Ausgabe 
23.6.1902
 
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I Es Werfam ihn etzvaZ tote 'eine unheimliche Ahnung, daß man Bet Eheschließungen, selbst abgesehen von der Liebe, doch noch mit anderen Faktoren zu rechnen hat als mit nackten Zahlen und Mtzlichkeits-Theorien.

Elftes Kapitel.

Der März brachte einen frühen Lenz. Auf warme I Regentage folgte eine fast sommerliche Temperatur, so I daß es in der Natur wie in einem Treibhaus grünte, keimte und blühte.

Paul Lehmigke war fortwährend zwischen Brantikvw und Leipzig unterwegs. Er hatte sich eine Brautschaft | mit Alma Janisch weniger unruhig und nicht ganz so ! anspruchsvoll gedacht. Aber die Visiten und die Teilnahme . an der Auswahl der Ausstattung wurden ihm nicht erspart,- Vst" dst die Hochzeit bereits für den Mai angesetzt war, überstürzten sich alle Vorbereitungen dazu. Er machte i gute Miene zum bösen Spiel, und sagte sich, daß er diese | acht Wochen Brautzeit opfern müsse, um hernach um so \ ungestörter seiner Berufsarbeit leben zu können. Eine Hochzeitsreise schlug er Alma ruud ab.

Es war an einem dieser sommerwarmen Märztage | voll Beilchenduft und Sonnenschein, als er zu einer etwas [ früheren Stunde als. er sich angemeldet hatte, die Villa!

Janisch betrat, um seine Brant zu einigen unumgänglichen Visiten abzuholen. Gr ging geraden Weges nach dem Wohn- zinrmer,. wo er Alma zu treffen gewohnt war, doch in dem Augenblick, als er schnellen Schrittes das Vorzimmer durch­maß, wurde die Wohnzimmerthür hastig aufgestoßen, und ein junger Offizier trat hinter der Portiere hervor.

Es war ein junger Sekondeleutnant, in der Uniform des Leipziger Infanterieregiments, und an und für sich war nichts Auffallendes ent seinem Erscheinen; denn Jänischs hatten in einem großen Gesellschaftskreis auch Umgang mit dem Leipziger Militär. Und seit einigen Wochen ging es wie in einem Taubenschlag in der Villa aus und ein; man kam, um zu gratulieren und seine Neugier zu befriedigen. Aber der junge Mann mit dem bildhübschen, ein wenig verlebten Knabengesicht hatte ein so geisterblasses, verstörtes Aussehen, daß Lehmigke ihn verwundert und betroffen ansah.

Und er schien seine Haltung so gänzlich verloren zu haben, daß er seinerseits Paul Lehmigke fassungslos an­starrte, um endlich mit einem flüchtigen Gruß an ihm vorbeizustürzen.

Was ist denn da passiert?" dachte Paul stirn- runzelnd, indem er mit der unbehaglichen Erwartung, seine Braut allein im Wohnzimmer zu finden, eintrat. Mer sie war nicht da, sondern seine künftige Schwiegermutter saß noch auf dem Sofaplatz, auf dem sie den Besuch des Leutnants empfangen hatte, und ihre -Züge waren immer noch etwas feierlich und hoheitsvoll gespannt-

Ter Ausdruck war mit einer gewissen Verdutztheit ver­wischt in ihrem Gesicht stehen geblieben, als sei sie plötz­lich in einer Rede unterbrochen, ober jäh allein gelassen worden.

Was giebt es denn? Warum läuft denn der Leutnant davon, als ob er seinen Schneider mit der Rechnung oder sonst etwas Entsetzliches gesehen hätte?" fragte Paul.

Ha, ha, ha!" lachte Frau Janisch, so daß ihr ganzer Körper, der verfettete Typus des Wohllebens, wackelte.

Aber das Lachen kam Paul nicht ganz natürlich vor. Was haben Sie denn mit ihm gehabt?"

Aber Paul, das war ja blos der Herr von Löschnitz> der kam, zu Almas Verlobung zu gratulieren."

Na, die Gratulation scheint ihn aber angegriffen zu haben. So sieht kein Mensch aus, der blos zum gratu­lieren kommt."

Ha, ha, ha! Biste eifersüchtig, Paulchen? I, Herr Jeses ja!S sind viele, die 's nicht gerne sehen, daß unser Almachen Brant ist!"

Paul machte eilte unwillige gleichgiltige Bewegung. Wo ist denn Alma? Und warum macht Ihr denn nie ein Fenster auf? Man erstickt ja hier förmlich.

Das Zimmer war sehr warnt und ganz mit dem Duft der Hhacinthen und Maiblumen erfüllt, die in prächtigen, blütenstrotzenden Gruppen im Fenstererker standen. In diesem Augenblick trat Alma in einer bezaubernden, Hellen Frühlingstoilette. ein. Aber Paul konnte nie Geschmack au ihren Kostümen finden, die ihn zu sehr an das Modejournal erinnerten, und die neueste Mode stets noch übertrieben.

heiraten, so kange er nüchtern tote, heiraten mit Klug­heit und Berechnung.

