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23.6.1902
 
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Montag den 23. Juni

1902. Nr. 92.

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flanzt, ihr Alien, in das Herz der Jugend

MM Dicfc Lehre aus dem Buch der Tugend: V Wer ins Herz dir zielt, dich zu verletzen,

Find' cs wie ein Bergwerk reich an Schätzen.

Werfen Steine nach dir Feindcshände: Wie ein Obstbaum reiche Früchte spende. Sterbend hohen Sinns der Muschel gleiche, Die noch Perlen beut für Todcsstrciche. Hafis.

(Nachdruck verboten.)

Manneswert.

Roman von Marie Stahl.

(Fortsetzung.)

Das schöne Geschlecht von Brantikow machte wiederholt Versuche, ob dein neuen, gestrengen Gutsherrn nicht eine menschliche Seite abzugewinnen sei. Aber seitdem er ein­mal eine Magd, die als unwiderstehliche Dorfkokette bekannt ivar, und beim Reinigen seiner Gemächer ihre Reize etwas absichtliche und ausfällig zur Schau trug, mit einer Ohr­feige sofort entlief}, wurde man vorsichtig. Er nahm daraus eine ältere Frau in seinen persönlichen Dienst.

Kaum hatte er die Wirtschaft ans dem Aergsteu heraus­gearbeitet, so begann er seine Pläne in Betreff der Neu­bauten und Meliorationen ins Werk zu setzen. Jetzt ver­doppelte stich seine Arbeitslast. Er mußte die Nächte zu Hilfe, nehmen für seine Rechnungen, Schreibereien, Pläne Und Entwürfe, llnb er mußte nach der Stadt fahren, um sich mit Sachverständigen, mit Baumeistern, Maurern, Tech- itirern und Feldmessern in Verbindung zu setzen.

Für die Landwirtschaft hatte er am 1. März einen neuen, tüchtigen Inspektor gewonnen, aber mit den Haus­hälterinnen hatte er Unglück. Er entließ drei hinterein­ander und kam endlich zu der Ueberzeugung, daß er heiraten müsse, wenn seine Hauswirtschaft nicht schweren Schaden leiden sollte. Es fehlte überall die leitende Hand der Herrin, Und er selbst konnte nicht auf die Dauer feine eigene Haus­hälterin fein, und Speisekammer und Borratsstuben selbst unter Verschluß halten, dazu fehlte ihm die Zeit. Hei­raten mußte er eine Landwirtschaft bedurfte der Haus­frau aber wen?

Es ivar auf einem Weg über das freie Feld, als er diese Angelegenheit überlegte. Arn Tage vorher hatte er die dritte Wirtschafterin entlassen, weil er sie ertappte, daß sie der Magd die Speisekammerschlüssel überließ, während sie sich in ihrem Zimmer Stirnlöckchen brannte. Der Heiratsgedanke rief ein Bild vor fein Auge, das er mit Hilfe seiner angestrengten Thätigkeit, die ihm keine Zeit MM Denken und Träumen ließ, aus das strengste aus feinem

Gedächtnis verbannt hatte. Arbeit bis zur Erschöpfung ist das beste Mittel gegen überflüssige Gefühle.

Aber plötzlich war dieses Bild da, wie mit Zauber­gewalt, und ließ sich nicht bannen. Es war Traute in ihrer frischen, rosigen, lebensfrohen und lebenssprühenden Jugend, mit ihren lachenden, strahlenden Augen, wie er sie zuerst gesehen, als sie in einem Strom goldenen Sonnenlichtes in das Zimmer trat. Und diese Erinnerung überwältigte ihn dermaßen, daß sein Herz sich tote in einem körperlichen, unerträglichen Schmerz zusammenkrampfte. Der starke Mann wurde leichenblaß, und sein Schritt schwankte von dem lang zurückgedrängten, übermächtig ausbrechenden Em­pfinden. Er stand einen Augenblick an einer Föhre still und trocknete sich den kalten Schweiß von der Stirn.

Bon dem sandigen Hügel aus lag das weite Land vor ihm int milden Abendlicht des Frühlingstages. Auf den Feldern der frische, grüne Schimmer der keimenden Saaten und über den Saaten die jubelnden Heidelerchen, die in das Sonnenlicht hinaufstiegen.

So weit, so sehnsüchtig weit die große, flache Ebene, schwermütig gestimmt durch die dunkle Kiefernheide, die sie auf der einen Seite ab grenzte, durch den grauen Sand, durch die einsamen, hier und da verstreuten Windmühlen und kleinen, spitzen Kirchtürme der verlorenen Dörfer. Doch der weiche, warme Hauch des Frühlings lag über der monotonen Landschaft tote erwachende Liebe, die sich zum Leben durchringen möchte und schmerzlich um Sein und Nichtsein kämpft. Der einsame Mann unter der Föhre konnte sich dem Zauber dieses geheimnisvollen Frühings- webens nicht entziehen. In diesem Augenblick schmolz alles, was hart und kalt und starr in ihm war, und aus der Tiefe seiner Seele auoll wie ein heißer Strom, der eine Eisrinde durchbricht, die Sehnsucht nach Glück und Liebe. Flüchtig und verschwommen wie ein Traum trat ein Bild vor seine Seele, das Bild eines Daseins in Bereinigung mit Traute, dem einzigen Weibe, das je diese rätselhafte Macht über ihn ausgeübt hatte. Und dieses Bild hatte Farben von so unbeschreiblicher Süße, Innigkeit und Glut, daß ihm die Seele erschauerte. Aber in der nächsten Minute erlosch die Bision in ihrer ganzen Farbenpracht, die für einen kurzen Moment die Erde in ein Paradies verwandelt hatte, und das Leben erschien öder, grauer und freudloser als zuvor.

Im Geiste sah er Traute an Graf Stauffens Seite, dem schönen, ritterlich vornehmen Kavalier, der alles besaß, was ihm äußerlich fehlte. Er sah das Liebeswerben von Stauffens Seite, und das Helle Glück in Tränkens Augen. Er wüßte, daß sie ihm verloren ivar. Und es wurde härter, kälter und finsterer in ihm als zuvor.

Gut, daß er der Gefahr entgangen war, eht schönes, hochmütiges und leichtsinniges Weib zu feiner Gattin zu machen. Nie wieder sollte das Schicksal ihn schwach fiudem Und um jeder ferneren Dhorheit vorzubeugen, wollte er