Ausgabe 
22.10.1902
 
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gewesene Mimin alinspektor gelassen, seinen letzten Spargel angelegentlich betrachtend, ehe er ihn verschluckte.

Ich kann Ihnen, von dem jetzigen Augenblick an ge­rechnet, zweihundert Mark pro Tag garantieren", fuhr Sanftleben weiter fort,und außerdem dreitausend Mark, wenn es Ihnen mißlingt, und zehntausend Mark, wenn Sie den Schuldigen ausliefern, natürlich ohne alle Neben­auslagen, die Ihnen separat vergütet werden. Was sagen Sie dazu?"

Ganz einfach, daß ich bedauere, es nicht annehmen zu können", entgegnete Müller mit vollkommenster Ruhe.

Was? Das Angebot erscheint Ihnen nicht verlockend?" Früher hätte es Mich vielleicht locken können; heute nicht mehr."

Ach, gehen Sie! Ist das Ihr Ernst?"

Ob das mein Ernst ist? Ich habe soeben mit zwei­hundert Kugelwürfen zweihundert Goldstücke gewonnen, das Goldstück zu fünf Francs gerechnet, macht tausend Francs. Meine Morgensitzung hat mir auch schon dieselbe Summe eingebracht. In Summa zweitausend Francs, ohne das zu rechnen, was ich noch heute abend gewinnen werde. Weshalb sollte ich denn Ihre zweihundert Mark pro Tag annehmen?"

Lieber Müller, Sie scherzen. Man gewinnt hier nicht zweitausend Francs pro Tag. Man verliert sie: ja- Aber gewinnen?!"

Das hängt davon ab. Wenn man nach einem guten System spielt"

Sie haben also ein gutes Systems

Ja, ein steigendes, eine Geldpresse, mit einfacher und kombinierter Chance. Das ist mein neuester Berus, mein verehrter Direktor. Und wenn Sie mir vorhin auf­merksam zügehört und überhaupt eine Idee haben, was System spielen heißt, so werden Sie mir zugeben, daß es von mir ein Blödsinn, eine Verrücktheit wäre, nach Berlin zurückzukehren, um Mörder und Räuber zu be­obachten oder zu fangen. Dort würde ich viel wenige« verdienen als hier, mir bei der Geschichte höchstens wieder eine neue Bronchitis zuziehen, abgesehen von Messer­stichen und Revolverkugeln, denen man in dieser Branche nicht immer ausweichen kann."

Das ist also Ihr letztes Wort, liebster, bester Herr Müller? Ueberlegen Sie!"

Mein letztes Wort, Herr Sanftleben. Ich drücke Ihnen mein tiefstes Bedauern aus, Ihr Anerbieten ablehnen zu müssen. Ich danke Ihnen bestens, daß Sie bei diesem Anlaß an meine Wenigkeit gedacht haben. Da es eben neun Uhr ist, bitte ich um die Erlaubnis, mich entfernen zu dürfen. Man reserviert mir am Roulettetisch einen Platz, imb es bleiben mir nunmehr zwei Stunden zum Spielen. Reisen Sie bald wieder ab?"

Um Mitternacht."

Wenn Sie nicht ivissen, was Sie mit Ihrem Abend anfangen sollen, so stellen Sie sich hinter meinen Stuhl und spielen Sie genau so, wie ich spiele. Sie werden auf alle Fälle etwas gewinnen. Dann sind Sie wenigstens nicht ganz umsonst hierher gekommen."

Das ist ein Gedanke. Ich begleite Sie."

Er zahlte die Rechnung, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Würde er denn nicht nach dem System Müller wieder zu seinem Gelde gelangen?

Er spielte, gewann einige Zeit; dann aber ver­wickelte er sich, setzte seine Geldstücke auf manque statt aus passe, aus die Transversale statt zu sechst und ver­lor, indes Müller immerzu gewann.

Um zehn Uhr siel ihm ein, daß er ja Rakenius eine Depesche versprochen hatte, und schickte das vereinbarte Telegramm ab:System gesprungen, Cerevis", was für Georg soviel zu bedeuten hatte, als:Müller nimmt nicht an". Für seine eigene Person hatte leider der Wort­laut richtige Bedeutung: denn er war gesprungen.

(Fortsetzung folgt.)

Der letzte am Stammtisch.

