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des Waldes ein bescheidenes Quartier beziehen bannt"' Und mit einem .-Gebe Gott Gesundheit und langes Leben!" schritt er freundlich grüßend von dannen.
„Ein netter Mann", murmelte der Twornik, während Kr der sich entfernenden Gestalt eine Weile nachsah und dann auf das Silberstück in seiner Hand blickte. „So ein Zwanzig-Kopekenstück kann Wunder bewirken — es versetzt -in die beste Laune. Und da soll noch jemand sagen: Am Gelbe klebt das Unglück!"
Ter Fremde blieb in einiger Entfernung unter einer Straßenlaterne stehen und zog, während er ein Liedchen pfiff, ein Taschenbuch hervor, um in ihm einige Notizen kinzutrageu. Später kehrte er langsam aus der anderen Seite der Lubjanka zurück, wo er plötzlich im Tunke! eines dem Popowschen Hause gegenüber liegenden Thorwegs verschwand.
Kon dem Wägen, der zur Soiree fuhr, war in der Lubjanka schon längst nichts mehr zu sehen. Wer in das Innere des schnell dahinrollenden Gefährts einen Blick hätte werfen können, würde Selffames bemerkt haben. Milica Popow streifte behend ihre kostbare seidene Gesellschaftsrobe und ihren Schmuck ab und saß da im schlichten Anzüge einer Bäuerin, und Ilja Popow legte ebenso schnell seinen eleganten Ueberzieher und Frack ab, um sich als simpler Bauer 8U enthüllen. Und jeder von ihnen fertigte aus den abgelegten Kleidungsstücken ein Bündel, das er zusammen- schnürte und in die Hand nahm.
Immer weiter eilte der Wagen, in der Richtung nach Petrowsky-Park, und als er an den hübschen Villen vorübergekommen war, die am Wege außerhalb der Stadt liegen, fuhr er an einsamer, menschenleerer Stelle außerordentlich langsam.
Tie Insassen sprangen mit ihren Bündeln hinaus.
„Vorsicht", flüsterte die Bäuerin dem Kutscher zu, ihm freundlich winkend.
Aber der Kutscher blieb stumm, nickte nur mit dem Kopf und trieb die Pferde wieder zu schneller Gangart an.
Bauer und Bäuerin traten schnell in das Tunkel der mächtigen Baumgruppen, welche die Vorläufer des Waldes bilden, wo sie bald verschwanden.
Hinter ihnen her huschten geräuschlos wie Schatten zwer Gestalten, von Baum zu Baum Deckung suchend und findend, während Mond und Sterne hinter schweren Regenwolken standen, und der Frühlingswind stürmisch zwischen den Stämmen und durch die Aeste fuhr, daß sie unheimlich ächzten mtb stöhnten. —
Der Morgen graute, als der Dwornik in der Lubjanka Wagengerafsel hörte, und sich den Schlaf aus den Augen rieb.
»Ja, es find die Herrschaften", rief die Frau. „Geh' und mach auf! Auch während der Nacht müssen sie noch K^aeßem und wenn wir zur Arbeit aufstehen, legen sie
Tie Glocke tönte, und er stürzte hinaus, um die Hauspforte zu öffnen.
_ Milica Popow rauschte in großer Gesellschaststvilette ins Haus, gefolgt von Ilja, der im Ueberzieher und Frack sich tadellos wie ein Gentleman ausnahm.
In die halb geöffnete Hand des tief sich beugenden Tworutk glitt ein Silberrubel, der mit einem unter- rhänrgen „Spassibo, Barina" quittiert wurde.
Höflich leuchtete er die Treppe hinauf. Dann fiel ihm em, den Kutscher nach der Adresse des Fuhrherrn zu fragen, aber als er zur Pforte zurückgekehrt war, und auf dre Straße hm aussah, war der Wagen eben fort- gesahren. 1
„Schade", dachte er. „Wer weiß, ob er später wieder- kommt. Wenn nicht, werde ich den Kutscher vor dem September nicht mehr sprechen."
Er schaute dem Wagen nach,
„Merkwürdig", murmelte er, „es sah gerade so aus, als ob sich hinten ein Mensch angehängt hätte."
In den Hausflur zurücktretend und den Silberrubel vorsichtig in die Tasche seiner Jacke bergend, begab er sich in seine Wohnung zurück, wo er wütend über die Herrschaften schimpfte, die ihn für lumpige zehn Kopeken um dre Nachtruhe gebracht hätten.
