Nr. 108.
1902
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„Allerdings — das unterliegt keinem Zweifel. Wer er kann sich selbst nicht so verraten, daß er sie sofort an die Luft setzt. Du mußt natürlich einen triftigen Grund für Deinen Abgang ersinnen. Es ist Dir irgendwo eme Stellung mit
Stellung mit glänzenden Aussichten angeboten. Oder Dein Gesundheitszustand zwingt Dich!, Deine Thatrgkert hier aufzugeben, und eine Erholungszeit bei Verwandten 4 1t fllffiptt
„Ich muß es überlegen", erwiderte Traute tonlos.
„Wir Müssen zu einem Resultat kommen, ehe ich
fortgehe."
„Wann gehst Du?"
„Ich kann wohl nicht die Nacht hier bleiben?^
„Nein, nein, das geht nicht. Nicht in seinem Hause,
als sein Gast." _
„Dann ist es am besten, ich benutze den Wagen,
" mich hergebracht hat, gleich wieder zurück."
/Hast Du Mama und Hulde gesehen?"
„Ja/sie waren nicht sehr überrascht; Deine Mutter schien erfreut ’ und! sagte, sie habe bestimmt erwartet/ daß ich kommen iviirde.<-<
(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marte Stahl.
(Fortsetzung.)
Traute strich sich mit der Hand langsam über die Stirn. Ja, sie mußte wissen, was sie zu thun hatte. Mer — barmherziger Gott! warum war.ihr denn zu Mut, als sollte sie ein Stück von ihrem Leben lassen? Sie glaubte ja nicht an Camills Verdächtigungen, sie glaubte kein einziges Wort davon! Nem, er — ihr Wohlthäter — war frei von jedem Borwurf — aber sre, sre selbst war die Schuldige! Und war er wirklich! ganz frer? Ja, frei wie sie selbst von jeder Wsicht, von jeber bewußten Schlechtigkeit — aber war er noch, frer von der ^Scrfii(f)UTtn ?
' Blitzartig flogen diese Gedanken ihr durch den Sinn, mit grellem Smn das Dunkelzerreißend, das ihr bisher Ifien eignen Seelenznstnnd de^hüllt Antte. llttb eine angst packte sie an der Kehle.
,Was thun, um Gottes willen, was thun?" sagte sre heiser, indem sie krampfhaft die Blätter einer Weidengerte abriß „wir sind heiinatlos, obdachlos, existenzlos, sobald ivir hier fortgehen." _ ,
„Wir?" fragte Camill mit scharfer Betonung. „Derne Mutter und Schwester können ja ruhig hier bleiben. Ihnen wird das edle Paulchen wohl nichts anhaben. Und was Dich betrifft, so braucht Dir nicht bange zu sein. Ich will schon dafür sorgen, daß Du ein standesgemäßes Unterkommen und eine angenehme Beschäftigung findest.
„Aber, wenn ich gehe — wird er sie hrer be-
,M wird leicht sein, Mama klar zu machen, daß Du mein Hierbleiben nicht wünschest, obgleich sre den wahren Grund nie ahnen wird. Sie denkt immer nur! an das nicht Standesgemäße, die arme Mama." , i
„Um so besser. Ich. werde sofort Schrrtte thun, em anderes Unterkommen für Dich, zu finden. Ich habe bereits einen Plan. Ich weiß eine Dame, eine entfernte Verwandte von mir, die an Stelle ihrer kürzlich ver^ heirateten Tochter eine junge Dame als Gesellschasterrni wünscht, die sie wie eine Tochter behandeln würde. Wann denkst Du hier fortzukommen? Bist Du kontraktlrch ge- bunbett ?ZZ‘
„Von heute auf morgen kann ich nicht fort. Ich muß mich gütlich mit Herrn Lehmigke auseinandersetzen, wenn ich die guten Beziehungen zwischen ihm und memer Familie aufrecht erhalten will, und ich. muß ihm Zeit lassen, einen Ersatz, zu finden."
„Gut, wir werden dann über das wertere korrespondieren. Wer Du giebst mir Dein Wort, daß Du Dich! unter keinen Umständen bewegen läßt, hier zu bleiben."
Traute blickte betroffen auf. Welch ein Recht hatte er, solch, ein Versprechen von ihr zu fordern? Er war ja ganz Nebensache, ganz glerchgiltig in diesem Fall. Ausgenommen, daß er ihr helfen sollte, em anderes! Unterkommen zu finden. „
„Bedenke, Camill", sagte sie mrt großem Nachdruck, „wenn Du etwas für mich, thust, mußt Du es selbstlos thun. Ich kann Dir keine Rechte dafür einräumen."
„Selbstverständlich Darüber beunruhige Dich nur nicht."
„Wollen wir jetzt nach Hause gehen?"
„Wie Du willst. — W ist hübsch hier", fügte er zögernd hinzu, indem er sich umsah, „es erinnert mrch fast an das wilde Rosenthal, an das Amelungenwehr — an die schönen Tage in Leipzig. Denkst Du noch manchmal daran?" ,
„O — ja — aber — nein, es ermnert mich! nicht daran, es ist so ganz aüders hier, alles ist anders." ,
„Willst Du nicht mehr daran erinnert fern, $TOlltC ?/y
Er faßte nach ihrer Hand und wollte Ur in diej Augen sehen. Sie wandte sich ab.
„Nein. Es giebt nur ein Entweder — Oder.^
Sein Gesicht verfinsterte sich. „Ich hätte nie gedacht, daß Du so wankelmütig bist."
Ein anklagender Blrck traf ihn. Sie zuckte die Achseln, „Zu einer großen, echten, alles überwindenden Liebe gehören zwei."- , ,, n .
„So? Habe ich es etwa an mir fehlen lassen? Habe ich. Dir nicht fortgesetzt die untrüglichsten Beweise ernep solchen Neigung gegeben? Könnte ich nicht längst mrt Lori Trach.enberg verheiratet, und in den glänzendsten Ver-i hältntssen fein? Aber das rechnest Du alles für nichts^ weil ®u unvernünftig bist, weil Du, die Welt nicht temtfe


