Ausgabe 
22.11.1902
 
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Tie Ditscher ergriffen Partei für ihre Fahrgäste und warfen tich wütende Blicke zu.

Müller aber überlegte dazwischen:

Auf diese Weise könnte ich sie noch zehn Jahre ver­folgen, ohne dabei vorwärts zu kommen. Tie fährt sicher nicht sobald in ihr Versteck. Einerseits setze ich darauf keine Hoffnung mehr, andererseits lause ich, Gefahr, sie zu ver­lieren, sobald die Nacht anbricht. Tas Klügste ist, sie jetzt anzuhalten. Tas Weitere werden wir ja dann sehen."

Ich habe es jetzt satt und Sie wohl auch", rief er seinen» Kutscher zu.Wir müssen den Wagen einholen. Werden Sie das können?"

Ich denke wohl. Sein Gaul ist ja schon halb tot und meiner ist ncich so frisch, als ob er gerade aus dem Stall gekommen wäre."

Na, denn man zu! Wem: Sie ihn kapern, wird das Präsidium schon Geld springen lassen."

Schön, Herr Inspektor, rechnen Sie auf mich. Ich will auch auf Sie zählen, wenn's mir einmal schlecht geht."

Er holte den andern Wagen nicht nur ein, sondern fuhr ihm sogar ein Stück vor. Tann drängte er, hoch­erfreut über die Protektion eines Kriminalinspektors und besonders glücklich, seinem Kollegen, der ihm eine unan­genehme Konkurrenz war, einen Streich spielen zu können, den Wagen derart gegen das Trottoir, daß es dem letzteren unmöglich wurde, weiterzufahren.

Während die beiden Kutscher, die endlich nebeneinander standen, gegenseitig auf sich losschimpften und sich mit den Peitschen bedrohten, sprang Müller rasch heraus, riß den Wagenschlag der anderen Troschke auf, packte die Farkas beim Arm und zwang sie, auszusteigen.

Sie leistete keinen Widerstand. Sie hatte ihn erkannt: es war Müller der einzige Mensch, den sie fürchtete vor dem sie erzitterte.

Er benutzte ihre Aufregung, sie von der einen in die andere Troschke zu schassen, ohne einen Lärm zu provozieren, ohne die Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen, und schrie dann, als er einmal neben ihr saß, zum Wagenschlag heraus:

Alexanderplatz Polizeipräsidium!"

Tas habe ich mir gleich gedacht, Herr Inspektor", bemerkte der Kutscher lachend.

Juliens Kutscher aber lachte nicht. Sein Pferd zitterte noch an allen vier Beinen, und seine Insassin fuhr ab, ohne ihm die versprochenen zwanzig Mark gegeben zu haben.

75. Kapitel.

Im Wagen, der jetzt etwas regelmäßiger dahinrollte, bewahrte Julie ein finsteres Schweigen. Ihre Ahnungen und Befürchtungen waren eingetrosfen sie war verloren!

Manchmal durchzuckte ihren Geist ein minder trauriger Gedanke, der Gedanke, daß Paul Querzewski ihr Paul noch frei war. Sie hoffte es wenigstens..

Er war noch frei, um sich zu retten, um in der Fremde leben zu können. Doch fern war er ihr, getrennt von ihr für die Ewigkeit! Sie sind getreirnt für immer. Sie wußte, was ihrer harrte Gefangenschaft, Kerker auf Lebenszeit das Zuchthaus zur Grabstätte.

Es schien so, als hätte Müller ihre Gedanken erraten, als achtete er ihr Unglück. Auch er schwieg, vermied sogar, sie anzusehen, und dies Stillschweigen schreckte Julie nur noch viel mehr. Ta er nicht versuchte, sie zum Reden zu bringen, so schwieg er nur deshalb, weil er nichts mehr zu wissen brauchte, weil er vollkommen unterrichtet war über sie und auch über Querzeivski, dessen Unterschlupf er vielleicht schon entdeckt hatte. Er ist ja so riesig geschickt.

Taher war sie die erste, die das Stillschweigen unter­brach, um nicht mehr gezwungen zu sein, nachzudenken, in der Erwartung, vielleicht etwas über ihren Geliebten zu erfahren:

Warum habe»» Sie mich verhaftet? Was , hab' ich denn verbrochen?" fragte sie mit abgerissener Stimme.

Ohne seine Stellung zu verändern, antwortete der er­fahrene Kriminalbeamte aus seinem Wagenwinkel mit größter Ruhe:

Ich hatte bei Dir mehr Verstand vorausgesetzt, als daß Tu mir eine solche Frage stellen würdest. Tu weißt ganz genau, wessen man Tich beschuldigt. Bei mir kommst Tu an den Unrechten, die Unschuldige zu spielen."

Wenn man mich also eines Verbrechens anklagt, wes­halb dann diese ganze lange Hetzjagd hinter meinem Wagen

her? Ta wär es doch viel einfacher, mich sofort abzufasseü und Mich sofort zu verhaften."

