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sch eh en. Wenn es ihr gelänge, ihn mit hinaus zu bringen, wenn er die Hand zur Versöhnung ausstreckte! Es war ihr, als würde ihr der Abschied von Böje dann leichter werden.
Und jetzt saß, sie da und wartete und wartete.
Drüben im Gastzimmer wurde ein Streichholz angezündet, eine Hand langte nach einem Gasarm hinauf, und im selben Augenblick brach ein starker Lichtschein durch den Tabcksqualm, so daß einige rote Gesichter erkennbar wurden.
Dann sah sie einen großen, breitschultrigen Mann eine große, blanke Münze aus den Tisch, werfen, woraus er sich, eine Zigarre in dem einen Mundwinkel, erhob, den Aermel herunterzog, und den Arm in den mit Lammfell gefütterten Reisemantel steckte.
Aber — war das nicht Thomas?
Ja, jetzt wendete er ihr das hell beleuchtete Gesicht zu — es war rot, aufgedunsen, hatte aber noch die alten, lieben Züge.
Sie sprang auf, warf die Decke auf den Bock und ordnete ihr Haar. Ihre Kniee zitterten, ach, wie sollte sie es nur fertig bringen, ihn anzureden!
Die Thüre öffnete sich, von einem lauten Getöse umschwirrt, trat er heraus, und näherte sich dem Wagen.
Ihr Herz pochte in der Brust wie mit Keulenschlägen; eine Weile stand sie da und verbarg sich hinter den Pferden, als fürchte sie, gesehen zu werden.
Ein wenig unsicher trat er an die Pferde heran, um zu sehen, ob die Zügel richtig angelegt seien. Der Hausknecht, der auf seinen Holzpantoffeln herangeklappert kam, stand grinsend da. Thomas ergriff die Zügel.
„Na, denn muh ich wohl sehen, oaß ich nach Ostholms- trup komme; da, Jörgen! Ach, gieb mir 'mal den Arm, während ich aufsteige."
Der Knecht fragte, ob er mit dem Frauenzimmer gesprochen habe.
„Mit was für einem Frauenzimmer?"
„Hier war eine Frau oder ein Mädchen, ich weih nicht — da ist sie ja!"
Sie war um den Wagen herumgegangcn und näherte sich dem Trittbrett, auf dessen unterste Stufe Thomas bereits einen Fuß gesetzt hatte. Das Licht aus dem Zimmer fiel hell auf ihr Gesicht und spiegelte sich in einer schwarzen Nadel, die ihren Shawl zusammenhielt.
Er wandte den Kopf um und schaute in ein Paar große, klare Augen.
„Guten Abend, Thomas."
Er sah sie einen Augenblick an.
Sie reichte ihm die Hand und richtete sich auf.
Thomas schwankte vom Trittbrett herab. „Das ist ja, weih Gott!--"
Er ergriff ihre Hand, preßte sie, lieh sie wieder los, nahm die andere und zog sie mit sich nach dem halbdunklen Schauer.
Der Knecht sah ihnen nach, nickte ein paarmal und warf dann den Pferden die Decken über.
Keins von beiden vermochte ein Wort hervorzubringen. Er hielt ihre beiden Hände in den seinen und schwenkte sie hin und her.
„Ich will lieber wieder gehen", flüsterte sie und suchte ihm ihre Hände zu entziehen.
Aber er hörte es nicht.
„Helene! Warum wurde nicht ein Paar aus uns beiden?"
„Thomas, sprich nicht mit mir von dem, was gewesen —, ach, ich bin so unglücklich !"
„Unglücklich?"
„Hans hat wieder seine alte Krankheit bekommen, und es ist wohl bald aus —"
Sie beugte sich zu ihm hinüber und weinte.
„Ich wollte nur so gerne um etwas bitten, und Du darfst nicht nein sagen, Thomas," fuhr sie fort, ihn mit der ganzen Innigkeit ihres Herzens anschauend. „Willst Du mit mir kommen, und ihm die Hand reichen, ehe er stirbt?"
Wie sie auf den Wagen kamen und worüber sie unterwegs sprachen, das war für ihn gleichsam in einen Nebel gehüllt. Er entsann sich später nur, daß die Decke mehrmals heruntergeglitten war, und dafx sie sie ihm fürsorglich wieder über die Beine gebrettet hatte.
