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„Ach, der arme, alte Graumann!" sagte Hulde. „Du mußt uatürlich bin. Es ist; doch sehr nett von Herrn Lehmigke, ihm den letzten Wunsch zu erfüllen."'
Traute schwieg immer noch.
„Und weißt Du, ich halte es sogar für besser, Du besprichst Deine Angelegenheit mündlich mit Herrn Leh- niigke. Brieflich ist so etwas viel schwerer, da könnte er es leicht übel deuten. Mündlich kannst Du Dich gewiß freundschaftlich mit ihm auseinandersetzen, er hat ja noch immer ein großes Wohlwollen für Dich."
„Ja", sagte Traute tonlos, „es ist vielleicht besser."
Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, sie fühlte eine ungeheure Erleichterung, daß sie den unseligen Bries nicht zu schreiben brauchte, daß das Schicksal ihr Gelegenheit gab, ohne Schuld von ihrer Seite, Paul Lehmigke noch einmal zu sehen, ehe sie Kienberg verließ. Es wäre solch ein Trost, in Freundschaft von ihm zu scheiden!
Frau Velten sah Trautens Reise nach Brantikow nicht gern. Sie hatte sich so gefreut über die, wie sie glaubte, wiederhergestellten Beziehungen Stauffens zu ihrer Tochter, aber sie fürchtete Lehmigkes persönlichen Einfluß auf Traute, dem sie schon früher den Bruch mit Camill zuschrieb. Sie hatte zwar keine Ahnung von dem wahren Sachverhalt, aber Traute zeigte ja bereits seit einigen Jahren ihr unverständliche und unsympathische Anschauungen, und Lehmigke bestärkte sie nicht nur darin, sondern er hatte sie ganz gewiß gegen Camill aufgehetzt, nur weil dieser ein Aristokrat war.
Aber auch sie konnte keine ernstlichen Einwendungen gegen den letzten Wunsch eines Sterbenden, eines ihrer treuesten, früheren Diener, machen, und so reiste Traute in der Frühe des nächsten Morgens ab.
Am späten Nachmittag traf sie in Brantikow ein. Lehmigkes Wagen hatte sie an der Bahn abgeholt, und Alma empfing sie im Hause mit dem Bemerken, daß ihr Mann in unaufschiebbaren Geschäften abwesend sei, sie jedoch noch am Abend zu begrüßen hoffe. Traute zitterte jetzt so vor dem Wiedersehen, daß der Aufschub ihr eine Erleichterung war.
Mma zeigte eine fast, übertriebene Freundlichkeit, bei der Traute seltsam unbehaglich zu Mute wurde, und nach einer kurzen Rast und Erfrischung brachte sie den Rest des Tages am Krankenbett des alten Graumann zu, den das Wiedersehen neu zu beleben schien.
In später Abendstunde kam Natta, fie zu holen. Onkel Paul habe sie geschickt. Fräulein Velten solle sich nicht überanstrengen, sie solle jetzt kommen und sich erholen.
Traute ging mit Natta durch den Park zurück. Diese hatte bei der ersten Begrüßung einen langen, prüfenden Blick auf Traute" geheftet, dann wär sie ihr zutraulich, säst zärtlich begegnet.
Auch Traute fühlte sich zu dem schönen Kind mit dem weichen, schmiegsamen Wesen lebhaft hingezogen. Sie war stark beklommen in den Familienkreis des Brantikower Hauses getreten, und der erste Eindruck hatte diese Befangenheit nicht von ihr genommen. Nur Nattas sympathische Erscheinung iöirtte erleichternd auf sie.
Und herzlich erwiderte sie Nattas Vertrauen, als diese jetzt auf dem Heimweg den Arm in den ihren schob, und ihr schüchtern sagte, wie sie sich ihrer Ankunft freue.
In der Kastanienallee kam ihnen Paul Lehmigke entgegen. Er schüttelte Traute herzlich die Hand; während Natta voraus nach dem Hause lief, folgten beide langsam.
„Sie scheinen sehr angegriffen und erregt", sagte aül mit warmer Teilnahme, indem er forschend in Trautens erblaßtes Gesicht sah, und einen Augenblick ihre kalte Hand festhielt. „Armes Kind, Sie dürfen sich nicht krank machen;"es geht Ihnen gewiß recht sehr zu Herzen. Der alte Mann ist in den Jahren, wo ein sanfter Tod zur Erlösung wird.
Traute stammelte einige Worte des Dankes für Lehmigkes Einladung und Aufforderung zu kommen.
„O", sagte er mit einem Lächeln, „Sie brauchen mir nicht zu danken, es ist mir ja eine Freude, Sie einmal ein paar Tage hier zu haben."
Traute blieb stumm. O Gott, wie schwer wird er es ihr machen, ihm zu sagen, was sie sagen muß!
(Fortsetzung folgt.)
Die Entzündung des Blinddarms.
Eine Erklärung und ein Mahn wort.
