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Ja, gesund sei er, aber es wären ja verdammt schlechte Zeiten.
„Ja, Du hast gewiß viel durchzumachen gehabt!"'
Thomas arbeitete mit dem Munde und suchte nach einem Spuckbecken; endlich erblickte er ein kleines Thon- gefätz mit gelbem Sand, das dicht neben ihm stand.
Er strich sich den Bart. „So ganz, ohne widrige Winde ist es ja nicht gegangen."
„Thomas", sagte Helene, „erinnerst Du Dich der Möwe?"
„Der Möwe?"
„Ja — weißt Du, die wir draußen in der Kjöger Bucht sahen? Erinnerst Du Dich nicht, damals, als wir ini Gewitter hinaussegelten?"
„Ach ja!"
„Ist es nicht sonderbar, daß ich sie niemals habe vergessen können? Es giebt einzelne Dinge aus der Kindheit, die einem stets so lebendig vor Augen stehen."
Thomas hatte das längst vergessen, jetzt aber tauchte die Erinnerung wieder in ihm auf.
„Ich sehe noch so deutlich, wie sie kämpfte, ach, wie sie kämpfte! Es ging nur langsam, aber sie kam doch ans Ziel."
Thomas schaute traurig auf, als wolle er sagen: Der widrige Wind kann aber auch zu stark sein.
(Fortsetzung folgt.)
Englische Kolonial-„Mdenthatm".
Ein zeitgemäßes Kapitel von Franz Büttner.
(Nachdruck verboten.)
Die Kolouialgeschichte ist mit Blut geschrieben . Es giebt auch Beispiele friedlicher Kolonisation, aber sie sind selten. In der Regel gestaltet sich die Geschichte einer größeren Koloniebildung zu der eines erbitterten Vernichtungskampfes gegen die eingeborene Bevölkerung, welche früher oder später unterliegen muß, weil die Kolonisten naturgemäß einer geistig fortgeschritteneren Klasse angehören. Dabei tritt nun seltsamerweise die beschämende Thatsache hervor, daß die höhere Kultur ihre Träger durchaus nicht zu den besseren Menschen gemacht hat. Im Gegenteil — die Kolonisten wetteifern vielfach mit den von ihnen besiegten oder ihrer Gebieter beraubten Wilden an Grausamkeit und Bestialität, ja übertreffen sie darin und lassen sich in der Behandlung derselben von keiner humanen und gerechten Regung leiten. Die Verantwortlichkeit hierfür trifft nur zum geringsten Teil die betreffenden Regierungen. Vielmehr trägt wohl der Umstand die Schuld, daß es meist nicht die besseren Elemente sind, welche ein Land nach neuen Kolonien abgiebt; Abenteuersucht, Habgier, Zügellosigkeit treibt einen Teil der Menschen in neue Kolonien, die ruhigeren, solideren Kolonisten folgen in der Regel erst nach, wenn sich die Verhältnisse bereits etwas abgeklärt haben und der anfängliche Zustand der Anarchie demjenigen einer größeren Sicherheit und Gesetzlichkeit gewichen ist. Die deute vom Schlage eines Cecil Rhodes! sind es, welchen die Kolonialgeschichte ihre blutige Färbung verdankt, ihr Gott ist der Mammon, und die Regungen des Gewissens empfinden sie nicht.
Dicke Bände würden nötig fein, um die Greuelthaten zu beschreiben, welche seit Anbeginn der historischen Zeit von Kolonialvölkern, Phöniziern, Römern, Portugiesen, Spaniern, Holländern, Engländern u., begangen wurden. Für heute haben wir uns die Aufgabe gestellt, uur ein paar der „Kolonialheldenthaten" der Engländer zu schildern, weil diese zur Zeit des noch immer nicht beendeten Burenkrieges im Vordergrund des Interesses stehen. Wir beginnen aus letzterem Grunde mit der Kolonie, welche vor- wiegeud an diesem Kriege beteiligt und interessiert ist. Die Kapkolonie kam ,1795 zuerst in englischen Besitz, definitiv wurden die Engländer jedoch erst 1806 Herren des Landes, das ihnen 1815 auf dem Wiener Kongreß endgültig zugesprochen wurde. Vorher waren die Holländer die Besitzer, und leider muß hier die traurige Wahrheit ausgesprochen werden, daß diese gegen die armen Hottentotten und Kaffern mit geradezu unbeschreiblicher Brutalität ver- uhren. Diese waren in ihren Augen gar keine Menschen, ie machten sie zu Leibeigenen, raubten ihnen unter uich- :igen Vorwänden ihre Herden, verbrannten ihre Ernte und chossen sie zusammen gleich wilden Tieren. Ao unendlich
