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Wir waren Freunde gewordm. Eines Abends, als ich ihm meine Geschichte erzählt hatte, faßte er sich ein Herz Und begann von seinen Schicksalen zu berichten, während er von Zeit zu Zeit einen Schluck aus dem Glase heißen Thees nahm, welches ihm meine Frau soeben vorgesetzt hatte.
„Ich habe eine schwere, traurige Zeit dnrchgemacht — ich spreche nicht gern davon — aber Ihnen, meinem Freunde, möchte ich nicht wie ein Rätsel erscheinen. Ich will Ihnen von einer Episode meines Lebens erzählen, welche mich und meine Frau dem AbgruNd nahe brachte. —
Es war ein kalter, düsterer Tag. Ein dicker Nebel lastete über der Stadt und hüllte alles in graue Dämmerung. Ich stieg in trauriger Stimmung zu unserer Dachskammer empor. Else kam mir aus einem Winkel langsam entgegen.
„Wieder ein Tag dahin und wir sind um keinen Schritt weiter", sagte ich traurig, als ich das bleiche Gesicht küßte. „So kann es nicht weiter gehen. Es muß etwas geschehen."
Ich entzündete die kleine Lampe auf dem Tische. Das gelbe Licht flackerte auf, und ich sah, daß die Augen meines armen, klernen Weibes gerötet waren und ihre Wangen Thränenspuren zeigten.
Diese Erkenntnis war niederschmetternd für mich. Sie, die ein luxuriöses Leben aus Liebe zu mir geopfert hatte, einen Vater verlassen hatte, der sie vergötterte, Und der sie dennoch verstoßen und enterbt hatte, weil sie mir, dem armen Musiker, gefolgt war, sie kostete jetzt die Bitterkeit Äußerster Armut bis zur Hefe. Oh, welch eine qualvolle Pein!
Damals war ich noch als Künstler geschätzt; es hielt wenigstens nicht schwer, ein Engagement zu finden. Ich war Monate lang krank gewesen — hatte meine Stellung verloren — nun war ich vergessen. Und dieser schwere Schlag so kurze Zeit nach den berauschend schönen Flitterwochen !
„Tu mußt nicht den Mut verlieren", sagte sie mit einem schwachen Versuch, mich zu trösten, „es wird alles noch gut werden. Wenn ich zu meinem Vater ginge —"
„Nur das nicht! — Zu Deinem Vater darfst Tu nicht gehen! — — Ja, er würde Dich wohl wieder aufnehmen — wenn Du mich für immer aufgäbest."
„Tas werde ich niemals thun, Hans", erwiderte sie fest, als sie sich zu mir setzte und ihr zartes Köpfchen auf meine Schulter legte. Ich las die standhafte Treue in ihren klaren, blauen Augen.
Wie hübsch sie war! Die weiße, von einer Mlle brauner Locken beschattete Stirn, die zarten Konturen der Wangen, die zitternden Lippen!
Ich nahm die Zeitung zur Hand, um zum hundertsten Male nach, einer geeigneten Stellung zu suchen.
„Ach, hier ist etwas Passendes!" rief ich aus, als meine Augen die Spalten zum zweiten Male überflogen. „Achj, wenn ich wenigstens diesen Posten erhalten könnte! Gewünscht wird ein tüchtiger Klavierspieler für eine reisende Sängergefellschaft. Gehalt 100 Mk. monatlich. Meldungen sofort Ritterstraße 129 bei Wagener.
„Ich will gleich hingehen", sagte ich, die Zeitung auf den Tisch legend und meinen Hut nehmend. „Auf jeden Fall — meine letzte Chance."
„Deine letzte Chance? Wie meinst Tu das, Geliebter?" fragte Else.
„Wenn ich die Stellung nicht erhalte, so — so will ich lieber betteln gehen, als mitansehen, — wie krank und elend Tu wirst."
Ich küßte sie, und sie flüsterte mir leise Worte der Ermutigung und des Trostes in die Ohren. Dann ging ich
Ein feiner Sprühregen fiel, und als ich über die Janno- witz-Brücke ging, blies mir ein kalter Wind entgegen, der mich bis ins Mark erstarren machte. Ich eilte vorwärts und erreichte eine Wiertelstunde später Mein Ziel.
„Sie haben eine Vakanz angezeigt", sagte ich „Wenn es noch nicht zu spät ist —"
Der Mann, welcher nachlässig zurückgelehnt in seinem Lehnstuhl saß, nahm die Pfeife aus dem Mund und maß mich mit kritischen Blicken.
„Thut mir leid — Sie kommen zu spät — die Stelle ist besetzt! Vielleicht treffen Sie es ein andermal besser."
