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und leinen rechten Maßstav für meine Verhältnisse hast. Wenn Du ihn hättest, wurdest Du begreifen, wie sehr ich an Dich attachiert bin, und würdest mir wahrscheinlich nicht so mir nichts, dir nichts den Stuhl vor die Thur setzen."

Traute blickte müde vor sich hin.Du hast recht. Ich habe keinen Maßstab für Dich Es ist möglich, daß ich Dir unrecht thue, aber ich brauche eben eine andere Liebe. Die Verschiedenheit unserer Verhältnisse trennt uns. Und nun komm."

Sie ging voran, ohne sich umzusehen, er folgte ihr verstimmt und mißvergnügt.

Er gehörte zu den Männern, die Widerstand von feiten der Frau reizt. Seitdem Traute ihm den Abschied gegeben, war sie ihm doppelt begehrenswert geworden. Die Furcht, sie könne Lehmigke zum Opfer fallen, die er aufrichtig hegte, hatte ihn entsetzlich aufgeregt, und gereizt, und spornte ihn an, jedes Opfer zu bringen, um diesen Nebenbuhler aus dem Felde zu schlagen, denn es schien eine Schmach, gerade diesem zu unterliegen.

Camill war zu leichtsinnig, um bei seiner Handlungs­weise alle Konsequenzen bis in die Zukunft zu ziehen. Er hatte nur den einen Wunsch, die Beziehungen zu Traute wieder anzuknüpfen, und er hatte die Entschuldigung für sich, es sei ein gutes Werk, sie aus der Falle zu be­freien, die Lehmigke ihr gelegt.

Ob Traute durch die Beziehungen zu ihm gewinnen würde, machte er sich nicht klar. Wie alle Egoisten hielt er seinen eigenen Vorteil immer für den berechtigten Ans- uahmesall. In Wirklichkeit hatte er nun weder eine Ver­wandte, noch eine Stellung für Trautens Unterkunft, aber er sagte sich, im schlimmsten Fall müsse sich irgendwo eine alte Dame finden, die Tranten ausnähme, wenn -es sein müsse, sogar gegen heimliche Entrichtung einer Pension von seiner Seite.

Und er besaß eine zu große Dosis Selbstvertrauen, um Trautens jetzige Zurückhaltung ganz ernsthaft zu nehmen. Wie würde sie ihm widerstehen können, wenn er sie zurückerobern wollte?"

Er hatte freilich keine Ahnung, was ihm jetzt von Trautens Seite zur Erfüllung feiner Wünsche zu Hilfe kam, er war froh über den leichten Sieg, er hatte es sich etwas schwerer vorgestellt, Trante zum Aufgeben ihres jetzigen Berufes zu bewegen, da sie ihn mit so viel Freudigkeit erfaßt hatte. Und dieser Umstand tröstete ihn Über ihre momentane Kühle, die er für sich eine Weiber­laune nannte.

Fran Velten begegnete ihm mit alter Herzlichkeit. Sie war hocherfreut über sein Kommen und hegte nun die Hoffnung, daß noch alles gut werden würde. Trautens Entschluß, mit Camill Stauffen zu brechen, hatte sie weder begriffen noch gebilligt, er hatte ihr schlaflose Nächte und Kümmer genug bereitet. Und als Camill ihr nun klar machte, daß er Traute unmöglich auf diesem Schreiber­posten lassen könnte, und daß er ihr einstandesgemäßes" Unterkommen bei einer Verwandten verschaffen wolle, war sie ganz seiner Meinung.

Sie haben ganz recht, lieber Stanffen, es war von vornherein gegen mein Gefühl. Herr Lehmigke meint es gewiß gut, und wir sind ihm ja auch! dankbar, aber man kann das richtige Taktgefühl niemals von ihm er­warten. Es ist nicht seine Schuld, das liegt an der Er­ziehung, er ist ja in ferner Art recht vortrefflich, aber er gehört in eine andere Gefellschaftssphäre als wir, und wir werden nie zusammen passen. Gr hat ja keine Ahnung, was sich gehört."

Traute hörte dies mit bitterem Lächeln, und Camill dachte für sich:Man kann wirklich nicht einfältiger sein als die alte Gans."

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Als Camill fort war, kamen schwere, bitterschwere Stunden für Traute. Sie faßte bett Entschluß, an Paul Lehmigke zu schreiben, ihm zu sagen, daß sich ihr die glänzende Chance einer vortrefflichen Stellung draußen tn der großen Welt böte, und daß sie diese ihrer jetzigen, Thätigkett vorzöge. Sie wollte ihn bitten, sie frei zu geben, und ihn mit warmen Worten ersuchen, ihrer Mutter und Schwester fein Wohlwollen zu bewahren. '

Wer zur Abfassung dieses Briefes gehörte ein harter Seelenkampf. Die Lügen wollten nicht über ihre Feder, und nachdem sie, am Tage nach! Camills Besuch, stunden­

lang den Versuch gemacht, und einen Bogen Papier nach dem anderen zerrissen hatte, warf sie Feder und Papier fort, und lief voll Verzweiflung in den Garten.

