695
Fürst Friedrich Wilhelm von Hanau, Sohn des letzten Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Hessen-Kassel, geb. 1842, heiratete gegen den Willen des Kurfürsten in London Auguste Mrnbaum, Schauspielerin am Hoftheater in Kassel, wo auch ihr Vater, der bekannte Komiker und Regisseur Birnbaum engagiert war. Ueber diese Ehe sind so viele irrige Mitteilungen in die Oeffentlichkeit gekommen, daß eine wahrheitsgetreue Darstellung dieser interessanten Affaire willkommen sein dürste. Wir geben diese authentische Darstellung des Sachverhaltes nach den Aufzeichnungen Birnbaums, die seine Gönnerin Amalie Stubenrauch übernommen, ebenso nach den ergänzenden Mitteilungen, die Birnbaum, der sonst gegen Fremde nicht sehr mitteilsam war, der Künstlerin machte. Birnbaum hatte nicht die geringste Ahnung, daß Fürst Friedrich von Hanau, Sohn des Kurfürsten von Kassel, seiner Tochter Gunstbezeugungen erweise, da der Fürst hinter seinem Rücken mit Auguste Birnbaunr bei einer Freundin derselben zusammen kam. Eines Tages wurde Mrnbaum ins Schloß zum Kurfürsten befohlen. Dort empfing ihn der Landesvater mit den Worten: „Mrnbaum, er Canaille
Tochter lasse festnehmen — einsperren, mein Sohn Filou. Auch einsperren, verstanden?"
Birnbaum, welcher, wie erwähnt, keine Ahnung von der Liebelei seines Kindes mit dem Fürsten von Hanau hatte, antwortete ruhig auf die Frage, ob er die Rede des Kurfürsten verstanden, mit: Nein! Ten Kurfürst, eme aufbrausende Natur, machte zuerst die Antwort stutzig, stürzte er, die Hand zum Schlage ausholend, mit den Worten auf Mrnbaum los: „Hündischer Komödiant!" In diesem Augenblick trat zum Glück der Adjutant mit einer Meldung ein. Als er den Kurfürsten mit erhobener Hand, zum Schlage gegen Mrnbaum ausholend, sah, stürzte er zwischen diesen und Mrnbaum, der, keuchend vor innerer Erregung, mit funkelnden Angen dastand, und wie der Adjutant erzählt, hätte der Schauspieler nach seiner Meinung, wenn er einen Schlag vom Kurfürsten empfangen, sich energisch zur Wehr gesetzt. Es entstand eine peinliche Pause, dann deutete der Kurfürst mit einer energischen Bewegung nach der Thür. Mrnbaum entfernte sich ohne Gruß, aufrecht gehend, und der Kurfürst schleu- ^rte ihm wieder die Worte „Hund und Kanaille" nach. Die Fürstin von Hanau hatte von dem Auftritt gehört und ersuchte den Adjutanten, Mrnbaum nachzueilen und demselben das Wort abzunehmen, niemand von deni Vorfall zn erzählen. Birnbaum weigerte sich, das Wort zu geben, sprach aber außer später mit Fräulein Stubenrauch, mit niemand über den Vorfall, sondern eilte nach Hause und stellte seine Tochter zur Rede. Was er in dieser Unterredung mit seiner Tochter erfuhr, war derart, daß er sofort den Prinzen Friedrich in dessen Palais aufsnchte, und was er von diesem forderte, war nichts mehr und Nichts weniger, als seinem Kinde die Ehre wiederzugeben die er unter dem heiligsten Versprechen der Ehe
geraubt. Prinz Friedrich, erst verwirrt, sammelte sich bald und schivor, daß er Auguste liebe, und versprach Mrnbaum, .das Wort, das er seiner Tochter gegeben, unter ollen Umstanden zu halten. Nur gab er ihm zu bedenken, daß sem Vater, nachdem er von dem Verhältnis mit Auguste erfahren, den ersteren erst recht beaufsichtigen werde niid daß an eine Verheiratung unter diesen Umständen nicht Frr „ "km sei. „Dann", erklärte Birnbaum kurz ent- schlossen, „haben Sie zwei Menschenleben auf dem Ge- wrssen, denn wenn vorher die Schande ruchbar wird, in die Sie meine Tochter gestürzt und Sie nicht zu dem Kind Vater sein wollen, töte ich meine Tochter und mich selbst ?.°rL -^hrer Thur, und ich halte mein Wort, darauf können sich Hoheit verlassen!" Ter Prinz berilhigte Birnbaum
bat ihn, jedes Aufsehen zu vermeiden. Er werde •T F5«»1 rt,atttetn',unb mit Auguste aus Kassel fliehen, sofort gegen die Verfolgungen seines Vaters sicher stellen. Am selben Nachmittag noch erhielt Birnbaum durch einen Vertrauten die Mitteilung, daß der Prinz entschlossen sei, mit Auguste nach England zil ent- fliehen, uni sich „ dort mit ihr trauen zu lassen. Ter Kurfürst aber ließ seinen Sohn streng beaufsichtigen, iind es gelang diesem nur durch eine List, in derselben Nacht E bossel mit Auguste Birnbaum zu entfliehen. Als am nächsten Tage die Flucht des Prinzen Friedrich dem Kurfürsten bekannt wurde, ließ er das Paar durch Militär irnd Gendarmerie verfolgen, Birnbaum verhaften, ins
