Lch gkaub's schon, daß er in jungen Jahren Wera Sergewna geliebt und dies der Grund ist, weshalb er, so lauge der alte Adelsmarschall lebte, allen Verkehr mit ihr mied. Doch jetzt, da sie wieder frei ist — nun Sie wissen, die Franzosen haben nicht umsonst ihr altes Wort: Man kommt immer auf die alte Liebe zurück. Hier mag's zutreffen, und Wera Sergewna als reiche, unabhängige Frau vielleicht das Glück erreichen, nachdem sie als armes, vermögensloses Fräul->in vergeblich gestrebt; denn bei allen sonstigen guten Eigenschaften bedarf Nikolai Karin doch auch des Geldes. — Aber mein Gott, — ich werde heute des Plauderns nicht müde,' meine Beste, jedoch, es schadet nichts — nehmen Sie nur immerhin auch diesen Wink mit in das Ornatoff'sche Haus Endlich aber vergessen Sie das meinige nicht — bringen Sie Mir bald Nachrichten! — Also, auf Widersehen!
. ± Endlich war sie gegangen. Unten durch die stille Straße jagten die ungeduldigen Pferde, die so lange hatten warten müßen, mit einem Feuer dahin, daß des bärtigen Kutschers volle Kraft dazu gehörte, sie im Zügel zu halten, aber er wehrte ihrem Ungestüm nicht, da die gnädige Barinitscha Vber irhm zugerufen hatte: „Fahr zu wie der Wind, Wassili!" '
„Sie hatte ja über dem Streben, ein gutes Werk zu Ihiln, zil viel ihrer kostbaren Zeit verplaudert, deren sie noch gar sehr bedurfte, um alle die Freuden zu durchkosten, die das heutige Tagesprogramm aufwies.
,, Elarita aber, die Fürstin glücklich im Wagen sehend, schlich m ihr Zimmer; sie schloß hinter sich ab — sie mußte allein, ganz allein sein.
. Erschöpft sank sie in die Knie. War ihr Gatte wirklich ettt Verbrecher? ein Mörder?
Gerade das Letztere gewann in Anbetracht seines rasch hegten und rasch verrauchten Zornes einige Wahrscheinlichkeit für sich. Sie wußte das wohl. Im Mvinente des Zornes konnte er einer raschen That fähig gewesen sein — Und dw Veranlassung zu solchem Zorne? Schimmerte sie ihr nicht wieder in grellem Lichte entgegen, durch die Fabck, die eine fremde Dame mit ins Spiel brachte. Alexis mochte dem älteren Bruder seine geheime Ehe gestanden haben, was diesen möglicherweise zu Worten geführt, welche den leidenschaftlichen Mann toll gemacht! O du lieber Gott stöhnte Clarita schmerzlich, „zeigt sich mir denn immer aufs neue meine Schuld, meine Schuld!" Und dann fiel ihr erst em, daß Alexis selber, nach der einen Lesart, welche die Fürstin erwähnt hatte, in verzweiflungsvoller Gegenwehr gefallen fern sollte. Auch das war möglich; es erklärte sogar Um ersten sein gänzliches Verschollensein; denn seinen eigenen j Worten nach konnte ja nur der Tod sie trennen. War der äber^emgetreten, was sollte dann all' ihr Forschen auf
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Zwei Fr au e n.
Sich zum Meister seiner Zunge und seines Gesichtes zu machen, daß sie nicht die Geheimnisse des Herzens verraten — dies ist eine Kunst.
Christine v. Schweden.
Genau zur festgesetzten Stunde fuhr Clarita folgenden Tagev nach dem Ornatoff'schen Hause. Sie hatte ihre Fassung wieder errungen, obgleich eine schlaflose, fieberhaft durchwachte Nacht,hinter ihr lag. Vor sich selbst war sie erschrocken, als sie an jenem Morgen in den Spiegel cw- schant und ihr eigenes Antlitz kaum wiedererkannte. So farblos und durchsichtig erschien dieses, daß deutlich die blauen Schläfadern durchleuchteten, neben welchen ein Paar tiefliegende, kummervolle Augeu ihr matt entgegeublickten; alles Feuer schien darin erloschen. Wenn sie gewußt hätte, wie vorteilhaft diese Schatten, welche ihren jugendlichen Liebreiz verdunkelten, sich zur Erlangung der gewünschten Stelle erweisen würden, so würde sie sich ihrer gefreut haben — aber sie dachte nicht daran. Ein Raine erfüllte ihr Smn und Herz. Alexis! Sie betrat fein Elternhaus.
