Ausgabe 
22.3.1902
 
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Auf die Abfahrt am andern Morgen hatten Wir uns umsonst «gefreut: Schnee bedeckte die Straße und die grünen ! Buchen. An Fahren war nicht zu denken, wir drückten die Räder zur Bahn und bestiegen den Zug nach Corte. Und schwerlich hätten wir vom Wege aus diese merkwürdigen Einblicke" in die wilden Bergschluchten gehabt; es war eine Gebirgsfahrt, die sich in mancher Hinsicht mit der Reise durch' den Gotthard vergleichen darf. Unterwegs kam dre Sonne endlich zum Vorschein, und in die einstige Korsen­hauptstadt rückten wir wieder hoch zu Rad bei prächtigem Wetter ein.

Corte, überragt von der auf steilem Felsen thronen­den Citadelle, macht einen höchst malerischen Eindruck. Der berühmte korsische Diktator Paoli hatte die kleine Stadt zum Sitze der demokratischen Regierung gemacht, und auch eine Universität daselbst gegründet; beides ist längst dahin. Nach dem Essen machten wir einen Abstecher in das Thal der R a st o n i c a, welches uns ungemein gerühmt worden war. Der ohnehin schlechte Weg stieg bedeutend. Zwei Rerse- gesührten erklärten deshalb unterwegs Zurückbleiben und unsere Rückkehr erwarten zu wollen. Der Botaniker und ich ließen daher die Räder in der Obhut der beiden Herren und drangen noch ein gut Stück weiter vor. Allein trotz hübscher Ausblicke auf schneebedeckte Ketten empfanden wir doch einige Enttäuschung und wandten endlich um. Fried­lich lehnten unsere Räder allein an der Felswand-. Bald hatten wir die vorausgefahrenen Genossen im Hotel Paoli wieder erreicht.

Es war bereits 4 Uhr geworden; 72 Kilometer waren

von Corte noch bis Bastia zurückzulegen. Und soweit sollten wir planmäßig noch an diesem Samstag gelangen; denn wir schrieben den 13. April, und am 15. ging unser Schiff. Da hieß es also nicht säumen. Einige kleine Cols mußten überwunden werden, dann radelten wir der Ebene und dem Meere zu; d-er recht schönen Gegend konnten wir leid-er diesmal nicht die gebührende Aufmerksamkeit schenken.

Als wir um i/ä9Uhr Bastia erreichten, war es längst finster, von Straßenbeleuchtung kaum eine Spur, unsere Acetylenlampen waren eigentlich- die einzigen Lichter. Der Eingang zur Stadt sah' wenig vertrauenerweckend aus: hohe, düstere Häuser und im Straßendunkel etwas frag­würdige Gestalten. Mit geringer Hoffnung auf anständiges Unterkommen ftlhren wir vorsichtig weiter. Doch- im^nnern der Stadt wurde die Beleuchtung besser, die Wohnungen freundlicher, und unser Hotel de France erwies sich als em recht guter Gasthof; wir waren glückliche die Berne von den Pedalen rrehmen und unter einen gedeckten Tisch strecken

Auflösung des Arithmogriphs in vor. Nr.: Maskenball; Mel, Salm, Kabale, Elsa, Rebel, Ball, Alba, Lama, Kamm.

zrr können.

Der folgende Morgen sah uns wieder zu Rad. Die Fahrt -ging am Meeresstrande entlang in der Richtung nach Cap Corse, der Nordspitze der Insel Wir gelangten bis San Severa am Ausgange eines lieblichen Thalev, wo Reben, Orangen und Citronen in Menge gedeihen. . Hier machten wir Mittag und legten »ns dann dm Meere in den Sand, nur bedauernd, daß Zert und Schicklichkeit ern Bad nicht zuließen. Der Nachmittag war der Besichtigung von Bastia gewidmet, es ist der wichtigste Halidelsplab und mit seinen 23 V00 Einwohnern die größte Stadt Korsikas. Sehr interessant ist der alte Hafen mit Jemen schmalen, hohen Häusern, über denen oben am Felsen die alten Befestig­ungen sich hinziehen. Da es Sonntag war, herrschte -em lebhaftes und vergnügtes Treiben am Strande. Einen be­lustigenden Anblick bot die Mannschaft eines griechischen Schwammfischers, welche, der Kapitan an der Spitze,, mit großem Eifer sich einem heimatlichen Spiele hmgab, ernem Mittelding zwischen unserem Reiterball undDritter Mann", wobei die Spieler sich gegenseitig auf dem Rucken herumturnten. Am Abend stießeii wir zum letztenmal m Bastia vier große Münchener zusammen, unter besch-au- 1 lickenl Rückblick auf die Erlebnisse der vergangenen Woche.

Redaktion: E. Burkhardt. Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerci (Pietsch Erben) in Gießen.

aber diese vortreffliche Heizeinrichtung rauchte wohl, er- wärmte aber kaum. Allmählich brachten wir uns indessen doch in ganz gemütliche Sftmuuing und dinierten mit Be­hagen.

