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Mister Hitchock schrieb aber noch etwas, und mechanisch nahm er das Blatt wieder auf.
„Wenn Sie indessen meine Meinung hören wollen", so lauteten die nachfolgenden Zeilen, „so ist es die, daß Sie trotz dieses Bescheides auf die Zuneigung Ihrer Frau immerhin noch rechnen dürfen. Es ist meine feste Ueberzeugung, daß sie Ihnen diese trotz allem, was geschehen ist, bewahrt hat und daß sie sie nur im Gefühl der durch Sie erlittenen Kränkung zu unterdrücken sucht. Mein Rat wäre der, daß
Drei schreckliche Tage.
Bon Fritz Heine.
(Nachdruck verboten.)
Jin „Berein der Freunde" hatte ich ihn kennen gelernt, den bleichen, ernsten Mann mit der schwarzen Künstlermähne. Ich wußte nichts von seiner Vergangenheit, doch erzählte man sich, daß er ein gar bewegtes Lehen hinter sich habe.
Sie trotzdem kommen. Was Sie dann, hier angelangt, zunächst zu thun hätten, und wie Sie sich bn-' Frau Baronin nähern wollen, das müßte Ihnen allerdings ganz überlassen bleiben."
Frau Lütjens, die alte, rundliche Dame, bei welcher Herwarth wohnte, saß eben in ihrer Epheuecke am Fenster, strickte Strümpfe und sah' dabei voll stiller Zufriedenheit in den am Fensterrahmen hängenden Spiegel, der ihr die Vorübergehenden zeigte, ohne daß sie dabei selbst gesehen wurde, als es plötzlich an der Thür klopfte und zu ihrem Erstaunen ihr Zimmerherr hereintrat.
„Frau Lütjens", sagte er, „morgen oder übermorgen werde ich verreisen. Es wird einige Wochen dauern. Schreiben Sie mir «also bitte meine Rechnung auf."
Wenn ihre anderen Zimmerherren verreisten, so sagten sie Frau Lütjens wenigstens: warum, wieso, wohin. Ihr jetziger Zimmerh'err hielt dies nicht für notwendig. Dazu war er zu vornehm. Er war eben Baron und außerdem noch bei der preußischen Regierung — denn Frau Lütjens war eine alte Dänenfreundin und deshalb unterschied sie zwischen zwei Regierungen, einer dänischen und einer preußischen.
Noch im Lause desselben Nachmittags begab sich Herwarth zu seinem obersten Vorgesetzten, um sich einen sofortigen ‘ Urlaub zu erbitten, „in dringenden Familienangelegenheiten", der ihm von dem ihm wohlgesinnten Manne auch gewährt wurde, und am nächsten Morgen, nachdem er, einem dunklen Gefühl in sich nachgebend, alle seine Habseligkeiten in Kisten und Körben geordnet und sie seiner Wirtin zur Aufbewahrung übergeben hatte, reiste er ab — zuerst nach Hamburg.
Er wollte diese Stadt nicht verlassen, ohne Carla gesehen und ihr Lebewohl gesagt zu haben. Es war ihm wie einem Menschzen zu Mute, der sein Testament zu machen hatte.
(Fortsetzung folgt.)
Aber unablässig und ohne Ende drückte die Last auf ihn weiter, bis er sich darüber klar war, daß er so das Leben nicht länger ertragen konnte. Es war ihm, als müßte sie das Mal auf seiner Stirn auslöschen, als müßte sie zu ^ihm sprechen: „Ich verzeihe Dir!" und als müßte er dieses Wort, um daran glauben zu können, von ihren eigenen Lippen hören. Und deshalb, nur um dieses Wort von ihr zu Hörem eine Reise über den Ozean? Es war Wahnsrnn, mußten alle klugen Leute sagen. Vielleicht war er auch schon wahnsinnig, wenn Wahnsinn heißt, nur den einen einzigen Gedanken zu haben, gegen den alles andere nicht in Betracht kommt, für den man alles andere hin- giebt. Er ertrug diesen Zustand nicht mehr. Er mußte" zu einem Entschluß gelangen.
Er hatte mit Mister Hitchock, obwohl die ganze Angelegenheit auch von seiner Seite in den Händen eines! Anwalts lag, schon mehrfach, korrespondiert und die Briefe
„Sag', daß ich diese Menschen wieder fortschicken soll", sprach er. „Sag', daß sie nremals wiederkommen sollen. Nur mich laß um Dich sein."