In den letzten Jahren hat eine gewisse Darmentzündung für die weitesten Kreise ein großes Interesse dadurch ge- Wonnen, daß infolge dieser Erkrankung nicht wenig erschüt- ternde Todesfälle oder 'doch Fälle von langwierigem Krankenlager sich ereigneten. Es erscheint deshalb geboten, einige erklärende Worte zU geben über das Wesen dieser Er? krankung und darzulegen, wie man sie frühzeitig erkennen kann, sowie welche vorbeugende Maßregeln bei derselben von Wert sein dürften.
Diese Entzündung, vielfach als Blinddarmentzündung bezeichnet, spielt sich, genau gesagt, nicht am Blinddarm selbst, sondern an dem Anhang desselben ab, einem Gebilde, das wegen seiner Gestalt den Namen des Wurmfortsatzes erhalten hat. Es ist dieser ein sogen, rudimentäres Organ, das in den Jugendjahren am ausgesprochensten entwickelt ist, um in den mittleren Lebensjahren allmählich zu verkümmern und zu veröden. Ms Tarmanhang zeigt es in seiner Wandung denselben Bau wie der Darm, also eine Schleimhaut und eine Muskulatur. Der Wurmfortsatz ist für gewöhnlich vollständig vom Bauchfell überzogen, sodaß er innerhalb der freien Bauchhöhle liegt, ©eine gewöhnliche Länge ist 8—10 Ctm., seine Dicke entspricht derjenigen eines dünnen Bleistifts. Die Schleimhaut enthält viele Lymphgefäße und Drüsen, wodurch dieses kleine, anscheinend harmlose Organ so leicht der Sitz von Entzündungen wird. Jede entzündliche Reizung des Blinddarms, der der Innenfläche der rechten Beckenschaufel aufliegt, geht somit gern auf den Wurmfortsatz über. Wenn dann derselbe entzündlich zuschwillt und in ihm eine stärkere Absonderung statt- findet, so staut sich der entzündliche Inhalt in seinem Innern und ruft zunächst nur leichte Schmerzen hervor, die sich der Lage des WuMfortsatzes entsprechend in der Tiefe des Leibes über dem rechten Leistenband bemerkbar machen. Es muß aber bemerkt werden, daß der Wurmfortsatz auch nach oben geschlagen sein kann oder daß er nach links hinüberreicht, dann werden eben die Schmerzen in der Lebergegend oder in der linken Bauchhälfte empfunden werden. Solange die Entzündung sich nur in der Schleimhaut des Wurmfortsatzes abspielt, ist keine unmittelbare Gefahr vorhanden, greift sie aber auf die Muskelschichit und den Bauchfellüberzug über, so können diese geschwürig zerstört werden, Und nun tritt der entzündungserregende Inhalt des Wurmfortsatzes in die Bauchhöhle aus', um hier eine neue Entzündung zu bedingen. Geht dieser Durchbruch langsam vor sich, so pflegen meistens die benachbarten Darm- schlingen miteinander zu verkleben Und bilden so einem schützenden Wall. Es erfolgt dann der Durchbruch nicht in die freie Bauchhöhle, sondern in einen kleinen abgeschlossenen Bezirt -derselben. Geht aber der Durchbruch sehr rasch vor sich, ehe der schützende Wall zustande kam, so ergießt sich der Tarminhalt in die freie Bauchhöhle und ruft hier sehtz rasch eine allgemeine Bauchfellentzündung hervor. In den aller seltensten Fällen tritt die Erkrankung ohne jeden .Vorboten auf. Wenn man näher nachforscht, bekommt man von den Kranken immer zu hören, daß sie schon längere Zeit ab und zu an leichten Schmerzen in der Blinddarmgegend gelitten haben, aber diese zunächst weiter uichI beachteten, bis dann scheinbar, tote ein Blitz ans heiterem! Himmel, unter heftigen Schmerzen die schwere Erkrankung in die Erscheinung trat.
Wie kommt es nun, daß man in den letzten Jahren so viel von der Blinddarrnentzzündung hört? Es ist nicht bloß von Laien, sondern auch von Äerzten die Ansicht geäußert worden, unser modernes Emaillegeschirr trage daran dis Schuld: feine Emaillesplitter sollen sich hier festfetzen und die Tarmwand entzündlich reizen. Es ist aber nicht em- zusehen, warum diese Splitterchen sich gerade am Wurmfortsatz festsetzen sollen, auch sind dieselben bei den zahlreichen Operationen, die man heutzutage allerortens bei dieser Erkrankung macht, noch nie gefunden worden. Stiel näher liegt es, Unsere gegenüber von früher veränderte Lebensweise ins Feld $u führen. Wir alle pflegen «W mehr mit der Behaglichkeit wie unsere Eltern zu Tifche zu sitzen; hastiges Essen, mangelhaftes Kauen und die Nichtachtung -auf eine regelmäßige Entleerung des Darmes tragen sicher die Hauptschuld. Auch braucht man nur darauf hinzuweifen, daß das klassische Land der Wurmfortsatzenk-


