Ausgabe 
22.10.1902
 
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Mittwoch den LS. Moder.

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1902. Nr. 157.

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(Nachdruck verboten.)

Die Viper.

Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-

(Fortsetzung.) 44. Kapitel.

Bevor Sanftleben Tirektor eines Tetektivbureaus ge­worden war, hatte er auf RechMng anderer gearbeitet. Auch! war er Meister in allen Verstell mrgskünsten. Je nach! Umständen, je nach den vorliegenden Fällen, um sich den Gewohnheiten der Menschen, mit denen er viel verkehren mußte, anzupassen, setzte er sich eine Perücke, ein Hütchen, oder einen weichen oder einen Hut von hoher Fayon auf. Er zog Blouse an, Jacke, Rock oder Mantel. Er konnte sich das Aussehen eines kleinen Bür­gerlichen, eines Handwerkers oder Künstlers geben. Aber nach seiner Geschmacksrichtung kleidete er sich am liebsten als eleganter, reicher Mann, als Lebemann der haute volse. Am liebsten hätte er sich den Schein eines Mit­gliedes des Jockey-Klubs oder der Union gegeben, doch fürchtete er, daß ihm das am Ende doch keiner glauben würde. Da er sich nun mitten im Winter während der hohen Saison nach Monte-Carlo begab, ließ er sich nicht entgehen, seinem Lieblingssport zu fröhnen, und wer ihn so in patentem, neuem Anzug, geschniegelt und gestriegelt, eine neue Handtasche in der Hand, nach dem Bahnhof eilen sah, hätte ihn niemals für das gehalten, was er in Wirk­lichkeit war.

Er hatte auch das sehr vernünftige Prinzip, sich nichts abgehen zu lassen, besonders wenn er auf Kosten anderer reifte; und das letztere war eben immer der Fall. Die Wagen erster Klasse genügten ihm nicht, er mußte Luxus­plätze haben. Die Eisenbahngesellschaft gab ihm für sein Geld, d. h. für das Geld Sempachs, einen vorzüglichen Schlafwaggon, in dem er fast, in einem Zug schlafen konnte. Er frühstückte mit allem Raffinement im Speise­wagen des Luxuszuges, versorgte sich! mit Zigarren und kam so allmählich von Station zu Station weiter, von Zigarre zu Zigarre, indes er inzwischen die herrliche Landschaft bewunderte, die sich vor seinen Augen entrollte. So gelangte er glücklich! nach zwei Tagen um fünf Uhr, wie es ihm Georg gesagt hatte, in Monte-Carlo an.

Ein anderer als er hätte sich! vielleicht sofort auf die Suche nach Müller gemacht, was doch der Zweck seiner Reise war; doch der Herr Direktor Sanftleben ließ sich zuerst nach! dem Hotel de Paris fahren, dort ein Zimmer geben, wechselte Wäsche und Kleider, besprengte sich mit Parfum, ging quer über den Platze über die breite Kasinotreppe, verlangte eine Eintrittskarte und erhielt sie aus sein elegantes Mußeres hin auch sofort. 'Dann trat er ins Kasmo.. >

Er machte sich sofort aus die Suche. Doch wie etz auch! den Salon nach allen Rrchtungen durchsuchte, er konnte Herrn Müller nirgends entdecken. Ter früheres Kriminalinspektor blieb unsichtbar.

Verfluchter Kerl!" brummte er in seinen Bart. Sollte ich! die ganze Reise gar umsonst gemacht haben? Sollte mein Mann etwa nach Berlin zurückgekehrt sein,, während ich ihn hier suche?"

Er erkundigte sich eben bei emem Angestellten, als ihm ein breiter, viereckiger Rücken auffiel, der einer vor einem Roulettetisch fitzenden Persönlichkeit angehörte. Tim Polizeileute, die es in der Gewohnheit haben, Leuten zu folgen und sie zu verfolgen, haben auch einen au^ gesprochenen Sinn und Gedächtnis, sich den Rücken und die Konturen der rückwärtigen Partien zu merken, fiei nach ihrer Sprache oder von der Seitenansicht zu erkennen- und dies gelingt ihnen oft, als ob sie sie von GesiM sehen würden.

Sanftleben bildete sich nun ein, den Rücken Mullers! erkannt zu haben. Sofort merkte er sich! den Platz, auf dem dieser Rücken saß, es war der Weite von rechts neben dem Zylinder, ging um den Tisch herum und prüfte jetzt von vorne das Gesicht des Rückens.

Es wär auch richtig sein gesuchter Müller mit seinem guten, ehrlichen Gesicht und seinem lebhaften Auge. Er hatte bloß eine lebhaftere Gesichtsfarbe als gewöhnlich.

Was thut er denn da? Man möchte meinen, er spielt wirklich", dachte Sanftleben.

Richtig, eben setzte Müller ein Zwanzigfrancstück auf. Schwarz.

Was ist das doch für ein tüchtiger Mensch! Daran erkenne ich ihn wieder. Jedenfalls um irgend einenGrie­chen" näher zu überwachen, und in ihm Vertrauen zu er­wecken, spielt er auch Welche Geschicklichkeit! Welche Erfindungsgabe! Wer wenn es eine Gerechtigkeit im Himmel giebt, muß er gewinnen. Ich will aus seinem Glück meinen Vorteil ziehen."

Darauf setzte Sanftleben als großer Herr, der nicht zu rechnen braucht, von dem Geld der anderen, das nicht ihm gehörte, einen Louis neben Müllers Zwanzrge francsstück.

Rot kam heraus. , ,, ,,

Müller setzte, nachdem er jein Geld verloren hatte, ohne einen Gesichtsmuskel zu bewegen, fünfzehn Francs auf Schwarz.

Ich habe mich getäuscht, er sitzt tut Pech", dachte Sanftleben.Ich will einmal gegen ihn spielen. ,

Er that diesmal nicht wie Müller und setzte drei Louis auf Rot.

Schwarz kam heraus. ,, < »

Sanftleben hatte verloren, und Müller steckte das ^,Lch'biu doch! niä)t hierhergekommen, uM M spielen", brummte der Direktor des Detektivbureaus, zu, sich selM