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den Fall, sie stürben: was würbe dann aus dem Kinde? — Nehmen Sie meinen Vorschlag an in Ihrem Mrteresse und auch etwas in bem meinigen, um mich nicht zu entmutigen, da ich das erste Mal vielleicht die Anwandlung habe, mein Geld gut anzulegen! — Sie zögern noch? Kommen Sie, gehen wir mit einander frühstücken, damit Sie Zeit haben, darüber nachzudenken!"
Sie gingen beide in das mit Eichen getäfelte und mit alten Tapeten bekleidete Speisezimmer, beide noch jung, so ziemlich von gleicher Gestalt, jeder in seiner Art ein schöner Mann, der eine blond, der andere schwarz.
Nach beendetem Frühstück, jeder eine Cigarre zwischen den Lippen, bestiegen sie einen Wagen und ließen sich in die Anstalt fahren, in der Bertha Rakenius erzogen wurde. Sie war damals noch ein Kind von 15 Jahren, sah aber für ihr Sitter schon bedeutend reifer aus.
Es kostete ihr keinerlei besondere Mühe, Herrn von Sempach zu erobern; denn sie war wirklich allerliebst. Sie diente gewissermaßen als Bindeglied zwischen den beiden jungen Leuten, die sie vollends aneinander kettete, deren einen sie bewog, der Schuldner des andern zu werden.
Waren auch die Dienste, die Sempach seinem jungen Freund leistete, von ausschlaggebender Mchtigkeit für dessen ganzes Leben, so währten sie doch nicht lange Zeit.
Won allen materiellen Sorgen befreit, konnte Georg, der von jenem Augenblick auf die Zukunft rechnete, feinen Studien sich vollkommen widmen und diese in zwei Jahren vollenden.
Hierauf zog er sich ganz in sein Atelier zurück, schloß sich von aller Welt ab, um zu arbeiten, und schuf dann ein Kolossal-Gemälde, das er ausstellte und das ihm in der Landesausstellung die erste Medaille einbrachte.
Der künstlerisch hohe Wert dieses Gemäldes von großer Detailmalerei, von der älteren Schule hochgeschätzt, doch mit einem originellen, eigenartig bewegten Anstrich der wieder der modernen Schule außerordentlich gefiel, — sowie der große Erfolg, den ihm Franz von Sempach und feine Kameraden vom Künstlerklub geschickt zu verschaffen wußten, setzten den jungen Maler mit einem Male in das vollste Licht. Man riß sich um seine erste Leinwand; von allen Seiten wurden bei ihm neue Bilder bestellt, mehr überhaupt, als er schassen konnte. Doch war er so klug, sich durch das Lächeln des Glücks nicht einwiegen und es bei seinem wachsenden Ruhm nicht bewenden zu lassen, sondern er widerstand tapfer allen Versuchungen und Zerstreuungen und stürzte such mutig in die Arbeit. Seine neuen Gemälde machten noch mehr Sensation als das erste und erhoben ihn entschieden tu die Reihen der Meister. Bon dem Augenblick an war sein Glück gemacht.
Und während er so allmählich emporstieg, wuchs an feiner Seite seine kleine Schwester heran, deren Klugheit, Sicherheit, Reiz und Wissen sich stündlich reicher entfalteten. Sie hatte jene Privatanstalt verlassen und besuchte nun die höheren Jahrgänge des Konservatoriums, in denen auch sie den ersten Preis erhielt. Sie wäre längst im stände gewesen, sich ihren Unterhalt zu verdienen, wenn eS notwendig geweftzn wäre. Aber ihr Bruder wollte sie hei sich behalten, damit sie seinen Haushalt leitete und die Keine Billa mit großem Atelier, die er in Halensee hatte und mit Bertha bewohnte, in Ordnung halte. Die Geschwister liebten sich abgöttisch, lebten nur einer für den andern und teilten ihre Liebe nur mit Sempach, den Bertha ihren blonden Papa nannte, um ihn von dem andern, dem schwarzen, zu unterscheiden. — —
Und eben diesen zweiten Water hatte man heute verhaftet, ihn eines Mordes beschuldigend«!
Georg hatte diese niederschmetternde Nachricht gegen vier Uhr erfahren. Er batte eben die Malerakademie verlassen, als ihm ein Zertungsausrufer ein Extrablatt vor die Nase hielt: „Ein Raubmord in der Ausgburger Straße! Sensationell! Berhaftung des Mörders! Wunderbare Einzelheiten! Die neueste Neuigkeit des Tages! Tie Sensation des Tages! Der Mord in der Augsburger Straße!"
Teils nur aus Neugierde, teils «ms Langeweile kaufte er das ihm gebotene Extrablatt, und als er den Namen seines ywners in vollen Buchstaben gedruckt las, hätte er vor Schmerz beinahe laut aufgeschrreen.
