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„Es ist Seit, Toilette zu machen", sagte sie in völlia verändertem, sanftem Ton. „Mr dürfen heute nicht fehlen. Ter Wagen wird schon warten. Bitte, geh' und zaudere nicht länger."
Er gehorchte mit stummer Resignation, als ob er dem Willen dieser Frau widerstandslos unterworfen sei.
Wenige Minuten später bestiegen beide das vor der Thür harrende Koupee, um, wie der Portter seinem neugierigen Gehilfen erzählte, zu einer großen Soiree zu fahren, von der sie erst nach Mitternacht zurückkehren würden.
„Blaue Seide und weiße Spitzen", pries des Twornik Frau in tiefer Verwunderung. Und grollend fügte sie hinzu: „Ja, sie leben, und wir müssen arbeiten."
Sie sah mit ihrem Manne dem Wagen nach, der bald im Tnnkel des Abends verschwunden war. Während sie noch standen! und gafften, löste fick) von der Front des gegenüberliegenden Hauses eine Männergestalt los. Sie schlenderte behaglich über den Straßendamm, trat an den Twornik, heran und bat höflich um Feuer. Der Dwornik beeilte sich, den Wunsch zu erfüllen. Aber die Papyros war schwer in Brand zu setzen, denn der Wind löschte die Zündhölzchen wiederholt aus. Tu sich von einem armen Manne nicht verlangen läßt, ein halbes Dützens Streichs-, Hölzchen umsonst zu spenden, so drückte der Fremde dem Retter in der Rot ein Zwanzig-Kopekenstück in die Hand. Gegenüber solcher Freigebigkeit pflegt ein Twornik seinen Mund nicht verschlossen zu halten, und so gab er auf die harmlosen Fragen des Fremden mit einer gewissen Begeisterung alles zum Besten, was er über die Mieter be®1 Hauses und besonders über die Geschwister Popow wußte.
„Die Popows fahren wohl oft zu Soireen?" meinte der Fremde.
,/Jede Wioche mindestens einmal — meist an den Donnerstagen."
,Min schöner Wagen und brillante Pferde", rühmte der Fremde. „Ist das Gespann ihr Eigentum?"
„Nein, sie haben es für dyr Wend gemietet."
„Und fahren sie inrmer in demselben Wagen zu den Soireen?"
„Ja! Und mit demselben Kutscher! Mn feiner Kutscher, sage ich Ihnen, der von der Welt 'was gesehen hat. Eigent-, sich ist er für den Bock viel zu schöbe!"
„So", lächelte der Fremde, „wirklich so fein? Hat gewiß noch zartere Hände, wie die Leute, die er fährt, und spricht wahrscheinlich, so gewählt wie ein vornehmer Herr?" „Just so ist es!" beteuerte der Twornik. „Ich habe schon zu meiner Frau gesagt: „Der muß bessere Tage erlebt haben!"
,Mo hat er denn seinen Stall?"
Ter Dwornik kratzte sich hinter den Ohren. ,^a, das ist so eine eigentümliche Geschichte. Der Stall liegt ein paar Werst von hier, an der Malaja, und der Kutscher schimpft immer fürchterlich, daß er zu den Popows so weit fahren müsse, aber es ginge nicht anders, denn sein Herr S. mit den Popows bekannt, die früher in der Nähe der alaja gewohnt und schon damals den Wagen benutzt hätten. Nun sie nach der Lubjanka gezogen, wollten sie dem alten' Fnhrgeschäst nicht untteu werden."
„Weißt Du, wie das Fuhrgeschäft heißt? Wenn mau Mal ein schönes Gespann mieten will, laßt sich die Adresse gebrauchen!"
„Nein — den Namen hat er nie genannt, aber ich werde ihn fragen, vielleicht morgen schon, denn es könnte sein, daß die Herrschaften den Wagen auch zur Fahrt nach der Datsche benutzen. Sie wollen nänttich nach Ljublino, wo sie bis zum September bleiben werden. Wenn Sie hier vorbeikommen und bei mir anfragen wollen, stehe ich gern zur Verfügung !"
„Laß nur", sagte der Fremde, „ich komme hier selten vorbei, und schließlich giebt es schöne Gespanne auch bei anderen FuhrHerrentt' Seine Papyros war wieder ausgegangen, und er bat nochmals um Feuer. „Merkwürdig"/ fuhr er lachend fort, „ich habe auch eine kleine Datsche in Ljublino gemietet. Welche Nummer haben die Popows? Vielleicht werden wir noch Nachbarn?"
„Ich glaube Nr. 40!"
