(Nachdruck verboten.)
Miß Cookson aus New-Aork.
Won Heinrich Lee.
(Fortsetzung.)
Bell war, als man ankam, nicht zu Hause. Auch in ihrer Jacht war sie heute nicht. Robinson, der schwarze Diener, sagte, daß sie ausgeritten war.
Bessie hatte sich sofort, um Toilette zu machen, auf ihr Zimmer verfügt, und Fred sich in seine Wohnung begeben, um dort gleichfalls seinen Anzug zu wechseln. Als er eine halbe Stunde später in Bells Hause eintrat und ihm Robinson die Thür zum Gartensalon öffnete, fand er dort, in den Anblick eines Gemäldes versunken, Mister Hitchock.
Mister Hitchock war Bells Rechtsanwalt. Es war schon ein ziemlich alter Herr, seinem Wesen nach als äußerst schweigsam, dabei auch etwas knurrig und kurz angebunden bekannt, was daher kam, daß er Dank seiner erprobten Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit eine sehr große Anzahl Klienten besaß, die seine ganze Zeit in Anspruch nahmen. Mister Hitchock war gleichfalls erst soeben eingetroffen. Er kam von Newyork und wartete nun.
Fred begrüßte ihn.
„9hirr, Wie steht die Sache?" fragte er dann ungeduldig, Womit er den Verlauf von Bells Scheidungsprozeß meinte, >,Wie lange Wird Bell noch zu warten haben? Bringen Sie ihr eine gute Nachricht?"
Mister Hitchock antwortete nicht, sondern vertiefte sich Wieder in das Studium des Gemäldes.
Fred stampfte mit dem Fuße auf.
„Warum diese Verzögerung? Nach den Gesetzen unseres Landes wäre Bell schon - zehnmal frei. Was haben wir uns hier um dieses Deutschland zu bekümmern?"
Seit Bells Heirat gehörte Fred zu der Klasse junger Männer seines Landes, die England ihre Freundschaft und Deutschland ihren Haß zukommen ließen. Nicht nur der ganze Stolz, sondern auch! der ganze Hochmut des amert- kanischen Bürgers steckte in ihm. Außerdem War er Mitglied eines Klubs, in dem die chauvinistischen politischen Tendenzen noch ganz besonders stark kultiviert wurden. .Es War gerade um die Zeit, als die ersten Anzeichen des Konflikts mit Spanien Wegen Cuba am Horizont aufstiegen, und Fred trat in den Versammlungen als einer der enragier- testen, aber auch besten Redner aus.
Mister Hitchock brummte etwas vor sich hin, was un- tzefähr so klang, daß sich jeder um seine eigenen Angelegenheiten bekümmern möchte und daß fremde ihn nichts an- gingen, und Fred gab den Versuch, aus diesem Mann etwas LerauSzubekommen, ärgerlich! auf. Es War die Stunde, um Welche Bell sonst von der Aacht zurückkam und Visiten empfing, und deshalb waren Fred und Mister Hitchock bald
Freitag Len 22. August.
. n.LMlr-
1902. — Nr. 124
8
U li » MW
!.r.
w
nicht mehr allein. Sarah Ward, Bob Till, Dobby Wilson kamen — alle drei vom Polo-Platz, und Bob, der nur im Vorübergehen vorsprechen Wollte, sogar noch in seinem Clan-Anzug, dste bauschigen Kniehosen in gelben Stiefelschäften, das Hemd und dre Mütze in den Farben des Clans. Auch Bessie trat jetzt ein und endlich war auch Herr Richard Westheim zu sehen. Man plauderte, man sprach mit Eifer von beit neuesten Ereignissen, von der Affaire des alten Vanderbilt in Baden-Baden, Wo man ihn mit einer; Varistssängerin am Arm gesehen hatte, von seiner Tochter/ jetzigen Herzogin von Marlborough, und dem Besnch, den der deutsche Kaiser ihm in Windsor gemacht hatte, von einem Boxer, der jetzt in Newyork bewundert wurde, von dem Stand gewisser Börsenpapiere, von den jetzt aufgekommenen TheebLoern, die der Schönheit so förderlich sind, von dech letzten Washingtonfest bei Astors, wo alle Wände voll mit einer neuen Sorte Rosen besteckt waren, das Stück einen Dollar, man plauderte von Cuba und man plauderte von dem High-Kicking-Klub, zu dem sich- einige Damen in Newport zusammengethan hatten, darunter natürlich auch Bessie. „High-Kicking" — das War das Neueste. Bessie hatte darin den Rekord errungen. Sie kam auf so und soviel Fuß nnd soviel Zoll. Herr Westheim, der den Damen wieder viel Stoff zur Heiterkeit gab, hätte Miß Bessie gern einmal in dieser Kunst bewundert, aber das ging natürlich nicht, denn Bessie hatte das betreffende Kostüm dazu nicht an. Herr Westheim hatte in der Gesellschaft aber einen Feind, denn er war Deutscher und darum haßte ihn Fred. Außer- dem bewarb sich dieser Mister Westheim ganz offenkundig um Bells Gunst. Das war also für Fred noch ein zweiter, besonderer Grund. Eine plötzliche Wendung nahm aber die Unterhaltung, als man jetzt Herrn Hitchock entdeckte. Er hatte sich in ein kleines Seitenkabinett zurückgezogen, WO es ein Paar reich mit Goldbronee montierte und von Boneot bemalte Vasen aus Sevres zu bewundern gab. Zwar ließ sich Mister Hitchock nicht stören, das Thema aber, dem sich jetzt eben das Gespräch zukehrte, War damit gegeben — Bells Scheidung. War denn die Sache n o ch nicht perfekt? Da sah man die Langsamkeit Europas.
„Ist es denn wahr, meine Damen", fragte Herr Westheim, „daß in Chieago auf dem Bahühof die Schaffner ausrufen: Die Herrschaften, die sich scheiden lassen Wollen, zwanzig Minuten Aufenthalt — und Wer sich beeilt, daß der sich, bis der Zug abfährt, auch gleich wieder frisch verheiraten kann?"
Alles lachte.
„Schade", fetzte Herr Westheim hinzu, „daß die Frau Baronin von unseren Gerichten einen schlechten Begriff bekommen Wirb."
„Meine Cousine ist keine Baronin", rief Fred Von dem kleinen Spieltisch aus, an dem er stand, „meine Cousine rst Amerikanerin. Wir in Amerika, Wir sind Plebejer. Wir sind Kinder des BvlkeK, Das ist unsere Stärke, darin lregk


