Ausgabe 
22.12.1902
 
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Montag den 22. Dezember.

1902. Nr. 190.

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(Nachdruck verboten.)

Kinder des Ostens.

Original-Roman von Georg Buß.

(Fortsetzung.)

Draußen blieb Glinka einige Augenblicke sinnend stehen. Es war, als ob er nach einem festen Entschluß rang, von dem viel für ihn abhange. Dann schien er mit sich einig zu sein.

Rach Hause!" rief er dem Kutscher zu, während er in den Wagen sprang. Langsam ging die Fahrt durch! die Lubjanka, aber Glinka vermied eS, zu den Fenstern der Popow'scheu Wohnung hinaufzusehen.

Schischkin urteilt richtig", gestand er sich,die Lei­denschaft wächst mir über den Kops. Die ganze Gesellschaft besitzt, wenn ich es recht bedenke, verzweifelte Aehnlich- keit mit den Bohemiens. Eine Frau, die bald mit diesem, bald mit jenem kokettiert, hat kein Herz, und verfolgt in der Regel Ziele, die mit der Liebe nichts zu thnn haben. Daß ich gegen Kalussoff ausgespielt werde niib dieser gegen mich, ist so klar wie die Sonne. Am Besten ist es, mich zurückzuziehen. Dem Konzert werde ich unter irgend einem glaubhaften Vorwande fernbleiben, und den Ver­trieb der Billets Kalussoff allein überlassen."

Milica Popow wartete auf Glinka vergebens. Zwar hatte er bestimmt versichert, mit ihr noch Rücksprache wegen des Konzerts zn nehmen, aber statt seiner traf ein kleines Billct mit einigen Worten der Entschuldigung ein. Ihre Miene erheiterte sich, erst, als am Abend Dimitrh Kalussoff zu einer Art Generalprobe erschien.

Sie mußte ihm sämtliche Musikpiecen Vorspielen, die sie in ihr Konzertprogrymm aufgenommen hatte.

Ausgezeichnet!" rief wiederholt ihr Impresario, wie sie ihn jetzt scherzhaft nannte. ,,©ie entwickeln eine Finger­fertigkeit, besitzen einen Anschlag, und äußern ein Em­pfinden, daß Ihnen der höchste Beifall nicht fehlen kann. Das würde Rubinstein nickt besser spielen!"

Sie strahlte vor Vergnügen über dieses Lob, obwohl sie sich nicht verhehlte, daß ihr Impresario ein großer Schmeichler sei.

Weniger einverstanden ioar sie mit einigen kleinen Freiheiten, die sich Kalussoff erlaubte. Schon wiederholt hatte er beim Umwenden der Notenblätter sich so tief herabgebeugt, daß seine Wange in bedenkliche Nähe der ihrigen geriet, und einmal, als sich Ilja Popow gerade wegwandte, hatte er sogar den abscheulichen Versuch gewagt, ihr Haar zu küssen.Der genialen Künstlerin", hatte er dabei entschuldigend geflüstert, wahrend er zu lächelnd versuchte, aber die Leidenschaft, die in seinem Sintern tobte, nicht zu verbergen vermochte.

Bitte, verehrter Dimitrh Akimowitsch,", hatte sie ihn leise verwiesen,wollen Sie in Zukunft solche allzu weit­

gehenden Aeußerungen Ihrer Kunstbegeisterung liebev unterlassen."

Dimitrh Kalussoff entfernte sich-, und sie war mit dem Bruder wieder aflein.

Es herrschte eine gedrückte Stimmung. Man vermied so weit als möglich, eine Unterhaltung zu führen, weil jeder eine zornige Entladung fürchtete.

In der Wohnung ist heute große Unordnung", warf er ärgerliche hin,so daß kein rechtes Behagen auf­kommen kann."

Tu weißt, wir siedeln morgen nach der Tatsche über", entgegnete sie ruhig.

Ja, Tatsche", grollte er,sie ist so gut gewählt,, daß Glinka von der feinigen zu der unsrigen kaum fünfzig Schritte zu gehen hat."

Er war aufgesprungen, und schritt im Salon hin und her. In seinem Wesen drückte sich die höchste Er­regung aus. Plötzlich blieb er stehen.Tu solltest endlich ein Ende machen", rief er mit herrischer Stimme, ich ertrage das nicht länger!"

Ich weiß nicht, was Sie wünschen", kam es kalt und hart über ihre Lippen.Sie werden mich doch in meiner Freiheit nicht beschränken ivollen? Haben Sie vielleicht ein Recht dazu?"

Und wenn ich zehnmal kein Recht habe", entgegnete, er mit einer Stimme, die vor Leideilschaft zitterte,so befehle ich Ihnen doch Namens der Menschlichkeit, Ihr grausames Spiel einzustellen. Tie Folter ist längst ab- geschafft, aber Sie foltern unaufhörlich weiter und sprechen allem menschlichen Gefühl Hohn, indem Sie mir Tag. für Tag glühende Qualen bereiten. Ja, ich liebe Sie mit allen Fasern meines Seins, mit der ganzen Kraft eines Mannes, mit allen meinen Gedanken, aber Sie haben nichts als Spott und Abweisung für mich, der ich Ihnen Jahre lang diene und Ihre Launen ertrage. Unterlassen Sie wenigstens dieses Aufstacheln meiner Eifersucht, die höllisches Feuer wird, wenn ich sehe, wie Sie mit anderen kokettieren und sympathisieren. Können Sie denn gar nicht begreifen, daß es mir ent­setzlich wehe thun muß, wenn Sie so unbedeutenden Leuten wie Glinka und Kalussoff mir gegenüber, der ich ein Er­finder von Ruf bin, und meinen Ruhm unablässig mehre, den Vorzug geben?"

Erschöpft hatte er sich in einen Sessel geworfen, mit sprühenden Augen nach ihr hinblickend, während aus seinem Gesicht jeder Blutstropfen gewichen war.

Sie hielt noch immer das Buch in Händen, als ob! sie von dem Inhalt gefesselt sei. Erst nachdem er sich ausgetobt hatte, hielt sie es an der Zeit, ihm energisch rntgegenzutreten.

Sie sind ein Thor", sprach sie leise auf ihn ein, der nicht wert ist, daß, er unserer Partei angehört. Also das ist Ihr wahres Wesen, daß Sie Ihre versön-