Freitag den 24. Januar.
1902. — Nr. 13.
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ie Menschen denken über die Vorfälle des Lebens nicht so verschieden, als sie darüber sprechen. Lichtenberg.
(Nachdruck verboten.)
Verschollen.
Original-Erzählung von M. Ludolfs.
(Fortsetzung.)
„Daß dieser in wildem Jähzorn den eigenen Bruder erstochen", erzählte die Fürstin weiter, „dieser Verdacht erhob sich sofort und erhielt Bestätigung durch Alexis Jwano- witschs unmittelbar darauf erfolgte Flucht. Diese schien so belastend, daß die weltliche Gerechtigkeit ihn sofort verfolgte. Man sei seiner auch vor der Grenze habhaft geworden, wobei er, sich verzweifelnd wehrend, den Tod gefunden haben soll. So erzählten wenigstens die einen, andere dagegen meinen, er sei ins Ausland gekommen und noch ändere wollen wissen — doch schweigen wir davon, lassen wir die Toten tot sein. Alexis Ornatoff ist jedenfalls tot für Rußland.
Hier unseren Kreisen war er übrigens zu entfremdet, als daß sein Geschick lange das allgemeine Interesse zu fesseln vermocht Hätte, und zudem läßt die Rücksicht für Frau v. Ornatoff in dieser Gesellschaft jede Frage, jede weitere Behandlung des Themas verstummen, da offenbar eine höhere Hand — Wera Sergewna erfreut sich nämlich noch aus. Jnstitutszeiten her der besonderen Gönnerschaft einer unserer Großfürstinnen — ihr behilflich war, den Vorgang auf dem einsamen Steppengut derart in Dunkel zu lassen, daß wirklich kaum zu sagen bleibt, was Wahrheit, was Fabel an der Geschichte ist. Behaupteten doch einige geradezu — nur eines politischen Vergehens wegen habe Alexis Iwanowitsch Verbannung getroffen, wobei man aus Schonung für den Namen Ornatoff kurzen Prozeß gemacht —"
Frau v. Sarafin hielt hier jäh inne, erschrocken über die eigenen Worte. Soweit hatte sie sich nicht äußern wollen, war jedoch vom Schwünge ihrer Rede fortgerissen worden. Sie hatte darüber auch gar nicht bemerkt, wie Clarita neben ihr totenbleich geworden und nun mit geschlossenen Augen neben ihr saß. Wie aus weiter Ferne klangen nur noch der Sprecherin letzte Worte zu it)r; sie kämpfte mit einer Ohnmacht. Es war zu viel gewesen; zu schreckliches hatte die schnelle Zunge der eleganten Plauderin ihr mitgeteilt.
Alexis — ihr Alexis ein Mörder! eilt Brudermörder! und dies erzählte man gleich einer Dagesneuigkeit ihr — seiner Gattin.
Stumm, mit starrem Blick saß sie dabet und hörte zu,
immer zu, bis es in ihren Ohren klang und ihre Augen sich schlossen.
Nun erst, da die Fürstin sich rasch gegen sie wandte, be-, merkte sie den Eindruck, den ihre Erzählung gemacht.
„Um aller Heiligen von Kiew willen, was ist Ihnen, meine Liebe? Was haben Sie?" rief sie heftig aufspringend und entsetzten Blickes ihr Riechfläschchen hervorziehend. Der starke Duft des exotischen Parfüms belebte Claritas Nerven; ihre Willenskraft that das klebrige. Sie zwang sich, zu lächeln: „Es ist nichts, gnädige Fürstin — nur eine augenblickliche Schwäche, sie schwindet rasch — sie ist wohl noch eine Folge meiner Reise hierher, aus der ich mich etwas ermüdet."
„O, Himmel! Sie waren angegriffen, und ich habe Ihnen so viel vorgeplaudert, daß Ihnen der Kopf schmerzt!^ „Nein" — wehrte Clarita hastig, „nein gewiß nicht; ich danke Ihnen sehr für die interessanten Mitteilungen und speziell noch für Ihre gütige Fürsorge um mich. Ich bin Ihnen tief verpflichtet dafür —"
„Also — Sie willigen in der Gräfin Chilkow Anerbieten ein?"
„Verzeihung, gnädige Frau", unterbrach sie jedoch die Gefragte hier leise, „Sie sehen, meine Gesundheit ist nicht die kräftigste — ich fürchte, den Anforderungen, die solch ein geräuschvolles, rasch strömendes Leben an mich stellt, nicht' gewachsen zu sein. Eine etwas ruhigere Lebensweise würde mir, wenigstens für diese erste Wintersaison, mehr zusagen. Ich möchte daher den Wunsch der Fran v. Orna- toff in Erwägung ziehen."
Die Fürstin war verblüfft; das hatte sie nicht erwartet. Sie konnte nicht verstehen, wie man jene bescheidene Stellung der in dem fürstlichen Palais der Chilkows vorziehen konnte. Jedoch die lebhafte Frau, deren eigener Kopf voller Launen saß, verfiel wenigstens nicht in den Fehler, andern ähnliche Rechte abzusprechen. Echt leichtlebig hielt sie mehr an der Ansicht: Jeder nach seinein Geschmack, und demgemäß blieb sie ancb huldvoll gegen Clarita. Weiter plaudernd, meinte sie: Unter den Verhältnissen möge es ja ganz zweckmäßig sein, daß Clarita ein wenig über die Schatten in dem Ornatoff'schen Hause orientiert sei, und da sie sich vor denselben nicht fürchte, könne sie ja immerhin Frau v. Ornatoff den gewünschten Besuch machen. Die Wahl bleibe ihr doch noch; denn sie werde vorläufig der Gräfin noch keine Absage erteilen. „ _,, ,
„Freilich", meinte sie, laut denkend, zum Abschied — „hätte ich Sie Eudoxia Petrowna am liebsten gegönnt, da ich Sie, meiner treuen alten Verteuil wegen, nicht selber haben kann; gewinnt indes die Ornatoff Ihre Zusage, so habe ich mich Nikolai Pawlowitsch gefällig erwiesen, den es. immer der Mühe lohnt, sich zu Dank zu verpflichten. Wissen Sie — Herr v. Karin ist der Vormund des kleinen Feodor Iwanowitsch und Frau v. Ornatoffs treuer Freund! Das ist entschiedene Wahrheit. — Karin ist ein vollendeter Edelmann.


