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Sie stand hochaufgerichtet Vor ihm und Manschte auf- mertfojn, bewegt und am ganzen Körper bebend, seinem furchtbaren Berichte. Nicht nur in den Zügen hatten die Geschwister Ähnlichkeit, sondern auch im Körperbau. So wie er war auch sie groß, schlank, von elegantem, zartem und elastischem Wuchs. Auch der gerade Schnitt der Nase war ihr eigen, wie die länglichen, von langen Wimpern umrahmten Augen, die mit unendlicher Sanftmut blickten, Las schwarze Haar, die roten Lippen und die blasse Haut­farbe, doch von einer warmen Blässe. Sie war ganz er, nur in gewisser Hinsicht gemildert, mehr ausgestattet Mit weiblicher Anmut, verklärt vorn Reiz der ersten Jugend.

Er ist unschuldig", entschied sie, nachdem ihr Bruder geendet hatte.

,/Zch glaube es ebenso wie Tu, ja, ich bin sogar davon ebenso überzeugt wie Du. Aber was giebt Dir diese .Ueberzeugung?"

Mein Glaube an ihn, eine innere Stimme, die mir zurust, er sei unschuldig, und alles das, was Tu mir über diese unglückliche Frau gesagt hast. Er liebte sie nicht Mehr. Daher hat er sie nicht getötet."

Da er sie fragend anblickte, entwickelte sie offen ihre Gedanken:

Ein Mann von Herz wie unser Freund kann wohl in einem Moment der Verwirrung, hingerissen von Lerden- schaft und Eifersucht, einen Gew altthätigkeitsakt vollführen; aber Franz konnte nicht eifersüchtig sein; denn er liebte sie ja nicht mehr."

Erstaunt, derartige Beweise des Gefiihls aus dem Munde seiner Schwester zu hören, sagte er sich, daß sie thatsächlich aus der männlichen Erziehung, die er ihr hatte zu teil werden lassen, Vorteil gezogen habe. Auch Menschen, dre noch nichts erlebt hatten, kannten oft infolge von Beobachtung, Ueberlegung und Einsicht das Leben.

Als er erkannt hatte, da!ß ihre psychologischen Fol­gerungen vollkommen richtig waren, glaubte er hinzu­fügen zu müssen:

Tie Eifersucht ist nicht das einzige Gefühl, das oft Gewaltthätigkeit hervorruft, auch eine Ungerechtigkeit, Be­leidigung, Drohung--"

Sie unterbrach ihn mit einer Bewegung:

Gut! Hat er aber die Gewaltthätigkeit begangen, so sühnt sie ein ehrlicher Mensch dadurch, daß er sich selbst anzeigt und gesteht: ,Lch habe das und das in einem Augenblick der Sinnlosigkeit gethan, ich habe das Ver­brechen vollführt, strafen Sie mich!" So hätte auch Franz gehandelt und gesprochen, wenn er die Handlung begangen hätte, deren man ihn zeiht. Er wäre nicht ruhig nach Hause gegangen. Man hätte ihn nicht Tags darauf ruhig und sorglos gesehen. Er hätte sich niemals heuchelnd vor den Körper seines Opfers hingekniet, und hätte nie auf seiner Unschuld bestanden."

Das ist wahr!" rief Georg aus.

In der Aufregung, in die ihn die Verhaftung seines Freundes versetzt hatte, in dem Durcheinander seiner Ge­danken und auch infolge seines etwas schwerfälligen Cha­rakters hatte selbst auch er nicht umhin gekonnt, einige Zweifel zu hegen, obwohl er sich selbst und allen anderen zuschrie:Man täuscht sich, die Justiz geht einen Irrweg!" Erst die letzte Beweisführung seiner Schwester oder viel­mehr ihr Ton, chre Stimme, ihre innige Ueberzeugung hatten ihn vollkommen von der Schuldlosigkeit seines Freundes überführt.

Aber die Richter begnügen sich nicht mit einer solchen Beweisführung wie der unfrigen. Entgegen den Beweisen seiner Schuld, die sie glauben in Händen zu haben, wollen sie thatsächliche, handgreifliche Gegenbeweise seiner Un­schuld haben. Den besten Beweis, vielleicht den einzig Vahren, worum man ihn bereits befragt hatte und noch befragen wird, wie er den gestrigen Wend zugebracht habe, weigert Franz entschieden anzugeben."

Run", lief sie plötzlich,dann mußt Du ihn eben an seiner Stelle liefern."

,Lch! Wie sollte ich das können? Ich weiß nicht, was er vorgehabt hat. Du weißt recht wohl, daß ich gestern abend die ganze Zeit mit Dir beisammen zu Haufe war."

Erkundige Dich, forsche nach, suche--"

Ich will es von Herzen thun. -- Aber wenn ich es erfahre und entdecke, habe ich das Recht, ein Geheimnis zu verraten, das er nicht enthüllt haben wollte?"