Bizzavona ist Hochsommerfrische iind Ausgangspunkt für Hochtouren; in 7 Stunden erreicht man den Gipfel des Monte Rotondo (2625 Meter). Für Korsen und Italiener bietet der Aufenthalt etwas b-esonders Anziehendes, was iedoch auf uns weniger Eindruck machte: Buchen- uud Tannenwald bildet die unmittelbare Umgebung, und inan könnte sich in den Taunus oder Schwarzwald versetzt wähnerl, ivenn nicht am Wege und an den Felsen Alpen­veilchen, Krokus und Anemonen blühten, und ivenn nicht zivischen den Regenwolken die Schueefelder und Fels- zacken des Hochgebirges herunterleuchteten, von denen die Wasser donnernd zu Thal stürzten. Graue Schlerer flogen um die Berggipfel, doch bis zur Paßhöhe wollten wir wenigstens Vordringen. Die Regenkapuzen wurden um- gehängt, und auch der Himmel hatte ein Einsehen, es tropfte nur noch sachte weiter. Das kleine Gasthaus am Eol mag zur Sommerzeit gewiß sehr schön sein, heute sah es traurig aus. Der Frühling hatte sich auch hier spat eingestellt, so - war man noch im Einrichten begriffen. Durch die öden Wirtsräume wurden wir jedoch in ein behagliches Zimmer geführt, das auf uns sogleich- einen anheimelnden Eindruck machte, und siehe, die Bild-er an den Wänden stellten An­sichten aus Dänemark und Deutschland dar. Hier mußten Stammverwandte hausen! Die bald erscheinende Wirtrn bestätigte diese Vermutung, sie war Dänrn und sprach gut deutsch, der Gatte war Schweizer. Ju der Unterhaltung berührten wir ein sehr interessantes Thema: korsische Brr- ganten. Frau Wirtin gab einige charakteristische Bilder aus dem Leben dieser Würdigen, sie hatte Gelegenheit gehabt, einen der ersten Vertreter des Brigantentums kennen zu lernen. Bellacoscia hieß der bei seinen Landsleuten höchst berühmte und geehrte Herr. Hier am Mte. Rotondo hat derKönig der Berge", wie er sich selbst nannte, lange ge­haust und aller Versuche der Gendarmen, ihn zu fangen, gespottet. Während diese Diener der Gerechtigkeit da, wo wir jetzt saßen, ihren Wein tranken, lag der gesuchte Brigant friedlich auf einem nahen Felsen. Das Gasthaus hat er öfters besucht, und die Wirtin besitzt noch« Briefe, m denen er sich Lebensmittel bestellte. Schließlich hat die fran­zösische Regierung mit dem Manne unterhandelt, daß er freiwillig außer Landes ging, dafür aber eine Pension bezog. Er ist dennoch zuweilen wieder in die Heimat ge­kommen und auch dort von einem Amerikaner porträtiert worden. Echt korsisch! Befriedigt trollten wir wieder bergab nach unserem Hotel in Bizzavona.

Bastia vier große Münchener zusammen, um« n lichem Rückblick auf die Erlebnisse der vergangenen Woche.

Um 10 Ubr des anderen Morgens sollte das Boot uns Wied?? vori der schönrn Insel entführen. Es war ern imiitmikckier Rubattrno-Tampfer, Mit dem wir dre ?)ayrr nach Livorno machen wollten. Wie wir nach früheren Er­fahrungen es uns zur Gewohnheit gemacht hatten, saßen mir eine gute Stunde vor der bestimmten Abfahrt mt Sattel un? fuhren dem Hafen zu. Allem der Wmd wehte von der See her so heftig, daß wrr abstergen mußten. Als wir nach Verladen der Räder mit der üblichen Trrnkgeld- verabreichung den Kapitän fragte«, wann sich nun der Dampfer auf den Weg machen würde, erklärte er gemutlrch. wenn der Wind Nachlasse; -es sei nicht möglich, aus dem enaeu ftafert zu kommen, -er müsse gewärtigen, daß ihm d«is Sckrifs an die Mole geschleudert, und wir sämtlich Sbe&feÄ ^i^^Mtck mi?MftKdsL!L

tefilÄfuS HatteMWA-MD-Ä»- überhaupt immer zuzunehmen.

Die See war noch recht bewegt; ab uni'M.klatschte eine kräftige Welle über das Teck hm. Korsika mit fernen I stolzen, schneeglänzenden Bergketten verschwand allmählich ISS, die Felseninsel Capraia tauchte auf ftrnher rmifcfe das berühmte Eiland Elba. Die Turme uno ffL S breitete sich die ganze große Handelsstadt vor uns aus. Es dunkelte bereits, als unser.AiMpftr im __

Anker ging, und wir den italienischen Boden betraten.