Ich schlich sfill hinaus und schloß die Thür, Ein Blei
gewicht schien aus meinem Herzen zu lasten, ein Nebel- schleier trübte meinen Blick. Ich bis; die Zähne in die Lippen, bis sie bluteten. „Tu bist der Mühlstein", sagte ich mir, „der fie in die Tiefe reißt. Ist sie frei, so kann sie zu ihrem Vater zurückkehren und vergessen lernen."
Ich erschauerte. Eben jetzt ging ich wieder über die Brücke und stand einen Augenblick still, um die feurigen Schlangen zu beobachten, welche die Gasflammen auf das schwarze, sfille Wasser da unten warfen. Alles war schon still ringsum, die Nacht war hereingebrochen, aber in meiner Brust stürmte und tobte es. Himmel, hilf mir! Tie Wer- H,ung war stark. Drüben stolperten zwei Betrunken^ che sich untergefaßt hatten, über die Straße; sie wankten einer Kneipe zu, vor welcher ein trübes, rotes Lämpchen flackerte. Eine arme, gebückte Frau, welche auf der andern Seite der Brücke entlang schlich beachtete mich nicht. Ich legte meine Hand auf das Geländer. — Plötzlich war mir, als ob der Boden unter meinen Füßen wankte — mich schüttelte der Frost — ich verlor den Halt und meine Stirn schlug laut auf die Granitfliesen der Brücke.
Als ich wieder erwachte, befand ich mich in einem freundlich ausgestatteten Zimmer. Ich war allein und lag in einem großen bequemen Bette mit blendend weißen Bezügen. An der Wand über demselben hingen zwei gekreuzte Rapiere, Fechthandschuhe und eine Fechtmaske. Die übrige Ausstattung des Zimmers bestand aus einem Spiegel- schrank, einem Tische drei Stühlen, einem Divan und einigen sehr feinen Kupferstichen.
Tie Thür zum Nachssarzimmer stand offen, doch konnte ich dasselbe von meinem Lager uns nicht vollkommen über», schauen. Ich sah nur das eine Fenster — davor einen großen mit Papieren besäten Diplomatenschreibtisch an welchem ein kräftig gebauter, jugendlicher Mann mit breitem Rücken und blondem Haar eifrig arbeitete. An der Wand, mir gegenüber, stand ein Glasspind, welches eine ganze Reihe merkwürdiger Apparate und Instrumente enthielt, deren Nickelteile im Sonnenlicht blinkten. Oben vom Schrank sahen einige Menschen- und Tierschädel auf mich herab, die dort regelrecht aufgereiht waren.
Ich richtete mich neugierig in meinem Bette auf, um einen größeren Teil des Nachbarzimmers überschauen zu können. Das Bett knarrte; der Herr, welcher mir bis dahin den Rücken zugewandt hatte, erhob sich sofort und kam an mein Lager. Er hatte ein volles, sympathisches Gesicht, das mir nur überaus ernst, säst möchte ich sagen kummervoll erschien.
Als er sich nach meinem Befinden erkundigte, fragte ich ihn ohne Umschweife, wie ich hierher gelangt. Er erzählte mir, eine Frau habe mich vorgestern abend auf der Brücke ohnmächtig zusammenbrechen sehen und ihn zur Hilfeherbeigerufen. Tann habe er mich unter dem Beistand einiger Passanten hierher nach seiner Wohnung getragen.
„Ich sehe, Sie meinen es gut mit mir", sagte ich!, „aber Sie hätten besser gethan, mich liegen zu lassen, denn ich bin so elend und unglücklich und aller Mittel entblößt, daß das Leben keinen Reiz mehr für mich besitzt. Ich war im Begriffe, mich in das Wasser zu stürzen, als meine Kräfte infolge der laugen Entbehrungen plötzlich zu schwinden begannen und ich bewußtlos auf das Pflaster fiel."
„Es ist richtig, daß Sie unter schweren Entbehrungen gelitten haben müssen. Sie leiden, wie ich bereits konstatieren konnte, an einer schweren Erkrankung des Gehirns, welche Nur durch einen operativen Eingriff beseitigt werden kann. . Tas ist wohl auch die Ursache, daß Sie Ihre Lage für so völlig hoffnungslos angesehen haben."
Ich war durch dieses neue Unglück ganz fassungslos. „Oh, wenn ich doch tot wäre •— dann wäre alles vorüber — dann wäre meine arme, unglückliche Frau gerettet."
„Sie sind verheiratet — hm — dann will ich, nicht in Sie dringen, das Anerbieten anzunehmen, welches ich Ihnen machen wollte."
„Ein Anerbieten — ?"
„Jawohl! Sie wollten Ihr Leben für nichts hinwerfen. Ich aber wollte Sie dem Leben zurückgewinnen und Ihnen außerdem eine Prämie von 8000 Mark, sagen wir 10 000 Mark zahlen, wenn Sie sich der Operation unterwerfen wollen, welche ich für notwedig halte,"


