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„Was ich da thue, ist doch zu frunttn. Und Raken ms erwartet eine Depesche von mir."
Er ging abermals um den Tisch herum, trat hinter den Rücken und berührte ihn leise.
Ter Rücken, der es jedenfalls nicht liebte, gestört zu werden, wendete sich nicht um.
Ta neigte sich Sanftleben herab und wisperte in das Ohr des gewesenen Kriminalinspektors:
„Herr Müller, ich mutz Sie sprechen, ich San st
ieben."
„Herr Sanftleben", wiederholte Müller, ohne sich zu verwundern, und setzte ein Geldstück auf Ungerade und eines auf Fehlfarbe.
„Ja, Sanftleben, Direktor des Detektivbureaus, — Sie kennen mich ja." „ ■
„Ich weiß", sagte jener in vollkommen gleich- giltigem Ton. *
Ter Zylinder wirbelte herum, und die Kugel fiel. Wild geworden, schrie Müller plötzlich:
„Fünf Francs auf die letzte Sechs!"
Sanftleben aber beugte sich wieder herab und wisperte ihm wieder in dasselbe Ohr:
„Ich habe die Reise von Berlin hierher eigens zu den, Zweck gemacht, um Sie zu sehen und zu sprechen."
„Sehr erfreut, aber in diesem Augenblick unmöglich.
Ich spiele mein System."
,^Fa, ja, ich kenne das. — Furchtbar komisch ! — Wann sind Sie denn fertig?"
„Bei der zweihundertsten Kugel. Hundertfünfzig hab' ich schon abgespielt. Dauert wohl noch eine Stunde."
„Gut. Tann wollen wir miteinander Mittag essen- Ich erwarte Sie im Hotel de Paris. Ist es Ihnen recht?"
„Tas ist mir ganz egal. Fahren Sie nur schon einmal ab. Sie machen mich ganz konfuse."
45. Kapitel.
Sanftleben blieb noch einige Minuten hinter dem Krinünalinspektor a. D. stehen. Er gab sich die größte Mühe, den verdächtigen Spieler zu entdecken, den Müller unbedingt unter dem Schein, in sein eigenes Spiel ganz versunken zu sein, verstohlen beobachtete. Er war aber nicht im stände, ihn zu entdecken, und ging endlich, indem er sich sagte:
„Welch großartiger Komödiant ist doch dieser Mensch! Er ist im stände, selbst mich zu täuschen. Was muß das für eine Mühe machen! Wie recht habe ich, alles dranzuwenden, um mir den Menschen zu gewinnen."
Tie Dinerstunde kam heran. Die Gäste aus Nizza und Mentone hatten sich bereits auf die Bahn begeben. Man konnte sich in den Sälen schon freier bewegen, sich schon den Tischen etwas mehr nähern, um seinen Einsatz vorzuschieben, oder um das Spiel irgend eines Spielers, einer berüchtigten Spielerin besser zu verfolgen.
Sanftlebeu zog die letztere Unterhaltung vor, da sie weniger kostspielig war als die andere. Er war sparsam mit deni Gelbe des Herrn von Sempach.
Um ein Viertel nach sieben verließ Sanftleben, als Mann der Pflicht, vor allem die Spielsäle und trat dann in den Speisesaal des Hotel de Paris, der einen solchen Weltruf erlangt hatte.
Er bestellte sein Tiner — ein sehr feines Diner, denn Sanftleben war Feinschmecker, und dann rechnete er auch auf die gute Mahlzeit, nm Müller vollständig zu überreden. Ta erschien dieser gerade- Sofort hatte er ihn erblickt, und zog ihn an einen abseits gelegenen Tisch, den er sich hatte reservieren lassen.
„Sie also hier, Herr Sanftleben?" fragte Müller, indem er sich niedersetzte.
„Jawohl, mein verehrtester Herr Müller — nur um das Vergnügen zu haben, mit Ihnen zu dinieren."
„Zu liebenswürdig", meinte der gewesene Kriminalinspektor, ohne die Miene zu verändern, gewohnt, alles zu hören, alles zu sehen, und alles zu sagen, ohne auch Die geringste Bewegung merken zu lassen. Doch mit dieser Ruhe verband er auch Vorsicht. „Sprechen wir leiser", fügte er bei, „hier weiß kein Mensch, wer ich bin, oder vielmehr, wer ich war."
„Davon bin ich überzeugt", entgegnete Sanftleben lächelnd. „Doch machen wir uns an diesen Fisch- Mr haben noch genug Zeit zu plaudern. — Sie scheinen also sich hier recht wohlzubefinden, mein lieber Herr Müller?"