Sie hielten vor Helenes Wohnung. Er warf den! Pferden die Decke wieder Über, und sie ließen di« Köpfe gleich wieder in die alte hängende Stellung sinken.^
„Ach, Sie sind es!" rief Madame Hansen, die mit einem Licht in der Hand in der Thür erschien. „Die Kinder sind zu Bett! Sie haben eine tüchtige Portion! Kartoffeln mit Mehlsauce bei mir vertilgt!"
„Danke, liebe Madame Hansen! Wie mag es Böjtz gehen?"
Sie zuckte die Achseln. „Ja, wie mag es ihm gehen? Er ist gewiß in die Klappe gekrochen."
Thomas, der jetzt mit den Pferden fertig geworden! war, kam herzu, als Helene die Thür öffnete.
Das Zimmer war dunkel und kalt. Er hörte, tote: die Tapete an der Wand sich in dem Zug mit raschelndem Laut ansbauschte. Der Lichtschein aus dem gegenüberliegenden Hause erhellte das Zimmer soweit, daß er die schwachen Umrisse einer Gestalt erkennen konnte, die sich aus dem Lager in der Ecke aufrichtete.
Helene eilte auf das Bett zu.
„Du kannst Dir nicht denken, wer hier kommt!" Eid sprach in heiterem Tone, Böje aber fühlte, wie das Bett bei Berührung ihrer Kniee zitterte. „Es ist Thomas ans Ostholmstrup."
„Ja, ich wollte mich doch mal nach! Dir umsehen", begann der Müller. „Ich hörte in der Stadt, daß Du krank seiest."
Helene, die ein Licht angezündet hatte, sandte ihm einen warmen Dankesblick hinüber.
Böje richtete sich völlig auf und reichte Thomas die Hand.
„Das hätte ich nicht von Dir geglaubt, Thomas!"
Thomas stutzte beim Anblick des knöchernen Gesichts, das beim gelblichen Schein des Talglichts zu ihm ausschaute.
Ein paar Thränen erglänzten in den Augen des Kranken. Um ihn her wurde es hell, und es war ihm, als gewänne seine Hand Leben durch all das warme Fleisch, das sie umgab; aber die kleine Szene ergriff ihn derartig, daß er sich sofort wieder legen mußte.
„Wie geht es sonst mit Deiner Gesundheit und dem Ganzen?" fragte Thomas.
„Ach, danke, es geht so einigermaßen."
Jetzt blickte Thomas zuin erstenmal um sich.
„Es scheint mir hier ein wenig feucht zu sein?"
„Ja", erwiderte Helene, „wir haben in der letzten Zeit nicht genügend acht auf den Ofen gegeben."
„Helene ist so viel aus", fiel Böje ein, „und dann vergesse ich, nachznlegen."
Am Fußende des Bettes stand ein braun ange- strichener Holzkasten mit einigen Betten und alten Shawls, in dem die Kinder schliesen.
„Sind denn die gesund?" fragte Thomas.
Das wären sie, gottlob! Es seien ein paar Prachtkinder, so lebhaft und so begabt; leider wären sie nur ein wenig mager.
Thomas wollte auf einem Stuhl am Bett Platz nehmen; Helene mußte ihn aber warnen, sich in acht zu nehmen, die Rücklehne sei ein wenig wackelig. Er sah sich nach einem anderen um, konnte aber keinen entdecken. Schnell schob sie Böjes Lehnstuhl ans Bett, aber Thomas mochte sich nicht hineinsetzen, er roch so eigentümlich nach $*£ entfielt.
Mehrmals fragte Helene nach ihrem Vater, erhielt aber stets nur kurze Antworten.
Er wurde immer schweigsamer und sah sie unverwandt an.
„Du hast auch mit Widerwärtigkeiten zu kämpfen gehabt," begann Böje. „Ich weiß, daß ich mit schuld daran war; Du kannst mir glauben, das hat mtch oft gequält." , ,
„Ja, wir haben so viel Mitleid mit Dir gehabt, Thomas! Wenn Du doch alles vergessen und wieder so recht tiott Herzen glücklich werden könntest!"
„Hm, ja —" er senkte den Blick. „Es muß eben gehen, so gut es geht."
Helene, hatte sich im voraus wohl zehnmal überlegt, was sie zu ihm sagen wollte, aber jetzt, wo es so wert war, konnte sie kaum ein Wort hervorbringen.
Böje fragte, ob er denn gesund sei.


