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Kaiserin, deren Versicherung allzeit gnädigen Schutzes, bildete ein kaum zu erschöpfendes Thema.
Starr, voll namenlosen Staunens, lauschte Alexis der geliebten Gattin. Worte sind zu schwach, seine Empfind- ungen zu schildern. „Meine treue, starkmütige Frau!" war alles, was er zu sagen vermochte.
Längst war die Sonne gesunken, und noch immer saßen die beiden in der friedlichen Abendstille. Clarita hatte den Heimweg vergessen, sie war ja jetzt daheim bei ihrem Gatten. Endlich mahnte sie aber doch der Gedanke an Feodors Sorge, zu der Rückfahrt. Natürlich begleitete ihr Gatte sie. Vorerst aber betrat sie mit ihn: die kleine, arme Arbeiterhütte, in der er die letzten Wochen gehaust. „Es war ein Paradies nach dem Kerker Sibiriens!" nickte er ihr zu, während sie an seinem Arine die diirftige Klause verließ. Der Wagen wartete eine geraume Weile, und mit verdoppelter Eile ging's nun durch den milden Sommerabend gen Pallanza.
Tort suchte Clarita zuerst allein Feodor auf. Bei seiner schwachen Gesundheit bedurfte es der Vorsicht; nicht unvorbereitet durfte die Freude ihn treffen. Gr aber erfaßte sie rasch. Claritas strahlendes Antlitz sagte ihm schon, daß etwas — etwas besonders Frohes geschehen sein müsse.
Natürlich übertraf aber ihre Mitteilung alle Erwartung. „O, laß ihn zu mir kommen! Laß mich ihn sehen, meinen Bruder Alexis, damit ich an seine Auf- erweckung von den Toten glauben kann!" ries er voll seligen Jubels. Mitten in demselben verstummte er jedoch jäh, er gedachte seiner Mutter.
Mera hörte die Nachricht, und floh nach Locarno. Ten langen, tiefen See brachte sie zwischen sich und das Opfer ihrer Selbstsucht — sie konnte Alexis nicht sehen, seinen Anblick nicht ertragen! Auch er wünschte den ihren nicht; er mochte ihr nicht begegnen. Aber zu Feodor kam er, und in inniger, liebreicher Umarmung hielten sich die Brüder lange umschlungen. Es folgten darauf glückliche Stunden, die sie zusammen verlebten. Der Vergangenheit gedachte man weniger, mehr der Zukunft. Man machte alle möglichen Pläne. Feodor und Clarita waren einig darin, sich unverzüglich an ihre hohe Gönnerin, an die Zariza zu wenden, auf deren Vermittelung zu Gunsten des Flüchtlings sie fest vertrauten. Sie irrten darin nicht, wie die Erfahrung in der Zukunft lehrte. Doch auch ohne diese baute Feodor schon seine Luftschlösser. „In unserer herrlichen Steppe", rief er freudig erregt, „wirst Du das alte Ornatoffsko wieder äufbaueu, Alexis, und mit Clarita dort glücklich sein!"
Aber Alexis lächelte liebreich: „Nein, mein hochherziger Knabe, das geliebte Steppengut, unser altes Stammhaus soll Dir gehören. Du wirst einst den Namen unserer Väter in Rußland repräsentieren. „Ich kehre dorthin, trotz aller Gnadenwirkungen der Zariza nimmer zurück; ich habe genug von dem großen, heiligen Rußland gehabt. Clarita und ich bauen uns unser Nest, wo immer es uns gefällt."
„Und Du wirst unser Heim zu dem Deinigen machen", ergänzte Clarita rasch tröstlich, „wenn die Sommerfrische der grünen Steppe welkt, und Ornatoffsko Dir zu stille wird!"
Eigentümlich blickte das Kind die Trösterin an, leise vibrierte seine Stimme: „Ich werde Ornatoffsko nicht Wiedersehen, nie mehr auf Wjatka durch unsere schöne! weite Steppe jagen!" Und rasch, als ob er die Traurigkeit abschütteln wolle, setzte er hinzu: „Aber ich werde zu Euch kommen — zu Besuch — nicht zum Bleiben; mein Platz ist bei Mama, ich gehöre zu ihr."
Ja, er gehörte zu seiner Mutter; er vergaß das keinen Moment. Er mußte ferne arme, schuldige Mutter liebten.