Sie kümmerte sich nicht mehr um ihn. Sie schritt auf die Thür zu und er folgte ihr. :--
Seit Herwarth nach dem Abenteuer seiner Heirat den diplomatischen Dienst mit dem der Regierung vertauscht hatte uud aus seinem komfortablen Berliner Junggesellenheim nach Flensburg in ein bescheidenes Chambre garni übergesiedelt war, wie es sich für einen mittellosen Assessor, der nur von seiner knappen Gage lebte, eben gehörte, führte er n>rr noch ein Leben stillster Zurückgezogenheit. Da aber die Geschichte seiner Heirat auch in seinem neuen Wirkungskreise kein Geheimnis geblieben war, so wurde er in dieser Beziehung von seinen Vorgesetzten verstanden und man ließ ihn in seinem Wesen, das ihn zur Einsamkeit zog, rücksichtsvoll gewähren. Hatte er keinen Dienst, so machte er bei dem prachtvollen Herbstwetter, das gekommen war, stille Spaziergänge für sich, am liebsten hinauf nach dem alten Friedhof, wo von Anno Vierundsechzig her die gefallenen preußischen und dänischen Soldaten begraben lagen und wo man eine herrliche Aussicht über die Stadt und die blaue von Schiffen aller Art belebte Föhrde hatte bis hinüber nach den fernen grünen Wäldern von Broacker und Alfen. Oder er fuhr mit dem Dampfer nach Glücksburg hinüber und ließ auf verborgnen Waldwegen, die fich um das alte, schmucklose, mitten in einem Weiher stehende Schloß wandten, die alten Buchen und Eichen über sich rauschen. Nur wenige Monate erst lag das Geschehene hinter ihni und doch war er in dieser Zeit ein völlig anderer geworden. Er kannte sich manchmal selbst nicht wieder und wenn er über sich nachdachte, so fielen ihm alte Märchen ein mit zauberhaft verwandelten Menschen, und er glaubte, nicht mehr er selbst zu sein. Eine große Stellung in der Welt, Auszeichnungen, Orden — das war einst das Ziel seines Strebens gewesen. Nun war es von ihm abgefallen, wie die gelben Blätter, die auf dem Waldboden schon hie und da vor ihm hinraschelten. Jetzt, heute wußte er, was sein Glück gewesen war. Nicht Glanz und Rang, sondern sie, die er verloren, war sein Glück gewesen. Er hätte sie nicht verdient, darum war es auch gerecht, daß er sie verloren. Er hatte sich mit seinem Schicksal abgefundeu. Er wünschte sich ja nichts mehr. Nur eine einzige drückende Last lag noch auf seiner Seele, die Marter und die Qual, unter der er sich nicht mehr erheben konnte — das war die Verachtung, die sie ihm ins Gesicht geworfen hatte. Es war das Mal, das ihm auf die Stirn gebrannt war, wenn es auch niemand sonst kannte, als er selbst.
Er hatte es im Voraus gewußt — und doch sank das Blatt aus seiner Hand und glitt auf den Teppich.
Mister Hitchock schrieb aber noch etwas, und
bei Dir. 9hm hast Du niemand mehr. Laß mich bei Dir!" Sie bat ihn, er möchte ihr ganzes Geld nehmen und er konnte ihr nicht begreiflich machen, warum das nicht anging. So setzte sie es wenigstens bei ihm durchs daß sie in eine andere Pension kam — nach Hamburg, wo sie wenigstens in seiner Nähe war.
dieses Mannes halten ihm em bestimmtes Vertrauen ein- geflöst, Wenn er Mister Hitchock also um seine Vermittlung anging? So setzte er sich eines Tages hin und schrieb an ihn." Zwei Wochen vergingen, und mit jedem Tage konnte nun die Antwort Mister Hitchocks da sein. Wenn er vom Dienst kam und zu Hause in seine Stube trat, so konnte Mister Hitchocks Antwort aus dem Tisch! liegen, ein Brief mit einer amerikanischen Marke, und dieser Bries enthielt sein Urteil — vielleicht sein Todesurteil. Und trotz seines Bangens und Harrens- atmete er jedesmal, wenn er den Tisch leer fand, auf.
Es war an einem prachtvollen Septembermorgen und eben trat er auf die Straße hinaus, als der Briefträger auf ihn zukam. Herwarth wußte sogleich, was er ihm brachte.
Er öffnete den Brief erst, als er vom Dienst zurückkam. Vorher schloß er in seiner Stube hinter sich die Thür ab. Er las die erste Zeile in einer Ermattung, die seinen ganzen Körper ergriff; er mußte sich auf einen Stuhl niederlassen.
Mister Hitchock schrieb, daß er sich seines Auftrages entledigt, daß aber die Frau Baronin das gewünschte persönliche Zusammentreffen mit allem Nachdruck abgelehnt habe.
Er dachte kaum noch an etwas anderes. Er dachte Nicht an Ottilie und was aus ihr geworden war, und selbst Carla kam ihm selten in den Sinn, und doch wußte er erst seit seinem Hochzeitstage, mit welcher Liebe sie an ihm hing. Erst hatte sie das Geschehene nicht fassen können, dann, ohne daß sie jemand halten konnte, stürzte sie davon — zu Bell. Aber Bell war nicht mehr da — und da»-» hing sie an seinem Halse, ihre Arme um ihn schlingend | „Herwarth", bat sie und er fühlte ihre Thränen, „laß mich
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