Ausgabe 
22.8.1902
 
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Ich verbiete Ihnen, so mit mir zu sprechen", sagte sie befehlend.

Mr st er Hitchock lächelte ganz leicht.

Mrr verbieten Sie nichts, meine liebe Bell", erwiderte er.Ich war der Freund Ihres Vaters. Ich habe Sie ans meinen Knieen gehalten, als Ihre kleinen Hände noch mit dem Ruh aus Ihres Vaters Werkstätte beschmutzt waren. Deshalb vertrete ich jetzt seine Stelle vor Ihnen, ich fürchte mich vor Ihnen nicht und darum wiederhole ich Ihnen, Sie werden die Bitte Ihres Mannes erfüllen hören Sie! Tie Bitte!"

Mister Hitchock legte auf dieses Wort einen besonderen Nachdruck, und gleichsam, als ob es in ihrem Herzen einen Widerhall fand, aber nicht denjenigen, auf den es Mister Hitchock abgesehen, so rief sie in wildem Triumphe aus: Also bitten kommt er! Betteln! Gleichviel um was! Ein Bettler er vor meiner Thür!"

(Fortsetzung folgt.)

Das Auskunstsbureau der Verbrecher.

(Nachdruck verboten.)

Die großen Diebe sind in der Regel keine Anfänger. Sie sind der Polizei bereits gut bekannt, und darum pflegen sie nach einem erfolgreichen Coup sich schleunigst und auch möglichst weit vom Thatorte zu entfernen. Und mit derselben Geschwindigkeit streben sie auch, ihre Beute möglichst wert aus dem Gesichtskreise der Polizei zu schaffen. Um sicher und unauffällig zu verschwinden, muh man vor allen Dingen mit den Eisenbahnverbindungen durchaus vertraut sein. Diese Information zu erteilen, bildet, wie Tit-Bits zu berichten wissen, die Spezialität eines Ehrenmannes, der dieses Geschäft mit großem mate­riellem Erfolge betreiben soll.

Früher pflegte ein Verbrecher nach Veriibung einer That von London nach Newyork via Liverpool zu ent­fliehen, wodrrrch der oft gehörte Witz entstand, daß sich rn Liverpool und auf dem Wege dahin mehr Geheimpoli­zisten befänden, als Verbrechen in England begangen würden.

Heutzutage aber haben die Herren, welche es ratsam finden, plötzlich das Land zu verlassen, die Wahl, irgend einen beliebigen Hafen schnell und auf Routen zu erreichen, von denen der Durchschnittsreisende keine Ahnung hat. Der Empfehlungsbrief eines Herrn, dessen Vorleben nicht näher geprüft wurde, verschaffte einem Korrespondenten des genannten Blattes Zutritt zu dem Londoner Bureau des Mstr. Blank.Bald sah ich', so berichtet er,in einem bescheidenen Bureau, unweit der Waterloo Station, in einer Straße, wo jede zweite Thür das Messingschild eines The­ateragenten oder eines dramatischen Lehrers trägt. An einer Seite des Raumes befanden sich eine Menge Fächer, während die übrigen Wände buchstäblich bedeckt waren mit den unter Glas gebrachten Eisenbahnkarten vieler Länder.

Beinahe bevor ich den Mund öffnen konnte, kündigte das Klappen der Auhenthür den Eintritt eines Besuchers an.

Geben Sie acht", sagte Mr. Blank leise zu mir,Er ist ein sehr alter Kunde von mir." Dann in den Vorraum tretend, rief er aus:Holla, Tom, ein bischen verreisen? Wohin gehts denn diesmal?"

Ich denke, nach Marseille", erwiderte eine merk- würdig feine Stimme,doch ich muh vor morgen früh übers Wasser sein, auch wünsche ich nicht, Paris zu be­rühren. Von Marseille niöchte ich eine nette, ruhige Ueber- fahrt nach Newyork, wenn möglich nut einem Segelschiff."

Von Marseille nach Newyork per Segler ist ein ziemlich schwieriger Auftrag und wird etwas kosten", ver­setzte mein neuer Bekannter,aber ich denke, ich kann es einrichten; sprechen Sie in einigen Stunden wieder vor, ich werde mein Bestes für Sie thun."

Seinern Wort getreu, beförderte Mr. Blank den un­bekannten Herrn mit der feinen Stimme mit dem Zug 2 Uhr 45 Min. nach Boulogne, von dort nach Amiens, rvo er zu Lokallienien übergehend, direkt auf die Marseiller Route gelangte, ohne Paris zu berühren, und unauffällig mit einem Lokalzuge in Marseille eintraf.

Mr. Blank beschränkt seine Aufmerksamkeit nicht nur auf Eisenbahnen, er ist ebenso vertraut mit dem Dampfer- Verkehr, sowie mit den weniger benutzten Segelschiffen,

und weiß seinen Kunden Plätze aus diesen Schiffen zu verschaffen.

