Ausgabe 
22.8.1902
 
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unsere Zukunst, und ein Kind unseres Volkes soll meine Cousine bleiben."

Bessie seufzte für sich. Sie dachte an die verloren,« Liebesmühe, die sie an den Undankbaren verschwendet hatte, und rief nun laut:

Jetzt wird er eiferfüchtig auf die Deutschen!"

Fred warf ihr einen kalten Blick zu und zu Mister Westheim gewendet, fuhr er fort:

Unser SU)et das sind unsere Mädchen, unsere Frauen!"

Ein Beisalljubel belohnte ihn, aber mit finsterer Miene ließ er feine Stimme darüber schallen:

Ich meine nicht die vielen Närrinnen, die es in Unserem Lande giebt. Ich meine die, welche die Kraft unserer Rasse haben, ihre Reinheit, ihre Trene, deren Leib so schön und so gesund ist, wie ihre Seele. Die meine ich!"

Närrinnen? Von den Anwesenden konnte er damit natürlich niemand gemeint haben. Nur in Bessie erhob sich ein schnöder Verdacht, aber sie hütete sich, ihn auszusprechen. Und neuer Jubel folgte seinen Worten.

Fred will weiter reden!" rief eine Stimme.

Fred hatte sich Herrn Westheim genähert.

Was aber geschieht?" sprach er mit einer unverkenn­baren Bezugnahme auf gelvisse Menschen und Vorgänge weiter,Fremde, Ausländer kommen und sie stehlen sie Ans!"

Freds Augen funkelten vor Haß, die Damen schrieen fuftiß auf, die Herren suchten ihn zu besänftigen und Herr Westheim erwiderte stotternd:Herr Bennet, das ist nicht schön von Ihnen."

In diesem Augenblick Mister Hitchock zog eben seine Uhr, er war ungeduldig geworden, er hatte keine Zeit und wollte nicht länger warten geschah glücklicherweise etwas, was diesem Auftritt, der noch zu wer weiß welchen Folgen führen konnte, ein Ende machte.

Aus dem Garten dröhnte ein Schuß.

Einige der Damen fließen einen Schrei des Schreckens ans.

In der offenen Thür stand lachend, noch in ihr Reit­kleid gehüllt, schön in ihrer strotzenden Kraft wie eine Göttin, in der Rechnen noch den rauchenden Revolver

Sie hatte die Laune gehabt, an diesem Nachmittage ein- Mal auf die Vogeljagd zu gehen weit draußen am Strande _ an einer einsamen, entlegenen Stelle, wo um hie Felsen die Möven, Seeschwalben und Regenpfeifer schwirrten. Zu ihren Passionen gehörte jetzt auch der Pistolensport und im Garten hatte sie sich einen eigenen Schießstand einrichten lassen. Nur ihr Reitknecht hatte sie auf dem Ausflug begleitet. Draußen im Garten auf einer immergrünen Korkeiche hatte hoch oben ein ahnungsloses Eichkätzchen gesessen. Das hatte sie heruntergeschofsen. Es lag draußen blutig und tot auf dem Rasen.

Bell lachte.

Ist jemand, meine Herrschaften, erschrocken?" rief sie Ms.Guten Tag!"

Tie Heiterkeit, die sie, indem sie die Gesellschaft be­grüßte, zur Schau trug, hatte etwas Dämonisches. In »hren Augen leuchtete ein eiskalter Glanz, eine Art von der Grausamkeit, mit der sie soeben die unschuldigen Tiere »iedergeschossen hatte. Noch immer hielt sie den Revolver in der Hand, als hätte sie erbarmungslos an Beute noch nicht genug. So stand sie da, umringt wie von einem Hof­staat, der ihr zujubelte in der ganzen Pracht ihrer Rasse, von der Fred gesprochen hatte, beseelt von jenem großen Zuge, der durch ihr ganzes Volk ging der Kraft des! Willens, der aus dem öden Boden plötzlich jene Riesenstädte zaubert, der alle jene ungeheuren Wunder schafft an Bauten, Merken, Unternehmungen das Weib als Herrscherin und Königin.

Auch Bessie und Fred bemerkte sie jetzt.

Nun, seid Ihr wieder da?" sagte sie,Ivie habt Ihr .Euch unterhalten?"

Es ist nichts mit ihm anzufangen", klagte ihr Bessie ins Ohr.

