Ausgabe 
24.1.1902
 
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die beiden Damen waren allein. Sie saßen einander gegenüber, und sprachen in leichtein französischen Ton; mit dem Blicke des Geistes aber prüfte die eine die andere, als möchte sie ihr gleich hineinschauen bis auf des Herzens Grund. Warum? das wußte wohl eine rede selbst am besten.

Clarita sand Alexis Schilderung zutreffend. Wer« Sergewna war jung und schön; sie mußte einen selt­samen Gegensatz zu dem greisen Gatten gebildet haben, dessen Söhne ziemlich in einem Alter mit ihr gestanden. Roch mochte sie die Dreißig kaum überschritten haben, ihre ganze Haltung war die der vornehmen, weltgewandten Dame. Etwas Hochfahrendes lag in ihrem Wesen, un­verkennbarer Stolz in ihrem schönen kalten Antlitz. Sobald dieses sich jedoch belebt zeigte, wurde seine Schönheit eine bestechende, blendende, wie z. B. vorhin, da sie Nikolai Pawlowitsch zum Abschied zugenickt. Es lächelte alsdann der reizend geformte Mund mit den frischen Lippen, der sonst ihn umspielende, auf entschiedenen Eigenwillen deutende Zug trat zurück, der unruhige Blick schwand aus den schimmernden Augen, deren Farbe fast meergrün erschien, voll solch unbestimmbaren Lichtes, daß sie un- willkiirlich an die am sernen Rheinesgestade besungene Loreley erinnerten. Auch das goldene Haar hatte Frau v. Ornatoff mit jener gemein. Ja, dies leuchtende blonde Haar, die wie Diamanten in wechselndem Farbenlicht, unter den langen, auswärts gebogenen Wimpern glanzenden Augen gaben der elfenartigen Gestalt Wera's etwas .Sirenenhaftes, das seine alte lockende Macht bewähren mochte, sobald die verwöhnte Frau liebenswürdig fein wollte. Ihre eigenartig reizende Erscheinung mußte einen Ungewöhnlichen Eindruck machen, aber war er wohl- thuend?

(Fortsetzung folgt.)

Das alte obere Heidelberger Schloß?)

Bon Palatinus (Heidelberg).

(Nachdruck verboten.)

Ein Heidelberger Schloß wird zum ersten Male im Fahre 1225 urkundliche erwähnt, als der Bischof von Worms den ersten Pfalzgrafen aus dem Geschlecht der Wittelsbacher, Ludwig, mit Stadt und Burg belehnt. Ueber die Vorge­schichte dieser bis dahin bischöflich Wormser Burg ist nichts bekannt. Das eine aber ist sicher, daß vor den Wittelsbachern kein Pfalzgraf, auch nicht der Hohenstaufer Konrad, auf ihr residiert hat. Wie späteren Zeugnissen zu entnehmen, lag diese Burg auf dem kleinen Gaisberg, der Stätte der heutigen beliebten WirtschaftZur Molkenkirr". Der kleine Gais- berg bietet die topographischen Voraussetzungen für eine mittelalterliche Burganlage; auf drei Seiten durch das steil abfallende. Gelände sturmfrei, mußte er nur gen Osten, dem Königstuhl zu, durch Graben, Schildmauer und Bergfrid be­festigt werden. Wie diese Burg des 13. Jahrhunderts im emzelnen aussah, wissen wir nicht. Das kleine Bildchen in Sebastian Münsters Kosmographie (1526) gestattet keine Schlüsse. Doch verwahrt die Städtische Kunst- und Alter­tümersammlung eine zweifellos echte Tuschzeichuung aus dem Jahre 1537,arx superior in haidelberch", welche von keinem Geringeren signiert ist als dem Pfalzgrafen Otto Hernrrch, dem Erbauer des heute viel umstrittenen Glanz­stückes der neuen Schloßanlage. Darnach hatte das Haupt­gebäude, derPalas", hoch auf starken, durch Strebs Pfeiler gestützten Mauern ruhend, zwei zweigeschossige Flügel, überragt, wohl im Süden, von einem hohen, vier­eckigen Turm, zu beiden Seiten kleinere Gebäude. Nach Errichtung der Residenz drunten auf dem Jettenbühl, diente im 15. und 16. Jahrhundert das alte Schloß nur als Zeug­haus. In das aufgestapelte Pulver schlug 1537, unter der Regierung Kurfürst Ludwigs V., der Blitz und zerstörte dre Burg wohl fast völlig. Kurz vor der Katastrophe hat Otto Heinrich durch seine Skizze ihren Anblick der Nachwelt bewahrt. Auch das neue Schloß litt Schaden durch die Ex­plosion. Während des 30jährigen Krieges lagen Pfälzer m den Ruinen verschanzt, bis Tilly sie vom Gaisberg aus

