt, sein Geschäft ging gut, und nachdem er 13 Jahre hindurch jeden Morgen um 4 Uhr sein „Hotel- Restaurant" eröffnet hatte, gestatteten ihm seine Ersparnisse, einen regelrechten Laden zu eröffnen. Drei Jahre später bezog er dann das Lokal in Farringdon Road, das heute noch als eines seiner besten existiert, und wo er schon zu allem Anfang nicht weniger als 6000 Mahlzeiten per Tag verabreichte. Nicht zum wenigsten half hier wieder eine originelle (damals noch originelle) Reklame. Er brachte an beiden Seiten der Eintrittsthür zwei nach verschiedener Richtung gebogene Spiegel an, deren einer die Passanten dünn wie Zwirnsfäden wiedergiebt, während der andere sie kugelrund zeigt. Die Aufschrift besagt, daß sie so aussehen vor und nach einem Versuch seiner „Beefsteak-Puddings".
Nachdem Mr. Pearce dieses Geschäft vier Jahre lang geführt hatte, nahmen einige reiche Leute ein solches Interesse an der Sache, daß sie zu einer Gesellschaft zusammentraten, die das Unternehmen so ausbauten, daß schon vor einigen Jahren 22 solcher Etablissements — kleinere und größere — existierten, die täglich an 50 000 Menschen, meist Arbeiter, versorgen.
Einem Vertreter des „Windsor Magazins", einer vornehmen illustrierten Monatsschrift, machte Mr. Pearce noch folgende intereffante Angaben. Wenn man ihm irgend eine Tageslösung nennt ,so kann er sagen, zu welchem der Tage der Woche sie gehört: so verschieden ist der „Kassenbestand", Und dementsprechend auch der „Ausgabe-Etat" des Durch- fchnttts-Arbeiters. Schon in den Münzsorten zeigt sich das deutlich. Am Montag ist das Silber Trumpf. Je mehr es äber zum Ende der Woche neigt, um so kleiner werden die Silberstücke, bis am Freitag eine wahre Flut von „Half- vennies" (Kupferne Vierpfennigstücke rn die kleinste übliche Münze) die Kassen füllt.
Zwei Tage sind besonders schlecht: Montag und Freitag. Am Montag bringt der Arbeiter noch ein Stück vom Sonntagsbraten mit zur Arbeit, und am Freitag ist große Nachfrage nach billigem Fleisch und Eiern. Da es eine große Anzahl von irischen Katholiken in London giebt, so könnte man meinen, oaß die Fleischtöpfe deshalb weniger Anziehungskraft hätten, aber da dieselben. Leute häufig Freitag abend zurückkommen (Freitag rst Zahltag für viele Arbeiter), und sich dann ein sichtbarlich von keinerlei religiösen Rücksichten beschränktes Mahl leisten, so ist sicher der „Wochen-Letzte" die Erklärung.
Auffallend ist auch die Vorliebe des Engländers sür ein ordentliches Stück Fleisch: es muß vor seinen Augen von dem Braten heruntergeschnitten werden. Von Wüvftchen, wie sie gerade in London besonders gut auf den Markt gebracht werden, ist er weniger eingenommen.
Die Beeffteak--Puddtngs, die den Ruf der Firma be
gründeten, und die eine so plötzliche Wandlung im Aussehen der Kundschaft (laut Spiegelbild) bewerkstelligten, sind in der That eine respektable Leistung. Sie enthalten in einer gut gebackenen Teig-Umhüllung ein halbes Pfund gutes Rindfleisch, und kosten dabei nur vier Pence (34 Pfennig).
Ueberhaupt sind die Preise unglauhlich niedrig. Man bekommt eine Tasse Kaffee, Thee oder Kakao für einen Halfpenny (vier Pfennige). Für denselben Preis giebt es ein Butterbrot. Für das Doppelte wird eine sehr groß« Tasse derselben Getränke verabreicht, und ein gutes Stück Kuchen kostet das Gleiche. Dabei ist besonders der Thee ehr gut. Kaffee bekommt man in ganz London nicht gut (mit verschwindenden Ausnahmen), und der Kakao ist ein Getränk, an das man sich in London noch einmal gewöhnen muß — so verschieden von unserer Methode wird er zubereitet. Es ist ein ganz dünnes Getränk, etwas süßlich, wird aber speziell in diesen billigen Restaurants von Kakao bester Qualität bereitet, und muß als wirklich gutes Frühstück bezeichnet werden.
