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„Gut. Sitz Du nur ruhig bei Deinen Zirkeln. Na, jetzt geh' ich. Nein, nein, bleib Du nur sitzen. Aber hör, Hans, daß Du mir die goldene Himmelsjungfrau wie ein mutiger Jünger anbetest!" schloß der kleine Mann seine Rede.
Böje hörte, wie er die Entreethür öffnete, und vernahm dann ein Zittern des Fußbodens, das von dem unruhigen Trippeln vieler Füße herzurühren fchien.
„I bewahre!" — ,Hch bitte!" — „Nein, unter keiner Bedingung, mein Herr, haben Sie die Güte!" erklang es von draußen, und dazwischen ertönte ein Poltern und Kratzen.
Mas für eine bekannte Stimme war doch das?
EinenAugenblick später wurde dieThür zu seinemZimmer aufgerissen, und dort stand — der Mann mit der heiteren Lebensanschauung, sich verbeugend und nickend, ein Bündel unter dem einen Arm, das gelbe Gesicht mit einem breiten Lächeln ganz in den Rockkragen hineinziehend.
„Aha—a! Guten Tag! Guten Tag, lieber Böje!" erklang es in dem bekannten näselnden Tone. „Sehen Sie! Ich habe Sie gefunden! Guten Tag, guten Tag! — Puh! Zum Teufel auch! Wie hoch Sie aber wohnen!"
Ter Schweiß stand ihm auf dem kahlen Scheitel. Böje dachte bei sich, daß er gewiß die acht Treppenabsätze in ebenso vielen Sprüngen genommen habe, und daß er sich wahrscheinlich, wenn er wieder fort wollte, auf dem Magen über das Geländer legen und in einer Fahrt hinuntergleiten würde.
„Sie haben sich also in diesem abscheulichen Wetter auf die Reise gewagt?" .
„Ja, was sagen Sie dazu? Heute morgen um fünf Uhr kam ich plötzlich auf den Gedanken, diese Fahrt zu unternehmen. Zu Haufe ahnt kein Mensch, daß ich gereist bin."
„Niemand ahnt, daß Sie gereist sind?"
„Keine Menschenseele! Sie sind so daran gewöhnt, daß ich fortlaufe, wenn es mir in den Sinn kommt. Ich bin fast den ganzen Weg gegangen und habe ganz nasse Fuße — hören Sie 'mal — quaa — quaa! — Wer das macht nichts. Ueber Nacht bleibe ich im Gasthof, und morgen frust um vier Uhr mache ich mich wieder auf die Socken. Ach, lieber Böje, zu Hause bei uns sieht es gar nicht gut Ms!"■
„Wieso?"
„Ja, meine arme Schwiegertochter — kann ich mein Paket hierher legen?"
„Was fehlt denn der?" ,
„Ach, sie siecht uns so hin — Religionsskrupeln oder was es sonst sein mag. Wir haben die Hochzeit einen Monat nach, dem andern hinausgeschoben, damit sie ein bißchen zu Kräften kommen sollte, aber was hat das geholfen? Der arme Thomas! Er ist stets voller Hoffnung gewesen, aber nun läßt er auch den Kopf hängen. Mein Bruder geht herum und glotzt wie ein Ochs und will Festungen und Panzerschiffe haben — ja, das ist wahr, Sie sind za auch — aber sagen Sie mir doch, mein lieber junger Freund, was kann es nützen, daß wrr Großmacht spielen wollen?
,Was sind es denn — was sind es denn für Zweifel?
'„Zweifel? Hören Sie, lieber Böje, Sie wissen, daß ich eine heitere Lebens anschaunng habe; aber sagen Sre mir einmal ganz ehrlich, wenn wir nun doch nicht Leute genug haben für die Kanonen -" ,
„Nein, ich sprach von Ihrer Schwiegertochter/'
z$a, ja!--Ja, was ist das nur, was ist das
nur?" .
„Sie ist doch nicht bettlägerig?' .. ,
„Nein, das ist sie, gottlob, nicht. Wer es sieht trotzdem schlimm genug ans. Ach ja! Ach ja! Meine arme Frau ist auch leidend, und in der letzten Zeit ist sie stocktaub geworden. Thomas geht den ganzen Tag herum und nickt ihr zu. Er hat stets so große Stücke auf ferne Mutte« gehalten. Ist es nicht anerkennenswert — aus mir hat er sich eigentlich nie etwas gemacht. Wer Sie können mir glauben, seine Mutter ist auch eine Frau von der rechten Art."
„Das sind ja traurige Nachrichten."