Es war am Abend nach Schluß der Kontorstunden/ und die alte Wassermühle stand im Feuerschein der sinken­den Sonne. Traute hatte das Bedürfnis, sich zu verstecken, sie ging in die Mühle, die jetzt, seit ein Gärtner inj Kienberg war, oft in Gang war, um den Springbrunnen zu treiben.

Dort fetzte sie sich auf den hölzernen Sieg über dem Rad, sie legte die verschlungenen Arme auf einen Balken und den Kopf daraus, um mit verschlossenen Augen dem Rauschen und Klappern der Mühle zu lausen. Es klang wie ein Wiegenlied, wie im Traum, so langsam und müde drehte sich das alte Rad, so traumhaft ver­schlafen murmelte und gurgelte das Wasser ach, wer dabei einschlafen könnte, sich hinüb erträumen in die Ewig­keit, wo kein Leid mehr ist, und kein Irrtum, keine Schuld und kein Schmerz!

Wie öde, wie freudlos ist der lange, mühevolle Lebensweg, der noch vor ihr liegt. Der lange Weg ohne ihn, ohne seine Kameradschaft, ohne Arbeit mit ihm und für ihn, ohne ein ermutigendes Wort, eine Anerkennung von ihm für Mühsal und Streben, ohne jene fröhlichen Feierstunden, wie ihr letztes Beisammensein sie hatte, so voll tiefinneter Befriedigung und freudigem Gluck! Wi.e furchtbar, wie vernichtend rächt sich der Irrtum, die Thor- Ijeit ihrer Jugend.

Zu spät, zu spät sind ihr die Augen aufgegangen, und das leichtsinnig verscherzte Glück ist für immer ver­loren ! Ein Lied geht ihr durch den Sinn, es ist als rauschte das Mühlenrad die Melodie dazu:

Was sonst in Ehren stünde, Jetzt ist es worden Sünde Was fang ich an?"

Ach ja, die Sünde, die Todsünde treibt sie fort von hier, wo sie glaubte, eine liebe Heimat gefunden zu haben, und macht sie heimatlos. Die Sünde ist in ihrem Herzen und trotz Scham und Verzweiflung kann sie sie nicht überwinden. Camills rücksichtslose Worte haben sie aus dem Schlafwandel aufgeschreckt, und ihren entsetzten Blicken den Abgrund enthüllt, auf den sie zuschritt. Wie eine ertappte Verbrecherin kam sie sich vor.

Wenn sie jetzt daran dachte, wie sie die Tage und Stunden gezählt bis zu Paul Lehmigkes Wiederkehr, dann schauderte sie vor der eigenen Verworfenheit.

So weit war es mit ihr gekommen? So weit hätten sie Not und Armut, die ehrverletzenden Demütigungen der letzten Jahre gebracht, daß sie keinen Sinn mehr für Recht und Unrecht, für Pflichtgefühl und Mädchenstolz gehabt hatte?

O Gott, und die Erkenntnis ihrer Schuld gab ihr nicht einmal mehr Kraft, die ehrlose Sünde auszutilgen aus ihrem Herzen. Im Gegenteil ' jetzt erst schien die Flamme entfacht zur hellen Lohe werden zu wollen jetzt erst fühlte sie die brennende Qual ihrer schmäh­lichen Liebe!

Wo sollte sie die Kraft hemehmen, jenen Brief zu schreiben, der sie in seinen Augen herabsetzen würde, denn für wie schwach und wankelmütig, charakterlos und unzuverlässig, für wie undankbar wird er sie halten, daß sie so schnell der übernommenen Pflichten über­drüssig ist!

Nein, nein, sie kann den entsetzlichen Brief nicht schreiben! Und doch es muß fein sie kann und! darf nicht bleiben! Ach, daß doch die alte Mühle zu­sammenstürzen, und sie unter ihren Trümmern begraben möchte!

Traute, Traute!" rief plötzlich Huldens Stimme durch beit Garten.

Sie fuhr auf, wie geblendet starrte sie in das funkelnde Wasser, das die schrägen Strahlen der Abendsonne wie Blut färbten.

Wo bist Du, Traute? Eine Depesche für Dich eine Depesche aus Brantikow!"

Mit einem Sprung war Traute draußen bei der Schwester und im nächsten Augenblick überflog fie das Telegramm. Es enthielt Lehmigkes Rus an das Sterbe­lager des alten Graumann. Trautens Hande zitterten vor Aufregung, sie stand einen Augenblick wie betäubt.