und freudlos überschritt sie die Schwelle, der er entflohen — entflohen mit dem Kainszeichen auf der Stirne, wie die Menschen sagten! - Doch die Menschen logen! Sie glaubte ihnen nicht. - Wie viel Unwahrheit wußte die Welt isicht zu erzählen? Wie viel Lug und Trug spritzte das vielköpfige Uiigeheuer Man sagt" nicht täglich in die Welt! Während sw m ihrer Einsamkeit darüber nachgesonnen, war W die bedeutungsvolle Fabel eingefallen, welche erzählt,
daß Wasser, Feuer, Wind und Wahrheit einmal eine Unter- ^edung zusammen gehabt und bevor sie sich getrennt, davoir gesprochen hatten, wo sie sich int Falle der Not wieder finden konnten? Das Wasser erklärte: es sei zu finden, wo Binsen wuchsen, man brauche daselbst nur ein wenig die Erde mit dem Svaten aufzugraben; das Feuer beteuerte: man werd«
™ ben 5^selsteinc.i finden, wenn man zwei aneinander fcylage; und der Wmd sagte: er könne auf den Blättern der ■ ®tilupe wahrgenommen werden. Aber die Wahrheit be- kannte: Sw könne keinen Ort angeben, wo sie gewiß anzu- treffen, jet; denn unter den Menschen herrsche die Lüge. ' l u „ Jur die gleiche Ansicht hatte Clarita sich entschieden, wahrend sie die lange Nacht hindurch über die Mitteilungen der vornehmen Plauderin uachgegrnbelt, bis kurzer Schlaf ihr dte müden Augen zu gedrückt und der Traum sie zurück- getragen hatte m eine glückliche Zeit, wo sie an dem Ufer des alpenumkranzten Lago-Maggiore an der Seite des ! teueren Gatten lustwandelte, der ihr in süßem Liebeston
Worte wiederhol die das abgerissene, durch Dimitri n,-. ubersanite Notizbuchblatt enthielt: „Was immer man Dir von mrr sagen mag, glaube es nicht; vertraue mir! ich! bin uns^nldig!" . ~A
„ Dies eine Wort wog alles auf. Alexis hatte es gesagt: sie hielt daran fest. d 1 a f
Ihr Geist klammerte sich auch jetzt daran, da sie die breiten Treppenstufen des altertümlichen Hauses hinanschritt. Er nahm sich völlig anders ans, als vor wenigen Tagen in dem Abenddunkel. Die mit ihm vorgegangene Veränderung! st>rach zu seinen Gunsten. Mit dem Erschließen der Läden war Licht und Leben in die inneren Räume gedrungen, in: • welchen emsige Menschenhände binnen kurzer Frist unqlaub- ..^d^^^ekeistet. Ein gewisses, altes Gepräge war freilich! überall geblieben, womit sich indes ein Behagen fördernder Prunk der Neuzeit nicht unangenehm verband und jene Vor-i nehmheit hervortreten ließ, die guter Geschmack und reiche Geldmittel schnell hervorzuzaubern vermögen.
„Clarita übersah dies alles mit prüfendem Blick; zn- nachst hatte sich dieser dem Diener zugewandt, der ihr den Wagenschlag öffnete, ihr alter Bekannter, den kürzlich! der verschleierte Besuch mit Gespensterfurcht erfüllte, war es nicht. Seine Stelle nahm ein gewandter Kammerdiener em, der Fräulein de la Para sofort in französischer Sprache benachrichtigte, daß die gnädige Barinitschi sie erwarte.; Demgemäß führte er sie zu einem eleganten Gemache, wo sie einen Moment zu verziehen gebeten ivurde-
Clarita benutzte den Moment, sich innerlich zu sammeln, um mit äußerer Ruhe derjenigen gegenüber zu treten, die ihrem Alexis die Heimat freudlos gemacht/ und vielleicht die einzige war, die genaue Auskunft über des armen Verschollenen Geschick geben komite, wenn sie nur wollte. '
Eiue Seitenthür öffnete sich, schwere Portieren fielen zuruck, und der dahinter sichtbar werdende Diener bat einzutreten in ein luxuriöses Boudoir, wo eilte schöne Frau in schwarzem Sammetgewand leicht hingegossen aus einer niedern Causeuse lehnte, und mit jemand sprach: der ber dem Geräusch der zurückgeschlagenen Portiere aufsprang.
Es war Herr v. Karin. Er verbeugte sich mit ritterlicher Höflichkeit vor der Eintretenden, die an ihm vorüber der Dame des Hauses entgegenschritt. Mit einer leicht an Herablassung streifenden Artigkeit begrüßte diese ihren Gast. Sie dankte Fräulein de la Para für ihr bereitwilliges Kommen, wobei sie sich einiger herkömmlicher Redensarten bediente, welche Nikolai Pawlowitsch Karin geschickt zu nutzen verstand, um, sich in das Gespräch eitimischend, Clarita zu fragen, wie ihr die Abendgesellschaft bei der Fürstin bekommen sei? — Ton und Haltung dabei waren so fein und gewählt, als betrachte er die junge Fremde völlig zu dem Gesellschaftskreis gehörig, in dem er ihr begegnet. Frau v. Ornatoff sah dies sehr gut. Vielleicht dieserhalb, vielleicht weil Clarita's ruhige Vornehmheit ihr Eindruck machte, lieh sie schnell den etwas nachlässigen Ton in ihrem Wesen ausklingen^ besonders da Nikolai Karin sich zu verabschieden wünschte. Sie bot ihm freundlich ihre sorgsam gepflegte, juwelengeschmückte Rechte, ihr strahlendes Auge lächelte ihm dabei zu: „Auf Wiedersehen, Nikolai Pawlowitsch, vergessen ©ie nicht, pünktlich zu fein!"
Er versprach fein bestes und zog sich zurück- Die Thure schloß sich hinter seiner hohen, stattlichen Gestalt