Ich weiß, wo Tu hinaus willst. Na, ich will einmal >en guten Kerl spielen. Ich will Dir offen antworten, um Tir Deine Angst und Sorge zu nehmen. Ich hatte gehofft, daß Tu den Querzeivski aufsuchen würdest. Doch davor hast Tu Tich wohl gehütet. Deshalb habe ich dann mit dem geendet, womit ich sonst gleich hätte beginnen sollen."

Sie glauben also, Querzeivski wäre in Berlin?"

Noch immer? Tu willst also den Scherz immer noch weitertreiben?--Ja, er ist in Berlin, ich bin dessen

ö gewiß, wie ich die Gewißheit habe, daß er der Mörder >er Frau von Sanden ist und $n diejenige bist, die ihm! dabet geholfen hat."

Haben Sie diese ganze Geschichte erfunden?"

Vielleicht. Jedenfalls ist diese Erfindung nicht schlecht. Und deshalb habe ich mir schon einen Haftbefehl mit dem Visum der Behörden mitgeben lassen."

Ah, Sie haben den Querzewski noch nicht?"

Tas wird nicht mehr gar so lange dauern. Ich habe soeben das Mittel gefunden, ihn zu fangen."

Tas sagen Sie nur, um mir einen Schreck einzujagen/< Wenn Tu das glauben willst--"

Plötzlich blitzte in Julien eine Erinnerung auf. Ihr Blick begann zu funkeln, und Müllers Arm leise berührend, sprach sie zu ihm:

Sie wissen, daß ich mich rächen werde!"

Ach was?" machte er, ohne nur einen Blick auf ji<5 zu werfen.An we,n denn? An mir vielleicht?"

Nein, Sie thun Ihren Tienst. Air der Gräfin Dovou- koff werde ich mich rächen. Das war Verrat! Sie hatte mir versprochen--" .

Dich ruhig Weggehen, Dich Weeder zu Deinen kleinen Handstreichen zurückgehen zu lassen. Nicht wahr? Und Tu hast es geglaubt? Das war verdammt naiv von Denier Seite."

Sie eben wissen nicht, daß ich diese Frau in meinen Händen halte. Sie hat einen Geliebten, den sie in ihrem Atelier empfängt. Ah, sie versteht sich gut darauf, die be­rühmte, gefeierte Gräfin! Ich werde von ihrer Liebesglut erzählen, überall und aller Welt." ,

Na, überall und alle Welt dürfte doch etwas zu viel behauptet sein, mein Kindchen. Tu denkst wohl, Tu bist noch frei? Tu wirst Deine Geschichten wohl mir den Mauern Deiner kleinen Zelle erzählen können."

Und dem Gerichtshof."

Wenn Tich der Präsident überhaupt reden und nicht durch den Posten abführen läßt."

O, man wird mich trotzdem hören." ,

Möglich! Aber glaubst Tu denn wirklich, daß eure so hochstehende Frau, eine so große Dame wie die Gräfin von Deinen Verleumdungen getroffen werden kann? Und noch dazu von einem solchen Geschöpf, Ivie Tu bist! An Deiner Stelle, mein Kind, würde ich, anstatt zu drohen, eine etwas demütigere Haltung annehmen. Anstatt die wilde Frau zu spielen, würde ich ganz einfach meine Mitschuld am Morde vor dem Untersuchungsrichter eingestehen. Ich aber wurde Tir raten, zu sagen, daß Tu unter dem Einflüsse Paul Querzewskis gestanden haft, daß Tu seit Deiner Jugend und Kindheit unter seiner vollkommenen Herrschaft standest. Tas ist ein Freundesrat, den ich Tir da gebe. Glaube mir, Tu hast in diesem Falle kein anderes Mittel, Dich aus der Schmiere zu ziehen. Im anderen Falle kannst Tu Deiner Sache sicher sein: Zuchthaus auf Lebenszeit. Und das ist hart für Dein Sitter. So, da sind wir jetzt angekommen. Tu kennst ja dies Haus. Wir werden zuerst in die Perma- nenz?-Bureaus eintreten, eine reine Formsache. Tann werde ich Tich ins Depot führen, wo ich Dir eine niedliche, kleine Zelle werde anweisen lassen. Tort kannst Tu dann darüber nachdenken, so viel Tu Lust hast."

(Fortsetzung folgt.)

Die Ehe des Fürsten Friedrich Wilhelm von Hanau mit Auguste Birnbaum.

In der letzten Nummer der ZeitschriftBühne und Welt" bespricht Adolf Oppenheim die Ehe der unglück­lichen Schauspielerin Auguste Birnbaum mit dem Sohne des letzten Kurfürsten von Hessen. Da diese Mitteilungen auch ein politisches und kulturhistorisches Jntereste haben, wollen wir die Ausführungen Oppenheims hierhersetzenr