Im Laufe der Unterhaltung erfuhr ich, daß zuweilen die empfangenen Honorare sehr hoch seien, obgleich die Gebühr für eine gewöhnliche Auskunft nur 5 Mk. beträgt.

Der größte Teil dieses Geschäftsverkehrs wird auf fol­gende Weise erledigt: Auf einem numerierten Formulare verzeichnet der Künde die Einzelheiten der gewünschten Auskunft. Auf ein mit derselben Nummer versehenes For­mular wird die Antwort geschrieben, welche entweder mit der Post an eine gegebene Adresse gesandt oder auch ab­geholt wird. Auf diese Weise kann die Person des Aus­kunftsuchenden völlig geheim bleiben.

Mit alten Künden natürlich, die anscheinend unbe­grenztes Vertrauen in Mr. Blank setzen, wird die Sache nicht so formell gehandhabt. Oft, wenn besondere Aus­kunft gewünscht wird, die viel Mühe und Scharfsinn er­fordert, fällt das Honorar außerordentlich hoch aus.

Eine weitere Spezialität Mr. Blanks besteht auch darin, Logis nachzuweisen, und in seinen wohlgefüllten Fächern sind die Adressen von geeigneten Leuten in aller Herren Länder enthalten. Diese Leute gewähren jedem der Fremden bereitwillig Unterkunft und bekunden einen bemerkenswerten Mangel an Neugier; sie sind über das plötzliche Eintreffen oder die ebenso plötzliche Abreise ihrer Gäste niemals erstaunt.

Natürlich ist Mr. Blank den Polizeibehörden wohl­bekannt; doch kann kein Einwand erhoben werden gegen sein völlig erlaubtes Gewerbe, Auskunft zu erteilen, Könnte man ihm nachweisen, daß er er einem Verbrecher auf der Flucht behilflich gewesen, so würde man ihn schon fassen. Er besitzt aber ein einfaches Eisenbahn-Auskunfts­bureau, und er ist ja nicht verpflichtet, sich nach dem Thun und Treiben seiner Geschäftsfreunde zu erkundigen. Stärke liegt, wie ich schon betonte, in der Geheimhaltung seiner Geschäftsverbindungen.

Nur in einem Punkte versagt merkwürdirgerweise die Unparteilichkeit, mit welcher Mr. Blank seine Auskünfte erteilt. Er hegt eine unüberwindliche Abneigung gegen Anarchisten. Obgleich er in den meisten Fällen vorgiebt, nichts über die Person seiner Klienten zu wissen, so braucht nur ein bekannter Anarchist oder ein sonstiger Herr, dem er Neigung zum Bombenwerfen zntraut, um Auskunft zu ersuchen, und er kann gewiß sein, daß Mr. Blank ihm un­erbittlich das höchste Honorar abfordern wird.

Er kennt die meisten dieser Herren und sprach fich über dieselben in so starken Ausdrücken aus, daß ich ihn mit der Bemerkung verließ, wenn ich Polizeidirektor wäre, so würde ich ihm die Vollmacht zur Ausrottung der Anar­chisten erteilen." ' Hd.

PariserSchönheitsdoktoren".

Zu einem großen modernen Berufszweig, in dem oft Vermögen erworben werden, hat sich der des Pariser Schönheitsdoktors" in der letzten Zeit entwickelt. Diese Schönheitsdoktoren wohnen in den eleganten Stadtteilen von Paris; sie machen sich geschickt die Eitelkeit und Leicht­gläubigkeit thörichter Frauen und sogar Männer zu nutze und werden aus ihre Kosten reich Heutzutage gießt eH nur junge und alte, und zwar sehr alte Frauen. Die Frau von vierzig Jahren, die sich früher ihrem Alter gemäß kleidete, sieht jetzt, so weit es in ihrer Macht steht, Wie eine junge Frau aus. Sie kleidet sich wie eine solche, und keine Mode ist zu jung für sie. Heute kleiden sich Mütter und Tochter gleich und dieser unstillbare Wunsch jung zu erscheinen, bildet das Geheimnis des Erfolges, den die Schönheitsdoktoren in Paris haben.

Jugend, behaupten sie nämlich kann wiederhergestellt und bewahrt werden, wenn man Gesicht und Figur richftg behandelt, und da diese Lehre der Mehrzahl der Frauen gefällt, wird ihr Glaube den Urhebern der Lehre zu einer Quelle des Reichtums. Tie Runzeln glättet der Schön­heitsdoktor, die kleinen Falten um die Augen verbannt er durch ein quacksalberisches Schönheitswasser, die rosige Farbe der Jugend stellt er wieder her, die Stulpnase macht er gerade und sogar römisch und die häßlich geformten Ohren verwandelt er in zierliche Ohrmuscheln. Es gießt nichts, was diese Doktoren nicht versprechen. Sie geben den Augen Glanz, den Lippen das Rot, die Zähne machen sie zu vollendeten Perlen,spatelförmige" Müde vet-