Tieselbe kehrte nach Pallanza gar nicht mehr zurück, Alexis nur in der Nähe zu wissen, flößte ihr schon solche Furcht ein, daß sie sofort Befehl gab, ihr dortiges Logis zu räumen, und selber gleich rn Locarno blieb. Clarrta brachte ihren kleinen Freund und Bruder dorthin, und dann nahmen sie von einander Abschied. Er ging ihnen Heiden sehr nah', doch der zarte Knabe lächelte durch Thränen; er wußte ja nun seine Clarita glücklich,
Glücklich! wie sehr sie es war, das verriet der lange Bries, der in jenen Tagen in das still« Kloster Ku Wien flog, um der getreuen Schwester Stefanie in ihr friedlich, ungetrübt geordnetes Leben die Kunde zu
reizende
tragen, welch' günstige Wendung das stürmische, wechsel- volle Geschick der teueren Freundin genommen. Reine, wahre Freude erfüllte darüber Stefanies Herz. Wie tief und innig einst Stefanie das Leid ihrer Clarita mit empfunden, so nahm sie nun teil an deren Freude, Ein doppelter Festtag wurde dadurch für sie der, den man gerade im Kloster feierte, als ihr der Brief zukam. „Ist Dir nicht aufgefallen, wie frohlockend glockenklar heute abend Schwester Stefanies schöne Stimme klang?" fragte beim Plauderstündchen jenes Abends eine klein« Pensionärin die andere. „Gewiß", lautete die prompte Antwort, „ich merkte es wohl. Was sie nur haben mag, die liebe Schwester! Nie habe ich sie reiner, jubelvoller anstimmen hören: Großer Gott, Dich loben wir, bekennen Tich, und danken Dir."
XXV.
Sonnenschein.
Nach meiner Trübsal lacht ein besseres Leben. Shakspeare.
Ueber die blauen Wellen des zauberisch schönen Lago- Maggiore tanzt ein kleiner Kahn; in leichtem Wind« bläht sich sein weißes Segel, von einer sichern Hand regiert. Sie ist wettergebräunt, stark und ruhig diese sichere Hand, wie der ganze Mann, der in der Bark« hochaufgerichtet steht, und lächelnd niederblickt auf ein Kind, einen dreijährigen Knaben, der vergebens bemüht ist, strampelnd und jauchzend sich aus den Armen seiner Wärterin zu befreien, die ihn sanft, doch fest zurückhält, während er mit all seiner kleinen Macht bald nach dem flatternden weißen Segel, bald nach des Steuermanns schwarzlockigem Haare greift, das reichlich silberglänzende!
Fäden durchziehen.
Ter Kahn schaukelt leicht, die Wellen gehen ziemlich hoch, ein frischer Wind bläht das Segel, des kleinen Schiffes, das in bestimmter Richtung dem Gestade zutreibt, Sein Ankerplatz, sein Ziel ist dort, wo fast von den Wogen umspielt, ein hübsches Landhaus sich erhebt.
Auf der Terrasse des Landhauses steht ein junges Paar, eine liebreiche, glückstrahlende Frau, und ein hoher Mann mit weißem Haar und jugendlichem Antlitz. Auch sein Auge strahlt, es ruht auf seiner Gefährtin, seiner! Clarita, die denen da unten in dem kleinen Schiffe mit einem flatternden Tuche frohen Gruß entgegenweht.
Herr und Frau von Ornatoff sind's, und die reizende Villa ist ihr eigenes Heim. Vor vier Jahren haben sie sich's erbaut. „Sollen wir hier bleiben, mein Lieb, irt vieser herrlichen Natur, dieser paradiesischen Umgebung/ wo wir einander wiederfanden?" hatte damals Alexis zärtlich gefragt, und sein Weib hatte selig darauf geantwortet: „Wo immer Du willst, laß uns bleiben, Deine
Liebe ist meine Heimat!"
Daraus, ihrer Zustimmung versichert, hatte er das reizendste Plätzchen am See gesucht, dessen blaue Flut an die des Meeres erinnerte, das Teneriffa umspült. Tie Umgebung, alles hier schien ihm geeignet für das neue Erblühen seiner südlichen Blume, die er nimmer mehr nach dem kalten Norden verpflanzen mochte. Er hatte Recht. Unter dem Sonnenschein der Liebe und des Glückes war sie wirklich neu erblüht, und auch aus seinen von den tiefen Leiden gezeichneten Zügen verloren sich mehr und mehr dessen Spuren; selbst die Erinnerung daran! erblaßte, und mit ihr die an eine Heimat, welche er frühzeitig zu lieben verlernt. Anders bei Clarita. Ni« war die Stätte ihrer Kindheit die freundliche Haciendch in der sie, ein elternloses Geschöpfchen, weder Vater noch Mutter vermißt hatte, lebhafter vor ihre Seele getreten/ als da sie das eigene Haus bezog, das der See umwogte, wie draußen das weite Meer ihr altes Teneriffa. Aber mehr noch als der geheimnisvolle Sang der Wasser sie an einst empfangene Liebe und Güte mahnen könnt«/ mahnte sie daran das erste durchs das Haus klingend«! frohe Lallen des Kindes, welches Gott ihnen schenkte^ Sie nannte ihr Söhnchen Jose. Und so oft sie allabendlich dem kleinen Jose ihr Schlummerliedchen sang, wanderten ihre Gedanken zu dem alten, fernen Jose, des Kindes Paten, und flochten sich innerlich Ul einem Gebete, das um di« Vergebung des gekränkten Wohl-, thäters flehte.
(Schluß folgt.)