.. »Wa^-E zehn Kopeken?" eiferte die Frau. „Für die Muhe? Gott soll ihnen einen Strick drehen, an dem
sie hängen bleiben bis znm jüngsten Gericht. Gieb sie her, die zehn Kopeken!"
Er reichte der Frau einige Kupfermünzen und kroch fluchend ins Bett zurück, während er innerlich freudig bewegt war und mit Hilfe seiner Phantasie die geretteten neunzig Kopeken in ein stattliches Quantum Wodka verwandelte, das er ganz allein — ja, ganz allein trinken würde.
Gegen Mittag mußte der Twornik für die Herrschaften zwei einfache Lichatschi holen; er bedauerte, daß der schöne Wagen mit dem prächtigen Gespann imd bent noblen Kutscher nicht bestellt war, und sand die Popows äußerst knauserig.
In dem einen Lichatsch silhren Milica, in dem anderen die beiden Dienstmädchen samt zahlreichen Gepäckstücken hinaus nach Ljublino zur Tatsche.
Ilja Popow war noch in der Stadtwohnung zurückgeblieben, um zu ordnen und zu verschließen.
Arbeiter kamen, um das Elektrophon einzupacken und nach dem Welsklub zu bringen.
„Wohin mit dem Instrument?" fragte die Frau des Twornik.
„Tie Barischnja giebt in beit nächsten Tagen im großen Adelssaal ein Konzert!"
„Im Adelssaal?" rief sie erstaunt. Und verständnisinnig fügte sie hinzu: „Also darum in letzter Zeit das tolle Gedudel, daß die anderen Mieter im Hause fast rasend geworden sind und mit Kündigung gedroht haben. Aber im Welssaal — das ist 'was Großes!"
Eilig lief sie die Hintertreppen hinauf, um ine wichtige Neuigkeit schleunigst in Kurs zu setzen.
Während das Elektrophon die Treppe hinuntergeschafft wurde und lllja Popow besorgt die schwierige Arbeit überwachte, war einer der Leute in der Werkstatt des Erfinders zurückgeblieben. Mehr Interesse als am Ordnen und Zusammenpacken einiger abgeschraubter Teile des Instruments schien er an etwas Anderem zu haben, denn nachdem er einige Augenblicke gehorcht und sich vorsichtig nach allen Richtungen umgeschaut hatte, eilte er leise in das anstoßende Arbeitszimmer. Vor dem Bücherregal stehen bleibend, musterte er dessen Inhalt mit gespannter Aufmerksamkeit. Besondere Anziehungskraft mochten wohl die verbotenen Schriften auf ihn ausüben, denn er zog mehrere heraus, um sich ihre Titel zu notieren. Auch das Buch mit dem eingeschriebenen Namen fiel in seine Hand. Bei dem Lesen des Namens flog ein vergnügtes Lächeln über sein Gesicht und sorglich barg er den Band in seiner Tasche. Mehr hatte er wohl nicht gewollt, denn wenige Minuten später hockte er wieder im Nebenraum, wo er bemüht war, die übernommene Arbeit schnell zu erledigen. Was er getrieben, keiner von denen, die wieder hinaufkamen, ahnte es.
Nach Verschluß der Wohnung geleitete Ilja Popow den Transport znm Adelsklub, wo er im großen Saale das Instrument montierte, um alsdann Milica nach der Tatsche zu folgen. —
Spät am Nachmittage fuhr vor dem Hause in der Lubjanka ein aller, würdiger Herr vor und erkundigte sich beim Twornik nach Herrn Popow.
„Popows — die sind heute nach der Tatsche in Ljublino übergesiedelt!"
„Wohl ein weller Weg?" forschte der Herr, während er auf die Uhr sah.
„Heute werden Euer Hochwohlgeboren schwerlich vor Tnnkelheit noch hinkommen, denn die Chaussee ist bei dem feuchten Wetter nicht sonderlich günstig!"
„Schade!" rief der alte Herr und fuhr dankend davon.
„Ter hatte mit Herrn Popow eine merkwürdige Aehn- lichkeit", meinte der Twornik zu seiner Frau. „Fast dasselbe Gesicht, nur älter und vergrämter."
„Wird wohl ein Verwandter oder gar der Vater sein, der auch- zum Konzert kommen will", warf die Frau gleichmütig hin. Bewundernd fügte sie hinzu: „Nein, so wach wer hätte dsas gedacht — sie spielt im Adelsklub! Mr so berühmt habe ich sie nie gehalten. Kommt sie zurück, werde ich die Höflichkeit selbst sein, denn wer weiß- sie thut vielleicht noch etwas für unsere Olga." ---- —
(Fortsetzung folgt.)


