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dem Dache kreischten im Nordwest. Das Brausen und Rauschen der Menschenwogen im Saal erstarb im Donner der Brandung, die jenseits der Dünenkette den Strand peitschte. Hinter der vorspringenden Stallecke stand Niklas Breeden. Vergebens hatte er seine Blicke durch die Nacht geschickt, daß sie ihn letten sollten; sein Ohr führte ihn an den rechten Ort.

Als die Stimmen der beiden jetzt zum Flüstern herab­sanken, lauschte er uicht länger. Mit einem Aufstöhnen brückte er die Fäuste an seine Stirn und rannte vorwärts, blindlings gradaus, den Dünenhang hinauf. Nur jetzt vou keiuenl gesehen werden, nur jetzt keiner Stimme Trost­spruch hören! Ihm war jainmervoll zu Mut. Blendend wie eine Sonne war diese späte Liebe in seinem Leben aufgegangen; nun sie schwand, ließ sie ihn in einem Dunkel zurück, so schwarz wie die Nacht, die über der Insel brütete. Er hatte es ja gewußt, gefürchtet von Anfang an! Jugend hält zu Jugend. Er dachte nicht groß von sich; er sah sein Bild nicht in der Verklärung, womit seines Bruders Liebe es umwob. Nicht einmal zürnen konnte er der Treu­losen. Wilm Jansen, ja, solch einen mochte ein Mädchen wohl lieb haben. Und für die Mutter und aus Not wollte sie sich dein Niklas Breeden geben--armes Ding! So

gutmütig, so kindertreuherzig war der Sinn dieses Mannes, daß er in all seinem Schmerz, seiner bittern Enttäuschung, erwog, ob er der Kleinen nicyt dennoch beispringen, nicht doch ihr aus dem Elend helfen könne, wenn sie auch nicht seine Frau wurde. Dabei schämte er sich seiner Weichheit, seiner Thränen, die ihm unaufhaltsam aus den Augen rollten, und den geblümten Sammet seiner Bräutigamsweste netzten.

Er stand jetzt auf dem Grad der Düne. Von vier Seiten brandete unter ihm die See; schwer hingen die schwarzen Wolken darüber; und kein Lichtstrahl weit und breit, als das matte Schimmern der weißen Wogenkämme, als das düstere Glutauge des Leuchtturmes, der auf seinem Tünensockel thronte, inmitten des Rauschens, Heulens, Pfeifens und Brausens wie ein ungeheures Götzenbild auf seinem Altar.

Ter einsame Mann riß den Rock über seiner Brust weit auf und lief mit. ausgebreiteten Armen den Hang hinunter, den heranrollenden Wellen, dem Sturmwind ent­gegen. Sie mochten's für ihn, den Stummen, hinaufheulen, hinaufdonnern zum verschlossenen Himmel, was er litt, was unaussprechlich ihm das Herz zusammenschnürte!

Am Strand blieb er aufatmend stehen. Er war kein Philosoph, mit Worten hätte er den Grund nicht angeben können, warum das oft gesehene Schauspiel ihn besänftigte. Aber wie Welle auf Welle auf den Strand zischt, mit zornigem Brausen zerstiebt, zerrinnt, gewesen ist, wie die Molken über ihm hinschießen, pechschwarz, drohend, und sich auflösen und Tunst sind, da fühlt er den Schmerz in seinem Herzen langsam zusammenschrumpfen neben der gewaltigen, gleichgültig grausamen Größe von Meer und Himmel, da will es ihn bedünken, als seien die einzelnen Menschen mit ihrem heißen Begehren auch nur Wellen, Molken. Aber weshalb denn so bitteres Leid tragen um einer Wolke, einer Welle Versprühen? Der gebrochenen St eine neue, und wieder und nochmals in endloser' ge. Das Meer lebt, oft auch seine Wellen sterben.

Niklas dachte es nicht mit Worten und Begriffen, aber eine stille, große Ergebung kam über ihn. Die Seele wurde ihm frei und weit wie damals, als er mit dem Bruder und der sterbenden Mutter das Abendmahl empfangen hatte. Er fühlte ganh, seinen Schmerz; aber der Schmerz über­wältigte ihn nicht mehr. Morgen würde er der Braut das Geständnis von den Lippen nehmen, den Verspruch lösen. Tann war der Traum ausgeträumt und das Leben setzte ein, wie es gewesen war, wie es bleiben würde, bis die kleine Welle, Niklas Breeden, verrauschte in den Schoß der Ewigkeit.

Und wärend er stand, brach plötzlich fern über der Meeresfläche ein leuchtender Stern aus den Wolken, ein einziger am weiten, dunklen Himmel. Dem Schauenden erschien er wie eine Verheißung.

Ta fuhr er herum. Eine Stimme, eine schreckliche Stimme, heiser von Zorn, Haß und Trunkenheit überbrüllte ekel und gellend die Brandung und den Sturm:Hund! Ick sla di dod!"