„Ganz famos! Ich war hier in Monte-Carlo mit
einem chronischen Bronchialkatarrh' angekommen, den ich mir noch zu Zeiten meines Dienstes im Zuge der Haus- thüren geholt hatte. — Binnen acht Tagen war ich vollkommen kuriert. Das ist ein gottbegnadetes und gebene- deites Land — ein wahres Paradies."
„Sie scheinen von Monte-Carlo sehr begeistert, mein lieber Müller. Ein Glas Sauterre gefällig?"
„Mit Vergnügen."
„Darf ich Ihnen vielleicht auch noch ein Stück von diesem Filet aufthun?"
„Mit Wonne."
Während des Diners, das wirklich ganz vorzüglich und ganz dazu geeignet schien, Müller in eine gute Stimmung zu versetzen, erkannte Sanftleben zu seinem Leidwesen, daß Müller leider begonnen hatte, nach einem System zu spielen, und dasselbe, wie alle Shstemspieler, für das allein richtige hielt. Er sprach mit einer solchen Begeisterung über das Spiel und die Glückschaneen, daß er nur sehr wenig Hoffnung hatte, Müller von seinem Platze loszueisen. Denn allem Anschein nach behagte ihm sein jetziger, allerdings viel bequemerer Beruf mehr als die Unbequemlichkeiten seines vorigen.
Da jedoch Sanftleben bemerkte, daß die Stunde bereits ziemlich vorgeschritten war, und er endlich mit seiner Mission zu Ende kommen wollte, unterbrach er plötzlich den eifrigen Erzähler:
„Mer unser Diner naht seinem Ende. Wenn es Ihnen also recht ist, so lassen Sie uns über die Angelegenheit sprechen, die mich eigentlich hierherführt."
„Ich stehe zu Ihren Diensten, Herr Direktor."
46. Kapitel.
Auf das Rebhuhn waren Spargel gefolgt, die trotz der Jahreszeit ganz vorzüglich schmeckten. Während sie Müller als Kostverständiger verzehrte, begann Sanftleben :
„Lieber Freund, haben Sie vielleicht von dem Verbrechen gehört, das im Monat November vorigen Jahres bei uns in der Augsburger Straße verübt worden ist?"
„Augsburger Straße? Warten Sie mal! — Ja, ja, — ja doch, — eine Frau, eine frühere Schauspielerin, die von ihrem Geliebten umgebracht wurde. Nicht?"
„Ja. Oder auch von einem andern", versetzte Sanftleben.
„Oder von einem andern. — Ja, das ist schon möglich. Ich erinnere mich noch, daß ich mir damals sagte: „Dahinter steckt ein Raubmord, aber darauf scheint keiner zu kommen." Stünde ich noch im Sicherheitsdienst, hätte ich meinen einstigen Chef gebeten, mir die weitere Verfolgung der Sache zu überlassen. Der Mann hatte ja großes Vertrauen zu mir. — Wie steht denn jetzt die Sache?"
„Der Liebhaber, oder eher der gewesene Bräutigam dieser Schauspielerin, Herr von Sempach, wird bald vor das Schwurgericht kommen."
„Sollte ich mich getäuscht haben? — Er hat also gestanden?"
„Nein, im Gegenteil: er behauptet seine Unschuld, und will sie nun dadurch beweisen, daß er den Gerichten den wahrhaft Schuldigen ausliefert."
„Das ist entschieden das beste Mittel, das heißt, wenn es gelingt. — Hat er also gegen eine Person Mist- trauen?"
„Jawohl, und zwar gegen ein gewisses Stubeumädek. — Aber sie muß einen Helfershelfer haben, und um diesen Kerl herauszubekommen, müßte man sie beobachten und überwachen lassen."
„Na, das ist doch furchtbar einfach."
„Nicht so einfach, als Sie glauben. — Das ist eine ganz feine, durchtriebene und geriebene Person, und es wäre für uns von äußerster Schwierigkeit, uns mit ihr in einen direkten Kampf einzulassen."
„Wenn man die Sache einer geschickten Person, einer tüchtigen Kraft--"
„Das ist es eben, worum es sich handelt. Und gerade Sie sind es, lieber Herr Müller, an den ich sofort gedacht habe."
„An mich?"
„Gewiß. Die Sache ist für einen Kopf wie den Ihrigen hochinteressant und es wird Ihnen eine große Summe einbringen."
„Wirklich — eine große Summe == —", sagte dev