Es gab nur ein Mädchen seiner Bekanntschaft, das allen Anforderungen seines Verstandes genügte, und das war Alma Janisch.

Ihr Vermögen entsprach dem seinigen, sie war in denjelben Gesinnungett ausgewachsen wie er, und sie besaß einen für eine Frau erstaunlichen Geschäftssinn. Sie war spar, am fast bis zum Geiz, und es sollte jemand schwer werden, sie zu übervorteilen. Unter ihrem Regiment würde kein Wurstzipfel und kein Stück Zucker in Brantikow ver­untreut werden. Daß er ihre rötlichen Haare und ihre scharfen, Antworten nicht liebte, war Nebensache. Solche Aeußerlichkeiten kamen ihm jetzt unsäglich unbedeutend vor. Alle Frauen der Welt schienen ihm gleich reizlos, es kam nur darauf an, welche für ihn am nützlichsten werden konnte.

Und das war Alma Janisch.

Mit schnellen, festen Schritten ging er heim, und noch mit dem Nachtzug reifte er nach Leipzig ab .

Ns er sich am folgenden Tage in der Villa Janisch melden heg, verlangte er Herrn Janisch zu sprechen u nd nicht dessen Tochter.

Seine Werbung bei dem Vater um die Hand der Tochter glich einem Geschäftsantrag.

r -x 2(6ecC der alte Janisch war ganz der Mann, der Klug- h"t und Vorsicht zu würdigen verstand. Und das Heiratsi- geschaft wurde zwischen beiden Männern mit großer Um­ständlichkeit und Genauigkeit, in Zahlen schwarz auf weiß berechnet und zur gegenseitigen Zufriedenheit erledigt.

Danach erst begab sich Paul Lehmigke zu Alma.

Alma hatte indessen bereits Kunde von dem Zweck seines Besuches erhalten, und er sand sie sehr kleidsam in cng- anliegender schwarzer Sainmettoilette, den offenen Busen mit schwarzen Spitzen überrieselt uitb eine Weiße Kamelie ged'ückt^ im enTotI' in einen schwellenden Polstersessel

Er blickte etwas erstaunt auf die Feierlichkeit dieses Empfanges, aber sie sagte mit einem Lächeln:Ich will heute abeud noch in das Gewandhaus-Konzert."

Sein Antrag war sehr kurz uud bündig, er konnte ntajt recht aus dem Geschäftston heraus kommen, und er blickte fast noch erstaunter ans über eine unerwartete Erregung, die ihren ganzen Körper dnrchzitterte, als er ihre Hand erfaßt hatte. Sie faßte sich jedoch und bewies 'M nächsten Augenblick, daß sie die Tochter ihres Katers sei. Mit sehr klaren und deutlichen Fragen verlangte sie Auskunft teer die Vorteile und Aussichten, die ihr durch eme Ehe mit ihm geboten würden, und setzte ihm mit großer Bestimmtheit alle Anforderungen auseinander, zu denen sie sich berechtigt glaubte. Aber das hatte Paul erwartet, md er ging bereitwillig auf diese Erörterungen ein.

Als ,ie mit dieser Auseinandersetzung zu Ende und ebenfalls zu einem befriedigenden Resultat gekommen waren, wollte er sich höflich mit einem Handkuß verab­schieden, da er Alma nicht in das Konzert begleiten konnte, und man die Feier der Verlobung erst für den nächsten üoiii!iitg verabredet hatte. Bis dahin hatte er vollkommen ^dulch am em Wiedersehen zu warten. Er erschrak fast, als Alma sich plötzlich bei Gelegenheit des Handkusses, mit ihrer ganzen üppigen Gestalt an ihn schmiegte und ihm mit einem unbeschreiblichen Blick die vollen, stets blut­roten Lippen des ettoas großen Mundes zum Küsse bot.

Zum ersten Male streifte ihn der heiße, sinnliche Hauch \ ber von diesem Weibe ausging, und zum ersten Male I dEtnerte ihm eine Ahnung, warum er das weiße Ge- i IW, die roten Lippen und grellen Augen nicht leiden i mochte. ;

Und als er den unter durchsichtigen Spitzen kokett zur Scham gebotenen schneeweißen, üppigen Busen sah, über­lief ey ihn seltsam heiß und kalt. Etwas wie wildes Be- gehren wollte m ihm aufflammen, aber das beleidigte Zart- gesnhl war starker und erkältete jede heiße Regung. Paul Lehmigke war vielleicht nicht immer tugendhaft gewesen, aber in semem innersten Gefühlsleben war er rein und nre.ng sittlich^ geblieben. Unerbittlich forderte er von dem -aei&e, das seine Achtung genießen wollte, ein reines Herz.

,. ,Als ex das bronzene Gartenthor ber Villa Jänisch hinter sich schloß, atinete er in ber kühlen Nachtluft tief *uf und ging nachdenklich die Plaqwitzer Straße hinunter.