Ten letzten Abhang der Düne herab! Wer den breiten,

weißschimmernden Strand kam ein Schatten dahergejagt, der etwas über seinem Haupte schwang.

Ick sla di dod!"

All die von der Bitterkeit der Stunde zurückgedrängte heiße Lebenslust des gesunden, kindlich frohen Menschen wachte auf bei dem Ruf.

Gott! Gott! Worüm denn? Wat heb tk di dahn?'«

Ick sla di dod", heulte der Mensch mit der Hart­näckigkeit der schwer Betrunkenen immer den einen Satz wiederholend.

Niklas flüchtete zwischen die Strandkörbe, er verschanzte^ versteckte sich hinter, in ihnen. Wer wie ein Ball überflog sein Verfolger jedes Hindernis. Die Axt wirbelte über seinem Kopfe.

Ick sla di dod! Ick sla di dod!"

Niklas erkannte ihn endlich.

Jan Jürgens! Jan Jürgens! Heft du denn ent Pik up mi? Ick weet 'r nix dun Man ick will'b gliek maken. Jan Jürgens, ick bib die um Gottes willen! To mi nix to leed!"

Ter sprang unaufhaltsam näher. Nur von der Ge­schwindigkeit seiner Füße durfte der Angegriffene Rettung hoffen. Er wandte sich, er rannte den Abhang hinauf, atem­los zitternd. Hinter ihm keuchte der Verfolger. Einsam der Strand, einsam die Dünen! Zu weit das Dorf, und die Glieder zu steif, als daß er hoffen durfte, es rechtzeitig zu erreichen. Und niemand, niemand, so weit die Stimme hallte! Aber von der Höhe herab schimmerte tröstlich das Licht des Leuchtturmes, der einzig helle Punkt in der Ver­schwimmenden Dunkelheit von Land, Meer und Himmel. Und wie die Motte zum Licht, so strebte der Unglückliche in seiner Todesnot hinauf, der Flamme entgegen, als wär' sie eine schirmende Gottheit. Sein Fuß sank, tief in deu losen Sand, er strauchelte, er glitt, er raffte sich auf. Und weiter, ohne Rast, ging die fürchterliche Jagd den Dünen- hang hinauf. Niklas Breedens Brust keuchte zum Zer­springen, seine Kniee wankten.

Hilfe! Hilfe! Jan Jürgens, vermoord mi nich! Jan Jürgens, ick will di ook mien Kompaß schenken, de di sv in de Oogen steckt hett Ick will Jan Jürgens! Gott/ erbarm' Dich meiner!"

Da sauste die Axt durch die Luft. Ohne einen Laut fiel Niklas Breeden vornüber. Ueber ihm flimmerte der Leuchtturm, brauste der Nordwest. Unten rauschte die See, und die Dunkelheit war so dicht, daß der Mörder den Blut­strom nicht sah, der aus dem gespaltenen Schädel in den Sand rann.

Aber er beugte sich nieder in trunkener Neugier. Er wollte wissen, ob der genug hatte? Und strauchelnd fiel er; seine Hand glitt im Sturz über die Brust des reglos Liegenden und er blieb verblüfft, blödsinnig starrend halb aus den Knieen liegen. Was seine Finger da griffen, war doch Sammet. Er konnte sich nicht besinnen, aber etwas war hier gewiß nicht in Ordnung. Sammet Sammet? Nein. Trug Wilm denn Sammet? Hastig packte er den Hingestreckten an der Schulter, drehte das Gesicht herum, beugte sich tief darüber, mit weit aufgerissenen Augen die Dunkelheit durchbohrend. Und plötzlich stieß er einen gräßlichen Fluch aus und sprang auf seine Füße. Ein Schauder schüttelte den rohen Gesellen vom Kopf bis! zu den Zehenspitzen, und seine Zähne schlugen aufeinander. Er hatte sich geirrt!

Tie Hände an die Schläfe pressend, sprang er in weiten' Sätzen über die Dünen zurück ins Dorf. Vor der Thür beim Eschenwirt stand die rote Trina, die nach ihm aus­schaute. Drinnen tanzten sie. Er faßte ihre Hand, ritz sie mit sich in den Schatten.

Trina! Deern! Geld! Geld! Giv mi Geld!" Nee du fällst hüt dich mehr drinken!" Trinken! drinken!t geiht üm't Leeden, Wichts Ein Lichtschein aus dem Saal fiel auf seine Gestalt. Trina schrie laut auf. An den Aermeln klebte Blut.

O, Jan, wat heft du dahn?"

Anke nich! Dahn ts dahn! Ick wull, ick harr't nich dahn! Du mußt mi helpen, Deern. Ick bün di jümmer goo to west. Ick! frije di"

Ah, lög nich!"

Ick swör't di! Ick will verdarben, äs' ick nich wohr segg! Mien lees, mien best Trientje! Help mi man dit eenmal ut de Sopp, in de ick sitt! ---Ah, wi snackt