In der WienerAbendpost" plaudert Paul v. Schön- than über allerlei herbstliche Wirtshaus-Beobachtungen wie folgt: Dieser Tage haben sie sich wieder am Stammtische zusammengefunden. Die meisten mit der frischen Farbe der Gesundheit bis zum Rot der Sioux-Indianer> auf den Wangen; einer ist bronzefarbig abgebrannt, nur die Stirn ist blaß und ein an den Wangen herabreichender

Streifen vom Tschako Nnd Sturmbanb, eine Erinnerung an die überstandene Waffenübung. Aber einer der Ge­nossen fehlt, Herr Zander, den die Gewohnheit auszeich- nete, gegen i/210 Uhr in einen leichten Borschlummer zu verfallen und selbst beim angeregtesten Tischgespräche mit dem müden Haupte jene Bewegungen auszufuhren, die man Tunken" nennt. Jeder neue Ankömmling warf, nachdem er sich im Kreise umgesehen hatte, die Frage hin:Na, wo ist denn der Zander?" Darauf folgte die Erklärung: Noch auf Urlaub, am Gardasee, oder so wo." Und so ist es: Herr Zandertunkt" zur Zeit einsam tm Speise­saal eines Gasthofes am Gardasee undgenießt" so seinen späten Urlaub. Tie Reise- und Ferienerlebnisse beherrschen das Tischgespräch. Jeder schwelgt in Erinnerungen.

Wo waren denn Sie, Meyer?" Darauf beginnen gleichzeitig zwei zu antworten. Meyer mit demy" be­hauptet das Feld und giebt eine sehr umständliche Schilde­rung einer sommerlichen Hetzjagd, die bei Waidhofen an­fing und in Cortina ihr Ende fand. Die Zuhörer sind schon aus halbem Wege ermattet. Ter andere Meier will nicht zurückbleiben und rühmt das ungetrübte Glück zweier Sommerwvchen, die er in Gröbming verbracht hat. Aus Höflichkeit erkundigt sich einer, wo der Ort ist. Meier erklärt die Lage des Paradieses, aus dem er erst vor acht Tagen. Vertrieben wurde, indem er das Bierglas, eine Salzstange und den Zahnstocherbehälter entsprechend gruppiert; das Krügel ist der Dachstein, die Salzstange Gröbming, der Zahnstocherbehälter Schladming.

Sie sprechen von Höhen, die nUr zum Gr ei feil vor ihren Fenstern lagen, die sie bestiegen haben, auf denen sie übernachteten, alles von 600 Metern auswärts. Mit Kleinig­keiten haben sie sich nicht abgegeben. Die Glücklichen! Sie haben in vollen Zügen genossen. Nur Herr $. ist etwas kleinlaut und bricht kurz vor 9 Uhr auf, er hat sich in Ostende einengastrischen Zustand" geholt, der an Ort und Stelle alsOstendaise" bezeichnet wird und mit Kolik eine unangenehme Verwandtschaft hat; der Einpacker wartet zu Hause auf ihn, und Herr Z. ergreift den passenden Anlaß, sich gleichfalls zu erheben, da er, erst von Pystian zurückgekehrt, zur Nachmr vor dem Zubettgehen heiße Fuß­bäder gebraucht. Ein in reiferen Jahren stehender Stamm­tischgenosse rückt mit beut Geständnisse heraus, daß er auch noch immer an eilt ent Hexenschuß leidet, den er sich in Trafoi geholt hat, und schielt nach seinem Ueberzieher. So ist's mir in Aussee ergangen, vier Tage lang bin ich ventre a terre, d. h. auf allen Vieren gekrochen. Ich spür' ihn noch!" seufzt ein anderer. Ein Vierter ruft verschämt Zahlenl" M hat sich in Tirol angesichts der abendlichen Langweile das frühe Zubettgehen angewöhnt. Zuletzt bleibt nur noch Einer standhaft am Tische übrig und bestellt abermals ein frisches Glas. Er ist der Einzige, der sich bei der Schilderung der genossenen Sommerfreuden und Erholungszeit schweigsam verhielt, denn er hat nichts zu erzählen, er hat ruhig in der Stadt ausgeharrt, und diese Erholung ist ihm nicht am schlechtesten bekommen.

Sandelholz.

Nachdruck verboten.

Mit dem NamenSandelholz" werden Hölzer ver­schiedener Abstammung belegt; auch ist ihre Verwendung eine sehr mannigfache. Sie werden zu luxuriösen Arbeiten in der Architektur, zur Gewinnung von Farben für die Textil- und Lackindustrie, zu Politurzwecken, in der Par­fümerie usw. verwendet.

Am bekanntesten ist wohl das rote Sandel- oder Kaliaturbolz (Pterocarpus santalinus), dessen Heimat sich in Ostindien, an der Küste von Kovomandel, befindet. Tas Kernholz ist frisch geschnitten, von lebhaft roter Farbe, doch färbt sich die Oberfläche, wenn das Holz längere Zeit der Luft ausgesetzt bleibt, bräunlich; braun­rot, zuweilen fast schwärzlich. Das Kernholz enthüllt einen in Alkohol löslichen Farbstoff, welcher zu gefärbten Lacken, schönen Polituren, wie in der Woll- und Baum­wollfärberei verwendet wird. In neuerer Zeit ist aller­dings die Verwendung des Produktes in der Färberei durch andere Erzeugnisse der Farbenindustrie sehr be­deutend eingeschränkt worden. Ein brauner Farbstoff wird dem Holze durch Kochen desselben in Wasser entzogen, während der wertvollere rote Farbstoff nur unter An- Wendung von Weingeist oder Aether extrahiert werd««.