Fred machte ein finsteres Gesicht, aber sie konnte sich jetzt nicht um ihn bekümmern, und selbst Herr Westheim schien heute darauf verzichten zu müssen, ihr seine Huldi­gungen zu Füßen zu legen, denn plötzlich rief fie:Mister

Sie hätte ihn bemerkt und' eilte auf ihn zu. Es wär,

als existierte in diesem Augenblick kein anderes Wesen mehr in diesem Saal für sie. '<

Sie bringen mir Nachricht?" raunte sie ihm zu.

Ja", erwiderte er.

Tie Diener reichten jetzt Champagner und Limonade herum.

Kommen Sie!" sagte sie.

Sie ging ihm voran.

Man trat in ein kleines, in japanischem Geschmack ausgestattetes Gemach. Unter einem weißjblühenden Malwenbusche, der am Fenster in einer riesigen Vase stand, ließ sie sich nieder.

Nun?" begann sie,Sie bringen mir meine Freiheit! Endlich!"

Mister Hitchock hatte auf einem Stuhl ihr gegenüber Platz genommen.

Sein schmales, langes, glattrasiertes, von hundertFalten durchfurchtes Gesicht mit den klugen Augen, dem aber das Weiße Kopfhaar etwas Ehrwürdiges gab, blieb unbeweglich

Tas nicht", erwiderte er.

Bell fuhr zornig auf.

Noch nicht?" rief sie,wie lange soll ich noch warten."

Zuerst beruhigen Sie sich', fuhr Mister Hitchpck trocken fort.Sie werden sich eben so lange zu gedulden haben, als es notwendig ist. Dagegen bringe ich Ihnen eine andere Nachricht."

Von ihm?"

Jawohl von ihm. Ich habe einen Brief von ihm bekommen. Kurz und gut, er hat mich beauftragt, Ihnen ein Anliegen zu unterbreiten. Er wünscht noch einmal eilte1 persönliche Unterredung mit Ihnen. Er würde zu diesem Zwecke, wenn Sie ihm seinen Wunsch gewähren wollten, eigens herüberkommen. Ich soll ihm nun antworten, ob! Sie dazu bereit sein würden oder nicht."

Bell war blaß geworden.

Sie atmete schwer.

Was will er?" fragte sie endlich in hartem Ton.

Tas hat er mir in seinem Briefe nicht geschrieben. Ich vermute deshalb, daß er das Ihnen ganz allein zu sagen hat."

Bell stand auf.

Sie Ivar offenbar bewegt.

Unruhig ging sie auf und ab. Endlich vor denr Malwen- strauche blieb sie stehen.

Ich habe nichts mehr mit ihnt zu schaffen", sprach fie schneidend,schreiben Sie ihm das!"

Gelassen war Mister Hitchock auf seinem Stuhle fitzen geblieben.

Davor werde ich mich in Acht gehmen", erwiderte er in vollster Seelenruhe.

Was soll das heißen?"

Tas soll heißen, daß er kommen wird und daß Sie ihm diese Unterredung bewilligen werden."

Bell richtete sich hoch auf und ein Zug von abgrund­tiefer Verachtung, von triumphierendem Hohn spielte um ihre Lippen.

Ich verstehe", rief sie,er hat Ihnen gedroht. Die Trennung ist ja nur mit seinem Einverständnis möglich und diese Unterredung, diese Entrevue, das ist die Bezahlung, die er dafür verlangt?"

Nein", antwortete Mister Hitchock unerschütterlich, und und in demselben Tone fuhr er fort:Wenn Sie nicht blind sind, dann müssen Sie auch wissen, daß er nicht der Mann ist, der so handeln würde. Er hat in der ganzen An­gelegenheit von Anfang bis zu Ende jedes Opfer für Sie gebracht. Das Rechst, das gesetzliche, ist auf seiner Seite. Sie haben sich von ihm getrennt aus eigenem Antriebe. Böswillige Verlassung" heißt dieses Argument in Deutsch­land. Er hatte das Recht, einen Rückkehrbefehl gegen Sie zu erlassen. IN Ihrem Sinne hat er darauf verzichtet. Das Gesetz giebt ihm Ansprüche an Ihr Vermögen. Er weist diese Ansprüche, gleichsam als eine Beschimpfung für ihn, zurück. Wäre er kein Deutscher, sondern ein Amerikaner, so würde er klüger sein. Das alles wissen Sie, aber weil Sie ihm nicht vergeben können, so wenden Sie die Augen davon ab. Der Haß verblendet Sie."

Während er sprach, hatte sie sich dem Fenster zu gekehrt, wie um ihr Gesicht zu verbergen. Jetzt wandte sie sich um. Ter Ausdruck in ihrem Gesicht war unverändert.