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1902. — Nr. 174.
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(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-
(Fortsetzung.)
AuS bloßer Neugier, aus Originalität, um das lange Stillschweigen zu unterbrechen, das über dem Raume lagerte, wollte sie sie zum Reden zwingen:
„Wann endlich wirst Tu aufhören, mich zu betrachten?" fragte sie. „Was sinnst Tu gegen mich? Du verzehrst mich förmlich mit den Augen."
„Weil ich Sie ebenso schön von Antlitz wie von Körper linde", antwortete Julie in ungezwungenem Tone. „Und oas will nicht wenig sagen; denn Sie sind wundervoll gebaut! Welche Büste! — Welche Plastik in diesem ganzen Körper!"
„Tu sagst mir Schmeicheleien und hoffst dadurch, daß ich Dich früher ziehen lasse."
„Ich schmeichle Ihnen nicht. Ich sage nur, was ist und was ich allen wiederholen würde, wenn Sie mich, statt Ihr Versprechen zu halten, verhaften ließen."
„Ich denke nicht daran. Aber was wolltest Tu denn sagen?" fuhr sie fort. „Daß ich schön bin? Das errät die ganze Welt."
„Würde es Ihnen recht sein, wenn die ganze Welt jedes Detail Ihrer Schönheit erfahren würde?"
Julie fühlte sich noch immer nicht frei von aller Angst und drohte immer noch.
Tie Gräfin hörte an der Eingangsthür pochen und öffnete schleunigst.
Ihr vertrauter Kammerdiener trat ein.
„Josef", redete sie ihn sofort an, indem sie auf Julie wies, „ich habe dies Mädchen in meinem Atelier versteckt gefunden. Sie ist, glaube ich, nur der Neugierde schuldig. Es genügt mir, sie zu entlassen. — Ueberzeuge Dich aber, vb sie hier oder sonst im Palais nichts gestohlen hat. — Du wirst ihr Zimmer untersuchen und sie dann entlassen, wenn Tu ihr den Lohn ausgezahlt hast."
Nach diesen Befehlen verließ sie das Atelier und ließ Julie Farkas etwas beruhigter zurück. Somit war Georg Rakenius die nötige Zeit gelassen worden, Müller aufzusuchen und ihn von der Sachlage zu unterrichten.
74. Kapitel.
Georg, wie er es gehofft hatte, traf Müller auf dem Polizeibureau des Nollendorfplatzes, wo er gewissermaßen sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte und von wo aus er die Nachforschungen durch zwei Schutzleute, die ihm zur Verfügung gestellt wurden, leitete.
„Ich wußt' es doch, daß sie hier irgendwo stecken mußte", rief Müller. „Aber das hatte ich mir doch nicht gedacht, daß sie gerade im Palais Toroukoff, dem früheren Palais Tschi- -gorin, Zuflucht suchen würde. Welcher Zufall! Ta steckt
entschieden etwas dahinter. Ich werde darüber noch nachdenken. Aber zuerst zu dem Wichtigsten. — Welche gute. Idee das von Ihnen gewesen, ihr die Möglichkeit zu lassen, zu entwischen! Sie wird sofort Querzewski aufsuchen, und dann haben wir gleich zwei Fliegen mit einem Schlage. Ich hoffe es wenigstens. Tenn bei diesen Schurken darf man niemals auf etwas Bestimmtes rechnen."
Sofort begab er sich allein, ohne Begleitung, nach dem Palais Toroukoff und stellte sich unter das Portal eines gegenüberliegenden Herrschaftshauses. Für alle Fälle hatte er draußen einen Wagen warten lassen.
Nach Verlauf einer halben Stunde trat Julie aus! einer der Gesindethüren. Um mehr Aktionsfreiheit zu haben, hatte sie ihren Koffer mit dem Bemerken, sie würde ihn s lh später holen, zurückgelassen. Sie ging quer über die Straße und warf lange Blicke nach allen Richtungen. Wen» ihr auch nichts verdächtig erschien, so hielt sie es doch für geratener, zuerst eine Fahrt durch Berlin zurückzulegen, ehe sie ihren Schlupfwinkel aufsuchte, und hielt deshalb eine eben leer vorüberfahrcnde Droschke an.
Müller ließ erst einige Sekunden verstreichen und sprang dann selbst in seinen Wagen, dem er den Auftrag gab, dem ersten in einer gewissen Entfernung zu folgen. Er konnce es nicht anders einrichten, auf die Gefahr hin, Julie entwischen zu lassen.
Tiefe aber bemerkte bald, daß eine andere Droschke denselben Weg verfolgte wie sie. Sollte das bloßer Zufall sein? Um sich darüber zu vergewissern, gab sie ihrem Kutscher rasch eine neue Adresse an, die diesen zwang, seinen eben zurückgelegten Weg wieder zuruckzufahren.
Ter Kutscher wendete sich auf der Stelle, der zweite machte es ihm nach.
Julie wußte genug. Nun versuchte sie es bei ihrem Kutscher mit Bestechung. Auf dem Vordersitz knieend, das Wagenfenster herunterlassend, bat sie ihn, umzukehren, und sagte:
„Ich bin von meinem eifersüchtigen Gatien verfolgt, den ich fürchte. Fahren Sie mich, so schnell Sie können, ich beschwöre Sie. Ta haben Sie indes fünf Mark, zwanzig erhalten Sie, wenn ich ihm entkomme."
Verlockt von dem versprochenen Gewinn, hieb er tüchtig auf sein Pferd ein.
Aber Müller hatte auch sein Bestechungsmittel: er gab sich ihm als Kriminalbeamter zu erkennen, erklärte ihm, daß er einen wichtigen Fang verfolge, und versprach dem Kutscher seine Protektion, wenn er durch ihn gute Jagd machte.
Und nun begann eine wilde Wettfahrt durch ganz Berlin — eilt Wagenrennen, dem im Hippodrom laut zugejubelt worden wäre. Während mehr als einer Stunde verfolgten sich also die beiden Droschken, immer dieselbe Distanz beibehaltend, indem sie die langen Straßen durchrasten, sich' in alle möglichen Winkelgassen warfen, oft kurz auf demselben Fleck umkehrten und sich dieselben Hindernisse setzten.