Sehr deutlich prägt sich auch der Einfluß der Temperatur auf den Verbrauch aus. Nach Mr. Pearces Erfahrungen bedeutet ein Fallen des Thermometers ein Steigen des Verbrauchs an Brot und Butter um 25 Prozent. Dies ist eine so feststehende Thatsache, daß jeden Morgen nach dem Thermometer gesehen wird, bevor die Vorräte für den Tagesverbrauch bestellt werden.
Wir lassen eine Aufstellung folgen, die einen Begriff von dem Jahresbedarf dieser 22 Etablissements giebt. An Fleisch werden verbraucht: 995 Ochsen, 1002 Schafe, 1415 Schweine und 121 Kälber. Es werden verbraucht 1870 000 Eier, 990 Tonnen Kartoffeln und 902 Tonnen Mehl. Tie Ziffern für Getränke sind 99 000 Gallonen Milch, 1314 Tonnen Kakao, 58300 Pfund Thee. An Zubehör wird verbraucht: 385 000 Pfund Zucker, 110 Tonnen „Jam" (Fruchtgelee, das in England viel statt Butter auf das Brot gestrichen wird), *£% Tonnen Pfeffer, 41/4 Tonnen Senf und 2640 Gallonen Essig.
Zerbrochen werden jährlich 30 060 Tassen, 12 648 Untertassen und 27 432 Teller!
Tie Etablissements der British Tea-Table Co., mit deren Einrichtung erst 1892 begonnen wurde, und die rn- zwischen die Zahl von 24 erreicht haben, sind für erw besseres Publikum berechnet, ohne jedoch an die Börse zu hohe Anforderungen zu stellen. Es werden dort täglich 15000 Mahlzeiten genommen. Im Sommer bilden den Hauptbedarf Eier, Schinken und Salat, während rnr Winter Suppen, Steaks und Kottelettes vorwiegen. Ein großer Teil der Arbeit wird sür beide Etablissements in der Zentrale in Farringdon Road geleistet, wo unter anderen allein 40 Bäcker an der Arbeit sind. Tas gesäurt« Personal besteht aus über 800 Leuten. Dieselben werden so gut behandelt, daß sich für jede einzelne Vakanz durchschnittlich 12 Bewerber melden.
Einmal im Jahre, und Mar im Sommer, wird auch ein Ausflug des gesäurten Personals nach der Seekuste veranstaltet, und es giebt eine weitere Erklärung der Größe des Unternehmens und gleichzeitig der wohl durch- geführten Oekonomie, daß dieses nicht billige A^rgnirgen von dem Verkauf der Knochenäbfälle, wie Knochen, Fett usw., bestritten wird. ,
Ein Unternehmen von ähnlicher Große, tote das oben geschilderte, ist Lockhart's Kakao - Restaurant - Kompagnie, deren Läden gleichfalls überall in der Stadt anzutreffen sind, und die sich nicht wesentlich von Pearce u. Plenty's Geschäften unterscheiden, wenigstens was Qualität und Preise des Gebotenen betrifft. Immerhin beschranken sich aber „Lockhart's" mehr auf die leichteren Mahlzeiten, und so kann beobachtet werden,, daß diese Lokale, — besonders in Stadtgegenden, wo ein Lokal der anderen Art sich in einiger Nähe befindet, — von einem etwas besseren Publikum besucht werden. Uebrigens werden hiev direkte Anstrengungen gemacyt, um auch Leute der Mittet- Ilafse anzuziehen, besonders auch die kaufmännischen Air- gestellten, sowie Frauen und Mädchen. Für diese sind besondere Säle vorgesehen, in denen diejenigen, die den Vorzug der Billigkeit nicht um den Nachteil emer nicht immer ganz einwandsfreien Gesellschaft eintauschen wögen, ähnlich billige Sßretfe in respektabler Umgebung und peinlich sauberen Räumen finden.
Man muß London kennen, wit seinen Mremen in Verpflegungssachen, seinen teuren Restaurants für m