„Da liegt allerdings die meine weit ab", warf der Fremde mit leisem Bedauern hin, als misse er nicht gern die vornehme Nachbarschaft. „Ja, so reiche Leute können sich die feinsten und schönsten Datschen mieten, während unsereins schön ftwh sein muß, wenn er ganz am Ende
sich en Neigun gen Und Leidenschaften dem großen Ziel, das wir mit aller Kraft und Zähigkeit verfolgen, voransetzen? Sie haben immer den Mund so voll von Volksbeglückung und von der rastlosen, unablässigen Arbeit, die der Verwirklichung dieses Ideals gewidmet werden muß, Sie spielen sich auf als ein Held von antiker Größe, der zu jedem Opfer bereit ist, wenn es gilt, für die Wahrheit zu kämpfen, Sie ballen die Hände 3U Fäusten, und lassen Ihre Augen fürchterlich rollen, aber in Wirklichkeit sind Sie nur ein Schwächling, ein nach Liebe girrender Phantast, ein erbärmlicher Phrasenmacher ! Als Sie vor Jahren verfolgt wurden, ist Ihnen zu Ihrer persönlichen Sicherheit die Rolle meines verstorbenen Bruders Ilja übertragen worden, und nun lohnen Sie diese Fürsorge mit faden Eifersuchtsszenen und dem Hervorkehren von Interessen, die der Partei und der Idee, die sie vertritt, gleichgiltig sind. Bor den Augen der Welt sind Sie mein Bruder, unter uns aber nichts weiter als mein Gesinnungsgenosse, an den mich nur die Vernunft und das gemeinsame Ziel bindet. Liebe! Liebe kann ich Ihnen nicht geben, denn sie ist in meiner Brust erstorben, nachdem der, den ich geliebt habe seiner Ueberzeugung zum Opfer gefallen ist. Glinka Kalussoff und alle die anderen, Marionetten sind sie, « ldL"uc benutze, um die Fühler unserer Partei nach allen Richtungen und in alle Kreise auszustrecken! Wir haben Verbindungen nötig, um wie auf den Sprossen einer Letter höher zu klimmen, bis unser Ziel errreicht ist. Und Sie? Sie faseln von Liebe und geben siel) wie ein bartloser Jüngling, um von Zeit zu Zeit wie ein Othello
rasen. Pfui, schämen Sie sich und lernen Sie Energie von entern Weibe!"
totoieg und holte tief Atem. Ihre starre Un- erbittlichkeit hatte sich in flammenden Zorn umgewandelt, chs?. T’Vr Wtlitz nahm sich! aus wie das einer rache- Mhenden Meduse, deren furchtbare, wilde Schönheit Ver- Uichtting schleudert.
den Mick ihres Auges nicht aus, sondern senkte sein Haiwt wie ein Schuldiger. Er wollte aber seiner Brust enttang sich nur ein krampf- SSfiJ EWnM, und, während er sein Gesicht mit den Händen bedeckte, knickte er zusammen wie ein alter, kraftloser Mann.
,/Fassen Sie sich!" flüsterte sie, schnell zu ihm tretend Und ihn, an der Schulter rüttelnd. „Fassen Sie sich! Gerade jetzt dürfen Sie keine wetteren Szenen machen, denn Me wissen, daß in der Nacht Sitzung ist. Ermannen Die sich und suchen Sie Ihren Trost in meiner Versicherung, daß ich, sofern Sie vernünftig sein werden, unmer Ihre Schwester bleiben will."
Matt ließ er die Hände von seinem Gesicht fallen, aus hem hie Verzweiflung starrte.
-Ae haben ein Herz von Stein, aber daß es! weich Me Wachs werde, und in demselben Maße nach. Liebe Mett, wie ich, wünsche ich Ihnen aus tieffter Seele", keuchte er, haßerfüllt zu ihr emporschauend. „Ich wäre ein, anderer, besserer Mensch geworden, wenn mich ein wenig Liebe erwärmt hätte, aber in der Atmosphäre von KT rn welche ich! versetzt wurde, ist alles Gute in mir ttstorben. Wo die Sonne fehlt, kann nichts gedeihen und Mucht bringen — sein Los ist Untergang!"
Er woltte noch etwas hinzufügen, aber sie fiel ihm iN die Rede. „Moralisieren Sie nicht toeiter", spottete sie Wt schneidender Kälte, „ich Hube Wichtigeres zu thun, 'M Monologe anzuhören, die stets dieselben sind."
Unwillig wandte sie sich. ab. Schnell verließ sie das Zimmer, während ei* noch immer düster vor sich hinstarrte, eine Beute der wildesten Gedanken.
Nach einer Weile kehrte sie zurück Ihr Aeußeres war erheblich verändert, denn statt des! einfachen Hauskleides trug sie eine glänzende Gesellschaftstoilette. Tiefblaue Seide umwogte faltenreich ihre junonische Gestalt, und der schöne Kopf mit dem goldigen Haar ' hob sich Ünt allen seinen Fetnhetten aus einem duftigen Spitzenkragen hervor, der in Mediei-Art von den Schultern Nach oben ^richtet war. Wer sie sch, mußte gestehen, daß in ihrer Erscheinung etwas Siegreiches! lag, dem Stand zu halten schon den Gleichmut "eines' Stoikers
Ilja Popow schloß die Augen, als ob er den Anblick Nicht zu ertragen vermöge.