„Ja, ist es nicht trostlos, lieber Freund?" Er ftlhv sich mit dem bekannten roten baumwollenen Taschentuch über die Augen. „Ach, lieber Böje, wissen Sie, was wir sind? Wir sind allzusammen jämmerliche Kreaturen. Wer wenn man das Gewehr in den Graben wirft, dann ist es
abweisen. Mle Augenblicke kam er angelausen, stets ein Füllhorn von Riesenideen mit sich führend, das er in seinem Reformatiouseifer über Böses Haupt ausschüttete, indem er mit seinen fleischigen Händen Wirbel schlug und seine dünnen, widerspenstig in die Höhe wachsenden Brauen sich nach allen Richtungen fträitben und winden ließ.
„Nein, lieber Hans, es nützt nichts, daß Du es mir herberge« willst, ich habe scharfe Augen für den Flammenschein des heiligen Feuers, und ich gratuliere Dir, Du Glücklicher, denn
Wie wäre das Leben an Freuden doch leer,
Wenn die goldne Aphrodite uns lächelt' nicht mehr?
Gieb wohl acht, die goldene, die himmlische Miß Aphrodite Pandemos — vor der mögen uns die Götter behüten!"
„Ach, Du bist wohl nicht so ängstlich vor der Dame?"
„Ich? Ich bin ein reiner Zeno, ein Prachtexemplar, ein Wunder in Beziehung auf Tugend. Arm aber tugendhaft."
Böje fragte, wie es mit seinem Diakonissenverein ginge.
„Ausgezeichnet!" erwiderte Rudolf; „die Statuten liegen fertig vor, und es haben sich schott einundsiebzig Herren gezeichnet. Nur Dich, Du hoher Ritter des Wortes, Dich vermissen wir noch. Darf ich mich erkühnen. Deinen Namen auf meine Tafel einzuritzen?"
„Nein, ich will nicht teilnehmen, wenigstens nicht, ehe ich mein Examen bestanden habe."
„Tu zitterst wohl bei dem Gedanken an unser Programm?"
Mein, euer Programm ist sehr edel, aber ihr guten Stifrer seid mir doch gar zu radikal."
„Radikal? Bedürfen wir denn nicht gerade des Radikalismus, der Leidenschaft in unserm alten, verfaulten Nest? Tas aller schärfsten, ätzendsten? Uns wird ein erhabener Gedanke nach dem andern von den Kulturceutren zugeführt, kaum aber haben sie unsere kleine Stadt erreicht, als sie auch schon sterben. Wir ertrinken förmlich in Gleichgiltigkeit, wir guten, ehrlichen Dickköpse, wir besorgen unser Geschäft, gehen zu Tische und ins Theater und huldigen mit selbstgefälliger Freude dem, was H-eiberg bezeichnet als
Tas flache, phlegmatische Leben auf Erden,
Wo man nur an das Reale glaubt.
Und nicht den geringsten Schimmer kann sehen
Bon dem magren Knochengerüst, von den Ideen!" „Ja, es liegt vielleicht etwas Wahres darin." „Wir bedürfen der Leidenschaft, mein Freund. In kleinen Staaten ersterben die großen Gedanken aus Mangel an großen Leidenschaften. Wir müssen das Volk, die groye, breite Schicht der Bauern und Arbeiter in die Höhe schrauben, in alle Ecken und Winkel muß Pulver gelegt werden. Vor allen Dingen müssen wir den Leuten die Singen öffnen über die widerwärtige Heuchelei in der Kirche, wo alles nach dem Prinzip: „Man muß sich drapieren", geordnet ist, wo aber die Lüge und der Humbug zwischen den Draperien hervorsieht."
„Ta ist sicher mancherlei anzugreifen, aber ihr guten Radikalen, die ihr selber keinen Glauben habt, seid kaum geeignet, die Kirche zu verbessern."
„Dann kommt ihr heran! Kommt, ihr gläubigen Seelen! Wir wollen euch mit offenen Armen empfangen und ein Opferfeuer für euch auf den Höhen anzünden. Wer ihr kommt nicht, ihr frommen Feiglinge, denn wenn es schließlich darauf ankommt, huldigt ihr alle der bekannten Devise: Immer um den Brei herumgehen."
„Tas ist nicht wahr, Rudolf. Du weißt sehr gut, daß ich Dir in vielen Dingen recht gebe, sowohl in Beziehung auf die Kirche, als auf die Frauensrage und andere Punkte, die wir beredet haben."
„Na, das freut mich, daß ich doch wenigstens nicht völlig tauben Ohren gepredigt habe."
„Aber ich will mit meinem Examen fertig sein, ehe ich mich zum Dienst melde. Und ich will Dir offen sagen, daß ich in ganz wesentlichen Punkten sehr uneinig mit Dir bin."
„Gut, brillant! Wenn wir irgend etwas in unferm Verein nötig haben, so ist es gerade Friktion!"
„Wer, wie gesagt, fürs erste bitte ich! Dich, mich in Ruhe zu lassen."


