Ausgabe 
23.4.1902
 
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1902. Nr. 60,

aut wagst du reden überall,

'jp/J Wo's Wahrheit gilt und Recht zumal;

V v Doch vorlaut sein, paßt nirgends hin,

Fehlt meistens auch Verstand darin. Harms.

(Nachdruck verboten.)

Die Möve.

Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen

von Mathilde Mann.

(Fortsetzung.)

Ein nebliger Dezembertag lag über der Hauptstadt, einer jener toten, regengesättigten Tage, in denen der Lärm der Straßen gleichsam durch Filzwände gedämpft lvird, und die Leute mit schlaff herabhängendem Haar und einem Schleier vor den Gedanken einhergehen.

Tie Wolken ivaren zusammengepreßt wie große Schwämme und ließen von Zeit zu Zeit einen Platzregen fallen; die Wege lagen wie ein durchgekneteter Teig da, in dem die Wagenräder glänzende Streifen hinterlassen Hatten; das Wasser tropfte von den Zweigen der Bäume Und lief in sickernden Büchen an der schwarzrunzeligen Rinde Herab.

Oben im vierten Stockwerk eines schwarzgeräucherten Hintergebäudes der Vorstadt stand Hans Boje, die Hand in die Seite gestemmt, und schaute durch eine Fensterscheibe, gegen die der Regen schlug. Aus einem dünnen eisernen Schlot im Nachbardache preßte eine Dampfmaschine den Rauche in engbrüstigen Atemzügen in die Luft hinauf, wo er große Kugeln bildete, die in munterem Tanz ms Dasein hineinrollten, es aber schon im nächsten Augenblick wieder durch ein mattes Entgleiten in den großen, toten Raum verließen.

Nachdem er eine Weile dagestanden und dem Rauch zugesehM hatte, warf er sich auf einen Stuhl am Tische und verharrte lange in derselben Stellung. Dann richtete er sich auf, öffnete ein Schrerbhest mit mathematischen Zeichk- nnngen und bemühte sich, seine Aufmerksamkeit auf die Linien zu konzentrieren. Wer die weißen Flächen glitten in sonnige Landluft über, und die Zeichnungen verwandelten srch in dunkle Flechten und strahlende Augen.

Er lehnte sich wieder in den Stuhl zurück, diesmal mit glühenden Wangen. Es war, als habe er durch eine geheime Offenbarung die Gewißheit erlangt, daß sie in diesem Augen­blick da draußen in dem kleinen Hause säße und seiner ge­denke. Ja, wie unzäh lig e m al hat er die Wahrheit von Jean .Pauls Worten empfunden:Die Seelen nähern sich ein­ander durch die Trennung der Körper."

Wie hatte er gegen sein aufrührerisches Herz ange­

kämpft, als er merkte, wohin sein Sehnen ging! Wer alleK vergebens! Das Dorfidyll mit seinen tausenderlei Ereig4 nissen, alle diese Bruchstücke von Erinnerungen, die jetzt erst ins Licht des Verständnisses traten, standen früh und spät vor seiner Seele.

War sie gebunden, ober war sie frei? Durch den Tierß arzt aus Kirchholmstrup, den er einmal auf der Straße getroffen hatte, wußte er, daß sie noch nicht verheiratet; war; aus welchem Grunde aber die Hochzeit aufgeschoben war, hatte er nicht erfahren können.

Wollte sie, konnte sie überhaupt mit Thomas an den Altar treten?

Es war ihm oft, als sei die Welt in eine neue Bahn gedrängt, wo sie sich nach andern Gesetzen als nach den bisher geltenden drehte. War es denn nicht im Grande, wenn man die Sache bei Licht besah, so, tote Thomas damals behauptet hatte? Wenn zwei Menschen einander liebten, so sollten sie sich auch haben, möchte es mit den Gelöbnissen und dem Predigersegen aussehen, wie es wollte. Thomas war eigentlich eine beneidenswerte gesunde Natur. Dies unmittelbare Naturgefühl, das seinen eigenen festen Gang geht, kann oft eine innere Echtheit in sich tragen, die sich nicht länger durch Bibelstellen im Zaum halten ließ.

Wer wozu führten alle diese Gedanken und Bilder, alle diese einander kreuzeüden Eilboten von Herzen zu Herzen? Führten diese keuschen, herzenswarmen Seelenbegegnungen zu etwas anderm als zu neuen Schlägen mit der Geißel der Hoffnungslosigkeit? Er erkannte, daß seine Liebe eine Flamme war, die seine Seele zu Asche brennen würde, und doch wollte er sie um alles in der Welt nicht entbehren, in ihr lebte und atmete er ja, er war durch sie in ein neu.es Dasein erhoben, wo seine Persönlichkeit all das Tiefste und Beste entfaltete, was er besaß.

Es schellte.

Er hörte die Waschfrau, die nebenan wohnte, über bett Gang humpeln, um zu öffnen.

Guten Tag, Du Ausbund von Fleiß!" tönte es im nächsten Augenblick mit gellender Fröhlichkeit zu ihm herein. Ja, ich laufe gleich wieder gieb mir nur auf zwei Mi­nuten eine Pfeife."

Ter Cand. Phil. Julins Rudolf, Lehrer der Geschichte und der Muttersprache an einer Lateinschule, ein kleiner, untersetzter Mann mit goldener Brille, rotem, kurz ge­schnittenem Haar und einem erbärmlich dünnen Kinn- und Schnurrbart, ivar ein entfernter Verwandter von Hans Böje. Nach einer vieljährigen Trennung hatten sie einander vor einiger Zeit auf der Straße getroffen, und indem sie die alten lustigen Erinnerungen aus der Kinderzeit auffrischten, waren sie sich wieder näher getreten. Böje, der um diese Zeit gerade nicht besonders aufgelegt war, und der auch nicht allzuviel Zeit hatte, um sich mit dem beredten Freund abzugeben, hätte ihn am liebsten dort gesehen, wo der Pfeffer wächst; aber der kleine Mann ließ sich nicht so leicht