Da er gerade die Linden herabbummelte, eilte er rasch in den Klubs um seinen Freunden diese gemeine Beschuldigung mitzuteilen der einer aus ihrer Mitte zum
Opfer gefallen wär, um mit ihnen zu beraten, tote einem solchen Skandale Einhalt zu thun toure.
Doch wurde ihm im Klub nur die Verhaftung Sempachs mitgeteilt und bestätigt. Tie Kunde begann sich blitzschnell durch Berlin zu verbreiten, von einem Viertel in das attdere, von Straße zu Straße — und nicht mehr die fliegenden Extrablätter allein verkündeten die That, sondern auch die Abendblätter brachten spaltenlange Be- ridjic.
So hatte er denn der langen Unterhaltung der Klubgenossen beigewohnt, hatte neue Auskünfte erfahren und hielt nun für am klügsten, den ganzen Sachverhalt persönlich und schonend seiner «Schwester mitzuteilen, die jedenfalls noch nichts davon wußte, ehe sie ihn noch von anderer Sette erfuhr.
Es war gerade der Tag, an dem Sempach bei ihnen speisen sollte. Sie hatten nämlich von ihm gefordert, wenigstens einmal in der Woche bei ihnen gemütlich zu speisen, und für diesen Tag sein Junggesellenleben aufzugeben. „Lieber Freund, da Sie keine Familie mehr haben, wollen wir Ihnen dieselbe teilweise ersetzen." Franz liebte dieses intime Zusammensein und fehlte bei keinem derselben.
Und heute sollte er fehlen! Zum ersten Mal! Und zwar — weil man ihn als Mörder verhaftet hatte-!
Bertha harrte bereits voll Ungeduld auf die Rückkunft ihres Bruders, und kaum hatte er geklingelt, eilte sie ihm schon in das Borzimmer entgegen:
„Du bist allein?" fragte sie, ihn umarnrend. „Ich dachte, Ihr solltet Euch im Klub treffen und kommt mtt- einander."
Er zog seinen Ueberzieher aus, ohne zu antworten.
„Sollte ich mich im Tage getäuscht haben?" fuhr sie fort. „Sollte er denn heute nicht mit uns speisen?"
„Ja, er sollte; aber er kann nicht."
Bei diesen Worten war er in den Keinen Salon des Erdgeschosses getreten.
„Wie? Er kann nicht?" fragte seine Schwester, ine chm gefolgt war. „Was ist denn los? Er hat doch sonst immer Wort gehalten!"
Plötzlich sah sie Georg an und bemerkte seine tiefe Traurigkeit und Gedrücktheit. „Es ist etwas geschehen — ein Unglück, ein Unfall? — So sprich doch!" rief sie angstvoll aus, indem sie seine beiden Hände faßte.
„Nun denn, ja, es ist etwas geschehen — etwas Außergewöhnliches, Unerwartetes. — Aber beruhige Dich nur! Es wird alles wieder gut werden."
„Was ist's? Was ist es denn? Sprich! Sprich schnell!"
„Man beschuldigt Franz einer unglaublichen, unsinnigen That."
,/Zhu! Ihn! Wessen kann man ihn beschuldigen?" „Er hätte in einem Anfall von Zorn gemordet —" „Wen denn? Jemand, der ihn beschimpft, — der ihm gedroht hat?"
,>Ja, sie wird ihm wohl gedroht haben."
„Sie? — Es ist demnach eine Frau?"
„Ja", murmelte er.
„Er — er hätte eine Frau gemordet? Das ist tM- möglich! Was ist das für eine Frau?"
Georg wollte nicht recht erwidern.
„Warum schweigst Du? Tu hast Furcht, Dich in meuter Gegenwart auszusprechen. Ich bin kein Kind mehr, Georg. Ich habe die 20 überschritten, und die Erziehung, die ich genossen und die Du mir mit Recht hast augedethen lassen, macht mich um vieles älter. Du wolltest mir die Fähigkeit verschaffen, mich weiter behelfen zu können, wenn Du mir einmal fehlen solltest. Ich bin fo geworden, wie es Dein Wunsch war, und dies ohne Gefahr. — — Also, wer ist jene Frau?" _ _ ,
„Eine gewesene Schauspielerin, mit Namen von Sanden, tote man sagt, seine Verlobte, die er schon feit langer Zett kannte und von der er sich nun trennen wollte."
,ünd da beschuldigt man ihn, sie getötet zu haben? Das ist nicht wahr. Sage mir alles! Ich will es, — tch bitte Dich darum!"
Er gehorchte ihr, gewohnt, ihr in allen Trugen nach- zugeben, und da er einsah, daß sie ja trotzdem alles bald erfahren würde, was sie wissen wollte. Er wiederholte beinahe Wort für Wort das ganze Gespräch, das er int Klub mit angehört hatte, und unterrichtete sie in ällem, soweit er es selbst mußt».


