Ausgabe 
24.2.1902
 
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Nachdruck verboten.

Verschollen.

Original-Erzählung von M. Ludolfs.

(Fortsetzung.)

Tie Wonne des Augenblicks, das Glück des Wieder­sehens, hatte die beiden überwältigt. Sie hatten beide einander so viel, so unendlich viel zu sagen, und fanden kein anderes Wort, als sich immer wieder und wieder zu versichern, daß sie einander wieder hatten; nur allmählich kam les zu weiteren Erklärungen. Alexis gelang es zuerst, sich zu fassen.

Ja, meine Clarita ich lebe! Zweifeltest Du daran?" Man sagte mir, Du seiest tot!"

Tot! Nein, aber begraben war ich! Eine entsetzliche Haft hielt mich fern von Dir, mein Lieb", sagte Alexis, in sich erschauernd, und dann erwähnte er in flüchtigen Morten des ihm zur Last gelegten Verbrechens,_ seiner vereitelten Flucht, seiner Transportation nach Sibirien. Was er - dort gelitten, das erzählten seine weißen Haare. In den zwei Jahren war er um zwanzig gealtert; Entbehrung und Seelenleiden hatten ihren Stempel tief in seine schönen Züge eingedrückt, seine stolze, hohe Ge- Gestalt gebeugt, aber sie hatten ihm das Herz nicht ge­brochen, die Hoffnung nicht zu nehmen vermocht. Er hatte ausgeharrt. Die Erlösung kam. Ein höherer Beamter, der die Minen zu besichtigen, die Deportierten zu kontrol­lieren kam, erkannte in Alexis den Freund aus jungen Jahren. In der Erinnerung daran, voll Mitleid mit dem Unglücklichen, ermöglichte er ihm ein heimliches Ent­kommen. Diesmal gelang die Flucht. Alexis überschritt unerkannt die Grenze, etwa um dieselbe Zeit, als die kaiserliche Botschaft betreffs seiner in den Minen anlangte, und dort die höchste Verlegenheit verursachte. Indes, man wußte sich zu helfen. Rasch gefaßt, reihte man seinen Namen in die Toteulrste ein. Nach Rußland kehrte der Flüchtling ja doch nimmer zurück. Einmal glücklich in Deutschland, ging dessen direkter Weg nach dem Lago, wo er von seinen Lieben nichts mehr fand- als Dolores! Keinem Grab.

An diesem Punkte seines Be. chtes angelangt, seufzte Alexis schwerrO, unseres Kindes Grab, Dein Verschwin­den es waren trostlose Entdeckungen für mich. Völlig

Montag den 24. Februar.

Nr. 30.

ü

WM

irdischen Glückes sind.

Wilhelm v. Humboldt.

an muß auf nichts so wenig vertrauen und an nichts so unab- ) lässig arbeiten, als an seiner Scelenstärke und seiner Selbst­beherrschung die beide die einzigen sicheren Grundlagen des

erschöpft, Und aller Mittel bar, blieb ich als einfacher Arbeiter, als Goldgräber in Castagnello in den sibirischen Bergwerken hatte ich ja die Arbeit gelernt. Ich ver­diente mir fetzt mein täglich Brot damit und niemand hier ahnte in dem fast als Bettler zugereisten Fremdling den einstigen Fürsten.

Alexis lächelte bei der Erinnerung des Namens, den man ihm einst so freigebig beigelegt, unterdes er Leb­haft fortfuhr:Zugereiste Arbeiter sind eben nichts neues hier, sie finden leicht Beschäftigung. Ich war froh, solche zu erlangen, und dies Asyl gefunden zu haben; ich vermochte nicht mehr bis Marseille zu kommen. So schrieb ich dorthin an Deinen Bankier vielleicht traute man mir nicht, jedenfalls kam nur ungenügende Ant­wort zurück; wegen der erbetenen Ausklinft wollte man sich erst nach Wien wenden. Auf diese Nachrichten warte ich noch heute. Ich blieb am liebsten hier; hier erinnerte mich ja alles an Dich, meine traute Clarita. Unter der Hand forschte ich überall nach Dir, und ließ mir durch meine Mitarbeiter erzählen, von der traurigen, fremden Signora, die vor zwei Jahren in Nikolo's Hütte ge­wohnt, und allabendlich nach der Tocea-Brücke gewandert fei. Alle sprachen mit teilnehmendem Interesse von Dir, doch keiner wußte, was aus Dir geworden. Nach dem Tode ihres Kindes ist sie plötzlich verschwunden, ver­schollen sagten sie, und einige setzten die unerwiesene Behauptung hinzu: Du habest Ruhe in dem blauen Lago gesucht!"

Ich glaubte das nimmer", fuhr Alexis fort,ich wartete auf Dich. Das Grab unseres Kindes schien mir ein Unterpfand, daß Du eines Tages wiederkommen würdest. Täglich der Mitteilung harrend, ging ich all­abendlich hierher, ich pflegte die Blumen, und dachte an Dich. Und nun hab ich Dich wieder, ich fasse es kaum, mein Lieb! Kommst Du von Wien? Wo bist Du gewesen all die traurige Zeit?"

Er betrachtete sie voll zärtlicher Sorge. Ihr schmales, durchgeistigtes Gesicht verklärte ein seliges Lächeln. Welche Wonne war ihr Vorbehalten! Wie süß däuchte es ihr, ihm die Wahrheit zu verkünden, ihm zu sagen, daß der auf ihm ruhende Verdacht geklärt, feine Unschuld er­wiesen, sein Name wieder fleckenlos sei! Ihre leuchtenden Augen sprachen mehr noch als ihre Worte:Ich war in Rußland, mein Gatte! In Ornatoffsko bin ich ge­wesen. Dich zu suchen habe ich die Welt durchwandert!^

Du, Du warst in Rußland? in Ornatoffsko? Du allein?"

Gott war mit mir!" erwiderte sie leise. Nun er- Ke sie ihre ganze Geschichte, nicht müde werdend. Feo- beständige Liebe, seinen Unfall, der alten Eudotza treue Anhänglichkeit, das errungene Geheimnis, und end­lich die Huld der Zariza zu schildern, die fte zuerst Frau von Ornatoff genannt. Dre Protektion der gütigen