Freitag den 23. Mai.
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1902. — Nr. 75.
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'er eines Menschen Freude stört, Der Mensch ist keiner Freude wert.
(Nachdruck verboten.)
Die Möve.
Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann.
(Fortsetzung.)
Die Finsternis senkte sich 'mehr und mehr durch den Nebel herab. Sie zitterte vor Kälte. Mehrmals hatte sie einen sehnsuchtsvollen Blick nach den auf den Bock geworfenen Decken entsandt, aber sie konnte sich nicht entschließen, sie zu nehmen — er kam wohl bald. Endlich erhob sie sich doch, holte eine der warmen Hüllen und wickelte sich hinein. Es war ihr, als umschlösse sie Thomas' fürsorgende Liebe.
Abermals traten ihr die Thränen in die Augen. Alle Erinnerungen aus Ostholmstrup brachen über sie herein und zauberten eine Reihe wechselnder Bilder vor ihren Blick.
Menn sie nun seine Gattin gewesen wäre, wenn sie nun da draußen im Mühlhofe säße, in der warmen Stube mit den schweren, grünwollenen Mintergardincn, den blanken Möbeln, dem knisternden Feuer im Ofen, — wenn sie nun dort säße und auf ihn wartete, der mit den Weihnachtseinläufen nach Hause kommen sollte.
Sie riß sich gewaltsani aus dem Gedankengewebe los. Nein, nein, nein! Tausendmal lieber wollte sic daheim Weihnachten feiern mit §urtger und Tod! Dort war das Bethesda ihrer Liebe, wo sie gelitten und gekämpft, geliebt und gehofft hatte, wo ihre Seele in gesunde Wasser getaucht worden war.
Helene mußte an die ersten Jahr ihrer Ehe zurückdenken, wie stark Böse gewesen war, und wie sicher sie sich unter den Schwingen seiner Liebe gefühlt hatte. Wie eigenartig hatte das Leben sie doch geführt! Wer hätte denken können, daß Böse und sie so in die Brandungen des öffentlichen Lebens hiueingezogen und in seinem kochenden Sprudel umhergeschleudert werden sollten, der ja freilich — das mußte sie zugestehen — so viele Seelen erweckt itrtb adelt und sie als freie Menschen wieder ans Land setzt, der aber in so vielen anderen die Raubtiertriebe aufacht, ihnen die Lebenskraft raubt, ihnen Faden auf Faden von der geistigen Kleidung entreißt und sie schließlich als nackte, vom Tode gezeichnete Krüppel an den Strand treibt.
Wie schwer war ihr Leben mit ihm während der! letzten Jahre gewesen! Zu Zeiten war er kraftlos zu-, sammengebrochen und hatte wie geistesabwesend zu Boden gestarrt; zu andern Zeiten dagegen kochte es in ihm vor Groll und Haß gegen Gott und die Menschen, gegen das Schicksal, das ihn betroffen.
Welch eine Arbeit hatte es sie gekostet, die Ueber^ reste seines Christenglaubens zusammenzuhalten und dem toten Körper Geist einzublasen! Welche Mühe war es ihr nicht gewesen, ihn zur Einsicht zu bringen, daß sich im Meltengange ein Weisheitsprinzip verbirgt, das sich mächtig hinter der Außenseite des Daseins regt, eins ewig wirkende Macht, die Spuren des Weltenlaufes hinterläßt und im Geheimen in dem Leben der Völker und der einzelnen Menschen arbeitet — alles mit dem Ziel der Ewigkeit vor Augen und mit der Forderung an jede Seele, sich selbst zu verleugnen, zu glauben, zu streben!
Durch tägliche Unterhaltungen, durch ihr ermunterndes Lächeln, durch die Ausdauer, mit der sie ihr Heim aufrecht erhielt, hatte sie seine geistige Persönlichkeit nach und nach unter ihren Einfluß gebracht, seiner körperlichen Krankheit gegenüber aber war sie machtlos.
Zuweilen konnte es einen Tag ein wenig besser mit ihm sein, dann wagte er sich an einem Paar Stöcke auf die Straße hinaus, sonst saß er den Tag hindurch in einem Lehnstuhl am Fenster, in seinen dünn getragenen blauen Havelock gehüllt, von Palmen und Kaunas umgeben.
Menn sie von draußen herein kam und ihn dort sitzen sah mit einem milden Glanz in den Augen, da konnte sich ihre Kehle zusammenschnüren, aber sie bezwang sich. Munter reichte sie ihm die Hand: „Nun, wie geht es?"
„Ach, danke!"
Dann setzte sie sich neben ihn, nahm seine Hand in die ihre, und nun fingen sie an, einander Sand in die Augen zu streuen. — Er sähe weit besser aus. — Ja, wenn nur erst der Frühling käme, dann würde auch alles wieder gut.
Aber zuweilen, gleichsam in einem unbewachten Augenblicke, konnte die Wahrheit sich Bahn brechen und Ausdruck in einem lairgen, durchbohrenden Blick finden, in dem sich Seele und Seele in. der erdrückenden Gewißheit begegneten: Neber ein kleines werden wir uns nicht mehr sehen!
In den letzten Tagen hatte er so entsetzlich ausgesehen, saft wie eine Leiche. Sie war cntf alles vorbereitet- Da hatte sie am Morgen Thomas auf der Landstraße vorüberfahren sehen, und im selben Augenblick war ein Entschluß in ihr gereift. Wieder und wieder hatte sie an Pastor Tomsens Rat gedacht, sie hatte ihn aber mach, durchführen können, teils weil es ihr so schwer war, Thomas unter die Augen zu treten, teils weil sie nicht wußte, woher das Geld zu der Reise nehmen. Jetzt aber sollte es gei


