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„Guten Dag, Pauk. Gut, baß Du Ä bist. Du sollst heute mit mir ins Rosenthal fahren. Wir wollen im Neuen Schützenhause Kaffee trinken, Papa und Mama kommen nach. Heute ist das Wetter so schön, und ich will auch ein Vergnügen von meiner Brautzeit haben, nicht nur immer Visitenhetzen und Einkäufe machen. Ich Habs satt."
„Aber dazu bin ich doch nicht von Brantikow herübergekommen, um im Rosenthal spazieren zu fahren! Dazu habe ich wahrhaftig keine Zeit!"
„So — dazu hast Du keine Zeit?" Alma ließ sich in einen Sessel fallen, und kreuzte herausfordernd die Arme.
„Sei doch vernünftig, Mma, Du weißt, wie die Geschäfte drängen!"
„O, wir haben hernach noch viel Zeit vernünftig zu sein", ries sie mit einem übermütigen Lachen, und plötzlich sprang sie auf, legte ihre beiden Hände in den langen, dänischen Handschuhen auf Pauls Schultern, und den Oberkörper ein wenig zurückbiegend, sah sie ihn lachend an. „Kannst Du mir etwas ab schlag en?"
Tas Lachen machte sie seltsam verführerisch, und zum zweiten Mal wehte es Paul wie herausfordernde, glühende Leidenschaft an. Ter alte Widerwille und die alte Geringschätzung bäunlten sich auf gegen ein jäh erwachendes Begehren. Er hätte sie gern geohrfeigt, wie er oft als Knabe gethan, um dre Schwäche zu überwinden, aber er riß sie in seine Arme und küßte sie auf die zuckenden, roten Lippen.
Es war wie ein wilder Rausch sie waren beide allein, Frau Janisch hatte bei Almas Eintritt das Feld geräumt, und hie Hyacinthe» dufteten betäubend.
Als Alma sich plötzlich mit einem leisen Schrei aus seinen Armen riß, und mit kokettem Schmollen rief: „Bist Du wahnsinnig?" faßten ihn Zorn und Scham, weil er sich wie ein dummer Junge vorkam. Gr würgte noch an seinem Aerger, als Alma bereits kühl und heiter vordem Spiegel stand.
„Wie gefällt Dir dies Kostüm? Haben es gestern bei Pölich gekauft. Tas Allerneuste. Kostet hundertfünfzig Mark. war ein Modell."
„Sehr auffallend", brummte Paul, „nicht mein Geschmack".
Aber er widersprach nicht mehr, als Alma dem Kutscher beim Einsteigen Befehl erteilte, nach dem Neuen Schützenhaus zu fahren.
Zu derselben Stunde ging Traute mit ihrem Malkasten nach der Zentralhalle. Sie war heute allein, ohne Lillian, die eine Abhaltung hatte. An der Ecke der Zentralstraße begegnete ihr Graf Stauffen. Er war bereits im Sommerjackett, und trug ein Frühlingssträußchen im Knopfloch.
„Heute halten Sie's nicht aus in Ihrer Farbenbude", sagte er zu Traute, „bei dem Prachtwetter. Kommen Sie, wir wollen lieber ins Rosenthal gehen."
Traute stand still, und blickte nachdenklich zuin Himmel auf. Ach, er hatte recht. Es war nicht zum Aushalten in den Stadtmauern, wenn die schneeweißen Frühlingswolken so lustig über den blitzblauen Himmel segelten. Wie herrlich mußte es draußen im Walde sein! Aber — durfte sie allein mit Stauffen gehen?" —
Camill Stauffen las den Zweifel und das Schwanken in ihren Zügen. „Einen solchen Tag dürfen Sie wirklich nicht versäumen. Er kommt im ganzen Jahr nicht wieder. Machen Sie sich nur keine Skrupel. Wer zu viel überlegt, kommt nie im Leben zu einem rechten Vergnügen. Mit Lori Drachenberg bin ich oft heimlich allein in den Wald gelaufen", redete er zu.
Die Versuchung war zu stark. Mit einem schnellen Entschluß trug sie ihren Malkasten hinauf in die Zentralhalle, und ließ ihn in der Garderobe. Tann schüttelte sie die letzten Bedenken von sich, und wanderte fröhlich mit Stauffen zur Stadt hinaus. Er führte sie auf dem kürzesten Wege ins Freie. Bald waren sie mitten iin knospernden Buchenwald.
„Kommen Sie, wir wollen tiefer ins Grüne gehen. Hier auf den Fahrstraßen ist cs staubig", sagte Camill, und bog in einen Fußpfad, der mitten in das Gehölz hinein führte.