Schloß bringen und ihn dort festhalten. Mindestens zehnmal während des Tages stellte sich der Kurfürst vor Mrnbaum, den er zu diesem Zweck in seinem Gefängnisse aufsuchte, und schrie ihn an: „Hündischer Komödiant! Ah Kanaille! Soll mir büßen!" Auf das Flehen der Fürstin von Hanau, sowie der Umgebung des Kurfürsten wurde der arme Schauspieler endlich freigelasseu, erhielt jedoch den Befehl, mit seiner Familie innerhalb zwölf Stunden das Land des Kurfürsten zu verlassen. Mobiliar, ja selbst die Kleider und Wäsche Birnbaums ließ der Kurfürst zurückbehalten. Diesen Gewaltakt begründete der Kurfürst damit, daß Mrnbaum dem Fürsten von Hanau Geld und Geldeswert zu seiner Flucht gegeben. Damit die Flüchtigen weiter keine Unterstützung erlangen, behält der Landesvater Birnbaums Eigentum zurück. Es blieb unaufgeklärt, wie der Kurfürst die Mitteilung erhalten, daß Birnbaum, da er wußte, daß der Fürst bei seiner Flucht nicht über viel Geld zu gebieten habe, ihm nicht nur sein erspartes Geld, sondern alles gab, was er im Notfall zu Geld machen konnte. So stand Mrnbaum, als er die Ausweisung erhielt, mittellos da. Einige Kollegeii erbarmten sich seiner, und streckten ihm heimlich so viel vor, um mit seiner Familie nach Wiesbaden reiwn zu können. Er glaubte in Wiesbaden ein Unterkommen zu erhalten, oder wenigstens dort so lange verweilen zu können, bis er ein anderes Engagement gefunden; allein auf Betreiben des Kurfürsten von Hessen wies ihn die nassauische Regierung als „mittel- und engagementslosen Komödianten" aus. — Birnbaum wandte sich mit seiner Familie nach Prag. Auch hier folgte ihm die Rache des Kurfürsten, denn nach sechstägigem Aufenthalt wies ihn auf Betreiben aus Kassel die k. k. Statthalterei in Prag wegen „Mittel- und Erwerbslosigkeit" aus dem Kronlande Böhmen aus. Ein gleiches Geschick widerfuhr dem schwergeprüften Manne in Wien, wohin er sich mit Hilfe der Schauspieler, die für ihn in Prag Geld sammelten, wandte. In seiner Not erinnerte er sich einer früheren Kollegin — Fräulein Amalie Stubenrauch. Er wußte, daß sie beim König von Württemberg viel galt. Ter alten Freundin und Kollegin klagte er brieflich sein Leid und er hoffte durch eine Empfehlung der danials allmächtigen Stubenrauch in Stuttgart eine Unterkunft zu erreichen. Amalie Stubenrauch war eine große Künstlerin und ein miG- chütiges, warmfühlendes Geschöpf. Sie nahm sich BM.- baums an, vermittelte nicht nur das Engagement, sondern gab ihm auch das nötige Geld, um sich in der schwäbischen Residenz häuslich einrichten zu können. Statt sich jedoch einzurichteu, nahm Mrnbaum das Geld und sandte es dem Fürsten Friedrich, welcher inzwischen Auguste Birnbaum in England geehelicht hatte, damit es dem jungen Paare ja» an nichts fehle, — indes der alte Mann mit seiner Familie in der vollsten Bedeutung des Wortes darbte. Ter Kurfürst veranlaßte die englische Regierung, dem jungen Paare Schwierigkeiten betreffs des Aufenthaltes in den Weg zu legen. Es flüchtete nach der Schweiz. Birnbaum machte Schulden und sandte dem Fürsten das Geld zum Lebensunterhalt nach der Schweiz. Inzwischen war der Kurfürst von Kassel nicht unthätig; er wandte sich nach der Schweiz, und verlangte die Ausweisung seines Sohnes. Ter Bundesrat lehnte das Ansinnen ab. Nachdem dieses Manöver fehl schlug, sandte er einen Vertrauten an seinen Sohn und brachte es bei dem charakterschwachen Fürsten von Hanau dahin, daß er seine bürgerliche Frau, welche kurz vorher vorzeitig geboren, unb krank lag, in einem Hotel in Solothurn zurückließ, und heimlich nach Kassel dampfte. Ein Telegramm der Tochter setzte den alten Birnbaum von dem schmählichen Verrat ihres und er sandte seiner Tochter Geld. Diese kehrte krank Mannes in Kenntnis. Wieder half die Stubenrauch aus, und gebrochen ins Vaterhaus nach Stuttgart zurück. Herr von Gall, der damalige Intendant des Königlichen Hof- theaters in Stuttgart, übernahm widerwillig, aber ans Betreiben von höherer Seite die Mission, Auguste, Fürstin von Hanau, sowie Vater Birnbaum zu bewegen, gegen eine Abfindungssumme den Fürsten frei zu geben. — Natürlich lehnten Vater und Tochter indigniert diese Zumutung ab. Tie Briefe, die Auguste an ihren Mann, den Fürsten Friedrich von Hanau, schrieb, blieben bis auf einen unbeantwortet. Nur ein Schreiben erhielt Auguste von ihrem Manne. Es bestand in wenigen, offenbar diktierten Zeilen. Ter Brief lautete: „Ich kam zur Erkenntnis, daß ich