*) Die alle Welt zurzeit beschäftigende Frage: Wieder- oder nur Restaurierung des Otto Heinrichsbaues des Heidelberger Schlosses? veranlaßt uns zur Wiedergabe vor­stehender Auslassung. D. Red,

be;choß und vertrieb. Ein Stadtplan aus dem Jahre 1622 S"chnetdort,wo heute die Molkenkur steht, Bastionen ein, wohl Phantasiegebrlde. Von da ab wurde dieSchanze"' gleich den Kirchen- und Klosteranlagen drüben auf dem Heurgenberg, als Steinbruch von den Heidelbergern aus- gebeutet. Der verdiente Verfasser derGeschichte und Be­schreibung der Stadt Heidelberg" F. P. Wundt konnte 1804 hier wenrg mehr sehen. Eine ftanzösische Emigrantin aber entdeckte die großartige Aussicyt, die sich von da nach. Rhein­ebene, Neckarthal und Odenwaldbergen erschließt. Ein fin­diger Wirt, Wagner, folgte nach, erwarb um die Mitte vorigen Jahrhunderts die Osthälfte des Terrains vom Fiskus und richtete die weitbekannteMolkenkur"-Restauration ein, die jetzt den Endpunkt der Bergbahn bildet. Diesem Neu­bau fielen fast die letzten oberirdischen Reste der Burg zum Opfer, um eine ebene Fläche zu gewinnen.

Die letzten Zweifel, daß auf dem kleinen Gaisberg eine mittelalterliche Burg gestanden, sind nun neuerdings in be­jahendem Sinne gelöst durch die voin Heidelberger Schloß- verem unternommenen, von Professor Dr. Karl Pfaff ge­leiteten Ausgrabungen. Ihr Ergebnis hat Pfaff in der jüngsten Generalversammlung des Schloßvereins ver- osfentlicht. Ein hiesiges Blatt berichtet darnach: Oestlich der Molkenkurwirtschaft wurden drei im rechten Winkel auf ernanderstoßende Mauerzüge aufgedeckt, welche eine» recht­eckigen Raum umschließen. An den zwei östlichen Ecken sind schräg gestellte, mächtige Strebepfeiler sichtbar, die im festen Verband mit den erwähnten Mauern stehen und darauf deuten, daß schwere Lasten auf diesen Mauern geruht. Die Nordmauer läuft gen West bis zum Writschaftsgebäude, unter der Nordostecke desselben hindurch bis zum Gelände­rand. Wieviel zum Teufelsloch abgestürzt oder durch Stein­bruchbetrieb abgebaut worden, läßt sich nicht feststellen. Die Südmauer ist heute etwa halb so lang, wie die Nord-, die Ostmauer etwa so lang wie die Südmauer. An wenigen Stellen reichen diese Mauern und Strebepfeiler über den Boden empor; an anderen Stellen ruht späteres, flüchtiges Mauerwerk auf dem tüchtigen Fundament. Innerhalb des von den drei Mauern umschlossenen Raunres fanden sich nur an der Südmauer einige augenscheinlich alte Funda­mentreste. Der Gründer der Molkenkirr hat oben östlich der heutigen Wirtschaft Felsen und damit auch Grundmauern beseitigt, um im Westen auszufüllen. Diese, somit nicht ganz ergebnislosen Ausgrabungen brachten zugleich für dre Federzeichnung Otto-Heinrichs Bestätigung und Erklärung: Sie stellt die obere Burg von Norden dar. Der Nordflügeh des Palas ruhte mit seiner Nordfront auf der Osthälfte der oben erwähnten Nordmauer (daher hier auch noch zwei rechtwinklig anstoßende Strebepfeiler), der Flügel sprang nach derKlinge" zu in den Hof. Der Graben lag östlich; dre heutige Fahrstraße liegt in ihm. Ueber ihn führte zwischen zwei Türmen eine Zugbrücke in den Palas oder in den inneren Burghof. Westlich des Palas-, in der Gegend! der heutigen Molkenkurwirtschaft, lagen Wirtschaftsgebäude, auch eine (noch erhaltene) runde Cisterne, vielleicht unter ernem niederen Rundtrrrme.

Fremdenzimmer.

Plauderei von Herbert Steinlein.

(Nachdruck verboten.)

Ein Fremdenzimmer giebts wohl in den meisten Häusern,, und wenn auch nicht gerade der schönste Raum in der Wohn­ung dazu benutzt und das beste Mobiliar hineingestellt wird, so ist's den Logiergästen doch immer noch lieber, als wenn man sie in dem Salon einquartiert. Denn daun heißt's früh aufstehen, damit besagtes Prunkgemach nicht allzulange seiner sonstigen Bestimmung entzogen wird; nun, und Morgenstunde hat Gold im Munde" ist an: Ende nicht jedermanns Wahlspruch. Außerdem könnte es einem un­glücklichen Gast auch zustoßen, daß er einen Kaffeefleck auf die gute Sophagarnitur macht oder den guten Svphatisch mit Stearin betropft, was entschieden nicht dazu dienen würde, das freundliche Einvernehmen mit der Hausfrau zu befestigen kurz, das Logieren im Salon hat entschieden seine Schattenseiten. Ich für meine Person würde es wenigstens bedeutend vorziehen auf dem Treppenabsatz odev in der Rumpelkammer zu schlaft».

Aus dem Treppenabsatzfragt vielleicht der eine oder ändere verwundert.