Traute hatte einen Augenblick gezögert, ihm zu folgen, aber da fiel ihr Blick auf eine Gruppe Anemonen, deren zarte, weiße Blütenkelche zwischen dem jungen Gras und dürren Laub des Waldbodens schimmerten,
und' mit einem Jubelruf flog sie in das Gebüsch. Camill half ihr Blumen pflücken, und Blumen suchend kamen sie tiefer und tiefer in den Wald hinein. Sie hatten plötzlich Weg und Steg verloren, vor ihnen lag ein kleiner Sumpf, und als sie rechts und links nach einem Ausweg suchten, fanden sie sich ganz im Dickicht verirrt.
Sie sahen sich an, und lachten. Um sie herum war der tiefe, stille Waldfrieden, in den Buchen- und Eichen- wipfeln ein leises, feierliches Rauschen und ganz in der Nähe schwatzte eine Elster vom Geäst auf sie herunter. Das grelle, schrille Schwatzen klang spukhaft und gab der Einsamkeit etwas Märchenhaftes. Ein goldgrünes Flimmern von jungen Knospen und Sonnenlicht hing in den Wipfeln und Zweigen, und zwischen den breiten, dunklen Stämmen und wucherndem Unterholz brach hie und da blitzender Sonnennebel durch eine Lichtung, Zwischen den flüsternden Baumkronen der leuchtende, tiefblaue Himmel mit den luftigen, weißen Wölkchen und überall in Farben und Tönen, in Licht und Luft die große, jubelvolle Frühlingsfreude.
Hochaufatmend, wie unter einer seltsamen Bellemmung, stand Traute, die Hände voll wilder Blumen, und ihre Wangen fingen an zu brennen unter Camills Blick. Er sah sie mit trunkenem Entzücken an, und dachte, daß sie "schöner sei als der ganze blühende Lenz umher.
„Traute", flüsterte er.
Sie rührte sich nicht, ihre Augen hefteten am Boden, es kam wie ein leises Aufschluchzen von Wonne und ahnungsvollem Weh von ihren Lippen, doch im nächsten Augenblick wurde diesen Lippen Atem und Wort geraubt durch den ersten, langen, seligen Kuß der Liebe.
Sie standen Herz am Herzen, ganz in ihr Glück versunken, von dem goldgrünen Dämmerlicht des Dickichts umflossen, gefangen, verloren in dem Zauber der Waldeinsamkeit.
Wie lange? Der Begriff von Zeit und Raum schwand ihnen, sie waren allein mit sich auf der Welt, und die Welt war die blühende, knospende Wildnis, das Königreich des jungen Frühlings, aus dem kein Pfad in das graue Alltagsleben zurückzuführen schien.
Engumschlungen gingen sie endlich gedankenlos weiter. In Trautens Äugen stand das Leuchten einer überirdischen Seligkeit, mit strahlendem Lächeln blickte sie zu dem schönen Jüngling auf, der ihr die zärtlichsten Liebesworte zuflüsterte.
Keine Frage, kein Zweifel war in ihrem Herzen. Er liebte sie ja, und ihre ganze Seele gehörte ihm. Alles andere auf her Welt war so entsetzlich nebensächlich. Sie hatte jede 'Wertschätzung für materielle Güter, und deren Bedeutung verloren, denn ivas konnte die Welt mit allen ihren Herrlichkeiten bieten, was die Wonne und das tiefe, unsagbare Glück dieser Stunde überbot?
Ohne zu bemerken, hatten sie sich endlich der Fahrstraße genähert, als das Rollen eines Wagens in nächster Nähe hörbar wurde. Sie lösten sich zwar schnell aus ihrer Umarmung, und nahmen eine förmliche Haltung an, aber die Insassen der Equipage hatten dennoch ihr trauliches .tete-ä-tete überrascht.
„Ah!" sagte Alma Jänisch nur, die mit einem einzigen Blick schon von fern die Situation bis in alle Details erfaßt hatte.
Paul Lehmigke sagte kein Wort. Aber er erblaßte bis in die Lippen hinein. Er hätte aufschreien mögen wie ein verwundeter Hirsch, bei dem Anblick, der sich ihm bot. Das war es, das war es ja, wonach sein Herz verlangte in den Träumen der tiefsten Nacht, wenn er es am Tage mit eiserner, brutaler Gewalt zum Schweige» brachte. Allein zu sein mit ihr, mit Traute, irgendwo, wo die Welt schön, ist, in heimlich süßer Stunde, wie — o Gott! wie jener verhaßte, fluchwürdige Nebenbuhler!
(Fortsetzung folgt.)
Der Roman einer Studentin.
Ein liebes, herziges Mädel, gesund, hübsch, reich, schlägt ein Dutzend sogenannter guter Partien aus, macht das Abiturientenexamen und will studieren. Das ist keine alltägliche Geschichte, aber sie kommt doch vor im 20. Jahrhundert. Und wer will da ohne weiteres in Bausch und Bogen verdammen? Freilich, ein tintenbeklexter Blaustrumpf, ein Mannweib, dem die in Küche und Keller,