Wenn es sich um seine Freiheit, um sein Leben handelt gewiß. Ihm macht es ein Gefühl der Ehre zur Pflicht zu schweigen. Wir aber, wir können reden; seine Ehre bleibt dabei unangetastet."

Ein Gefühl der Ehre, sagst Tu? Tu glaubst als» auch, wie meine Kollegen?"

Ja", antwortete sie mit leiser Stimme.Ich glaubs, daß er eine Frau liebt, bei der er sich gestern abend be­funden hat und die er nicht bloßstellen will." Nach diesen Worten rollten ihr lang zurückgehaltene, heiße Tkttänen über die Wangen.

(Fortsetzung folgt.)

Aus Kurhessen.

(Nachdruck verboten.)

Partikularismus ist gewiß nicht schön, sowie er über Kleinigkeiten die großen Interessen zu vergessen droht. Unser deutsches Vaterland, zusammengeschweißt aus so vielen Staatchen, deren Anzahl und Verhalten gegenein­ander so lange Jahre, ja Jahrhunderte, den Spott der ganzen civilisierten Welt herausgefordert hatte, steht jetzt einig und mächttg da. Tie Geschichte der einzelnen deut­schen Staaten geht auf in der Geschichte des großen geeinten Deutschen Reiches. Aber gerade dieser Umstand, gerade die ins Kleinliche übergehende Geschichte der Einzelstaaten, sollte zu deren eifrigem Studium anregen. Denn einer­seits kann wohl das Standesbewußtsein nach einer schlim­men Sette, nach der Seite des Partikularismus, gefördert werden, andererseits aber erinnert gerade die Lektüre der Geschichte der einzelnen Keinen Bändchen an die unend­lich traurigen Zustände, die geherrscht, als noch fremde Herrscher mit dem deutschen Waterlande glaubten umgehen zu können, wie es ihnen beliebte. Tie Geschichte der engeren Heimat führt uns zur Geschichte des großen Vaterlandes, und in diesem Sinne begrüße ich auch das Werk, das kürzlich anläßlich des 100. Geburtstages des letzten Kurfürsten von Hessen-Kassel, Friedrich Wilhelms I.*) erschienen ist. Es ist die Geschichte jenes unglüÄichen Fürsten, dessen Lebens­schicksale das reine Drama darstellen. Kaum vier Jahre alt, brach durch das Machtgebot Napoleons I. des alten Kurhessens Herrlichkeit zusammen und das Königreich West­falen kam an seine Stelle. Friedrich Wilhelm I. hat dann, nachdem der Zusammenbruch der napoleonschen Herr- chasteu auch der Regierung Joromes ein Ende gesetzt, die ganze Skala gährender Zeiten mit durchmachen müssen. Tie Jahre 1830 ff., wo die revolutionären Bewegungen, die in dem Frankfurter Attentat gipfelten, in Oberhessen und Kassel einen Hauptsitz hatten, die Revolution 1848, der abermalige Zusammenbruch seines Reiches im Jahre 1866, sind nur die wichtigsten Epochen in dem reich bewegten Leben des Monarchen. Daß gerade dieser Fürst den Ge­schichtsschreiber anregen mußte, ist nur natürlich, und man kann sagen, daß Grebe seine Arbeit aufs beste durchgeführt hat. Tas vorliegende Werk wendet sich nicht an den Histo­riker, sondern an den Laien und gerade diesen kann die fleißige, flott geschriebene Arbeit aufs beste empfohlen werden.

Tas soeben besprochene Werk ist rein historischen In­halts, derhistorische Roman" von Moritz von Kaifenberg, der Junker Werner von Brunshausen"**) dagegen, will die Geschichte in jener Form darbieten, welche Wahrheit urrd Dichtung vereinigt, in der Form des Romans. Als solchen betrachtet taugt das Werk nichts. Ter Unfertighisto­rischer Roman" führt irr. Es ist kein Roman es ist die Geschichte eines jungen Kasselaner Edelmanns, der mit den Soldaten, die der Landgraf Friedrich Wilhelm II. nach Amerika zur Unterstützung der englischen Truppen gesandt hatte, nach dorten zieht. Von diesem Standpunkt aus be­trachtet ist das Werk ganz interessant. Wir verfaGen den jungen Edelmann auf seinem ganzen Zuge durch Amerika, wir gewinnen, wenn auch nur ganz Keine Einblicke in bte Verhältnisse der englischen Armee aber wir gewinnen nicht den großen Eindruck, den ein Roman aus unS machen

*) Friedrich Wilhelm I. Kurfürst vsn Hessen von E. st Grebe. Kassel 1902. Verlag von Carl Bieter. Meks 2/3 Mk.)

**) Marburg 1899. A G. Elwert'sche Verlagsbuchhand­lung.