die armen Buren von heute zu bemitleiden sind, so geschieht ihnen doch nur dasselbe Unrecht, das ihre Väter in noch stärkerem Maße an den armen Wilden begangen haben Da die Engländer die für ihr Vaterland kämpfenden, in regelrechtem Kriege mit ihnen befindlicbeu Buren sogar als Rebellen und Verbrecher behandeln' und zum Tode verurteilen, so kann man sich nicht wundern, wenn sie vor 90 Jahren mit den Anführern der mit ihnen Krieg führenden Kaffern und Hottentotten nicht besser verfuhren/ Der erste Hottentotte, welcher sich sür die Rechte seines Stammes erhob, Stuurmann, und dessen sich die Engländer durch Verrat bemächtigten, wurde gegen alles Völkerrecht als Sträfling in eine Verbrecherkolonie gesandt, ebenso erging es später dem tapferen Kaffernhäuptling Mokanna. Die Engländer hatten einen bloßen Unterhäuptling, Namens Gaika, als Führer der Kaffern anerkannt, diesem wollten sich die anderen Stämme nicht unterwerfen, sie bekämpften und besiegten ihn. Das war eine rein interne Angelegent- heit der Kaffern, welche der Kolonialregierung ausdrücklich erklären ließen, daß sie nichts Feindliches gegen dis Engländer im Schilde führten. Trotzdem rückten die englischen Truppen gegen sie aus, metzelten sie nieder oder jagten sie in die Wälder und führten 23'000 Stück Vieh mit sich fort. Ihrer Subsistenzmittel beraubt, griffen die Kaffern, von Mokanna geführt, zu den Waffen, 9000 Mann stark, griffen sie mutig Grahamstadt an, mußten aber, nachdem 1400 von ihnen niederkartätscht und noch viel mehr lebensgefährlich verwundet waren, die Flucht ergreifen. Wieder rückten jetzt die Kolonialtruppen gegen sie ins Feld> sengten und mordeten, und drohten mit gänzlicher Vernichtung, wenn Mokanna und die ersten Häuptlinge nicht ausgerottet würden. Was that nun dieser edle Häuptling? Damit seine Landsleute nicht länger für ihn büßen sollten — denn ausgeliefert hätten sie ihn nicht — stellte er sich freiwillig im englischen Lager. „Man sagt", erklärte er, „ich habe diesen Krieg entzündet; so laßt sehen, ob meine Selbstauslieferuug meinem Lande den Frieden zurückgeben wird." Der wackere Patriot wurde als Verbrecher nach der Robbeninsel gesandt, um dort in Ketten in den Schieferbrüchen zu arbeiten; als er nach einiger Zeit zu entfliehen versuchte, ertrank er im Meere. Der übrigen Häuptlinge konnte man nicht habhaft werde:: und rächte sich durch den Raub von weiteren 30 000 Stück Vieh, auf diese Weise Tausende von Weibern und Kindern dem Hungertode preisgebend. Dies nur ein Pröbchen aus der Kolonisations- geschichte des Kaplandes, wo eine Bevölkerung von einer Million Hottentotten auf etwa 50 000 Köpfe zusammen- schmolz.
Das Verfahren in Australien glich den: Erzählten aufs Haar. Vor allem während der ersten Jahre betrachteten die Deportierten, ja auch die freien Kolonisten, die Schwarzen als wilde Tiere. Man machte förmlich Jagd auf sie und schoß sie tot. Die Journale von Sidney machten sogar den r ationellen Vorschlag, die Eingeborenen in Masse zu vergiften. Man schnitt ihnen Nasen und Ohren oder auch die Finger ab, ganze Dörfer verschwanden von der Erde. So ging die Zahl in kurzen: derart zurück, daß man die Ureinwohner 1877 nur noch auf etwa 56 000 Köpfe schätzte. Die Eingeborenen Tasmaniens, welche im Jahre 1815 noch 5000 Köpfe zählten, sanken innerhalb der kurzen Zeit von 45 Jahren auf 16 Köpfe. 1876 erlosch der ganze Stamm der Tasmanier mit einer Frau — und 1803 war die Insel erst von England besetzt worden!
Jeder Beschreibung spotten die Greuelthaten der Engländer in Indien; besonders unter der Herrschaft der ost- indischen Kompagnie behandelte man die unglücklichen Eingeborenen mit beispielloser Willkür und Brutalität. Die Steuern preßte man durch grausame Foltern heraus; so war es üblich, den unglücklichen Frauen derjenigen Männer, welche ihre Steuern nicht bezahlten, mittelst einer Art Presse die Brüste zusammenzupressen. Diese gräßliche Marter hatte zur Folge, daß der Brustkrebs in Indien geradezu epidemisch auftrat. Am bestialischsten benahm sich die englische Soldateska 'während des großen Aufstands! im Jahre 1857. Die eingeborenen Regimenter empörten sich und bald griff die Revolution derart um sich, daß die englische Herrschaft in ernstlicher Gefahr wär. Die fanatischen Inder gaben ihren lange genährten Groll gegen ihre habgierigen Unterdrücker in furchtbaren Blutthaten Ausdruck, die von den christlichen und hochkultivierten Eng-, ländern uodj. Bewältigung des Aufstandes verübten Re-


